Video aus Unglückszug "Zeigen oder nicht zeigen?"

Stand: 09.02.2016 22:20 Uhr

Das Augenzeugenvideo aus dem Unglückszug kursiert im Internet - und damit steht die Redaktion der tagesschau vor der Frage: "Zeigen oder nicht zeigen?" Die Redaktion hat sich dafür entschieden, Ausschnitte zu zeigen.

Von Kai Gniffke, Chefredakteur ARD-aktuell

Seit heute Abend gibt es ein Video auf YouTube, das ein Fahrgast in Bad Aibling unmittelbar nach dem Unglück im Zug gedreht hat. Das Video dokumentiert den Schockzustand, das Trauma und die Verletzungen der Menschen im Zug. Die Bilder der Opfer und das Wehklagen der Menschen, das über Minuten zu hören ist, kann man kaum ertragen. Schwer zu entscheiden, ob wir dieses Video für die Berichterstattung in der Tagesschau verwenden.

Mein erster Impuls war “Geht gar nicht”, das sollten wir den Leuten nicht zumuten. Soll sich doch jeder der mag, das Video im Netz aufrufen. Dann kann man sich bewusst entscheiden, ob man das ansehen möchte. Außerdem müssen wir zunächst sichergehen, ob das Video authentisch ist. Stammt es von heute? Zeigt es das Unglück von Bad Aibling? Kann es ein Fake sein? Unser Verifikationsteam hat die Quelle und den Inhalt geprüft, so dass wir sicher davon ausgehen, dass es sich um das handelt, was es vorgibt zu sein. Also bleibt die Frage für uns “zeigen oder nicht zeigen”?

Sehr schnell herrscht in der Redaktion Einigkeit, dass wir die Verletzten nicht zeigen, die in dieser traumatisierten Situation gefilmt wurden. Auch ihr Weinen, ihr Stöhnen und ihre Hilferufe sollten wir auf keinen Fall dokumentieren, und zwar aus Respekt von den Opfern. Außerdem würde es mit Sicherheit viele Zuschauer verstören, die nicht schnell genug an die Fernbedienung kommen. Auf der anderen Seite ist das Video ein authentischer Blick auf das Unglücksgeschehen. Wir zeigen schließlich ja auch die Rettungsarbeiten, die Bergung der Verletzten und den Zug von außen. Deshalb komme ich zu dem Ergebnis, dass dieses Bildmaterial unsere Berichterstattung ergänzt und dass wir darauf zurückgreifen sollten. Aber wir tun es so verantwortungsbewusst wie wir können. Wir zeigen nur eine Sequenz ohne Bilder von Verletzten und ohne Ton. Sie mögen einwenden, dass ist ein halbherziger Kompromiss. Ein Kompromiss vielleicht, aber einer, der dem journalistischen Informationsauftrag ebenso gerecht wird, wie dem Respekt gegenüber den Opfern – und den Zuschauern. In der Tagesschau hatten wir die Bilder am Anfang unseres Aufmachers, auf tagesschau.de haben wir eine Auswahl aus dem Rohmaterial getroffen.

Bleibt noch eine Frage. Wie kann jemand in einer solchen Situation mit so vielen Verletzten über mehrere Minuten mit dem Smartphone einfach “draufhalten”. Dieses Verhalten ist doch eigentlich empörend. Aber auch dieser Mensch hat das Unglück im Zug miterlebt, ist möglicherweise tramatisiert und hätte sich anders verhalten, wenn er als Unbeteiligter an die Unglücksstelle gekommen wäre. Ich möchte mir über ihn kein Urteil erlauben.

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