Ein Bauer besprüht sein Feld.  | Bildquelle: dpa

Anhörung im Bundestag Streit um Glyphosat

Stand: 29.09.2015 09:58 Uhr

Glyphosat ist das meistverkaufte Unkrautbekämpfungsmittel - in Deutschland wird es auf 40 Prozent der Ackerflächen versprüht. Laut WHO ist es aber wahrscheinlich krebserregend. Die Zulassung läuft Ende des Jahres aus. Nun soll es neu zugelassen werden.

Von Marie von Mallinckrodt, ARD-Hauptstadtstudio

Glyphosat ist das weltweite Standardmittel für die Landwirte und ein Milliardengeschäft für Konzerne wie Monsanto. Und genau für dieses Mittel kämpfen die Konzerne nun um eine wiederholte Zulassung in der EU. Ende des Jahres läuft die alte Zulassung aus. Eine Erneuerung schien bislang reine Routine zu sein. Bis im März dieses Jahres die Krebsforschungsagentur der WHO verkündete, Glyphosat sei wahrscheinlich krebserregend.

Gefährlich oder nicht?

Doch wie reagieren die zuständigen deutschen und europäischen Behörden darauf? Genau darüber wurde heute im Bundestag gestritten, denn Deutschland ist in der EU turnusgemäß verantwortlich für die Neubewertung.

Draußen vor der Tür gibt es für die Abgeordneten noch eine Campact-Unterschriftenliste mit auf den Weg zur Anhörung. 6700 Ärzte sind gegen Glyphosat. Ein aus ihrer Sicht ganz klar gefährliches Herbizid - also Unkrautbekämpfungsmittel. Drinnen sind viele Experten und Wissenschaftler geladen, die genau das sehr unterschiedlich sehen. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Sein Urteil ist letztlich auch entscheidend für die EU-Neuzulassung, da es der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) die wissenschaftliche Einschätzung dazu liefert.

Ärzte überreichen eine Unterschriften-Liste an Abgeordnete ehe die Anhörung beginnt | Bildquelle: Marie von Mallinckrodt
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Ärzte überreichen eine Unterschriften-Liste an Abgeordnete ehe die Anhörung beginnt.

Am BfR wurde in den vergangenen Wochen Kritik laut, es habe zu industriefreundlich über Glyphosat geurteilt. Die Skepsis rührt in diesem Fall von der unterschiedlichen Bewertung zweier Institute. Das BfR hatte nach der neuen WHO-Einstufung erklärt, dass nach derzeitiger, wissenschaftlicher Kenntnis keine gesundheitliche Gefährdung durch Glyphosat zu erwarten sei, wenn es bestimmungsgemäß und sachgemäß angewendet werde.

Vorwurf der Industriefreundlichkeit

Vielleicht auch deshalb betont der Präsident des BfR, Andreas Hensel, dass das laufende Genehmigungsverfahren noch nicht abgeschlossen sei. Den Vorwurf der Industriefreundlichkeit weist er von sich und betont die Unabhängigkeit des Instituts: "Es erfüllt mich mit Sorge, wenn wir verdächtigt werden, von Wirtschaft oder Politik beeinflusst zu werden."

Ein Experte der WHO, Ivan Rusyn, kritisiert etwa, dass manche Tierstudien aufgrund der Dosierung gar nicht in die Auswertung des BfR mit einbezogen worden seien: "Das wäre für mich das erste Mal, dass ich ein wissenschaftliches Institut erlebe, das eine solche Praxis hat." Das BfR hat bereits seine Einschätzung, die auch auf Erkenntnissen aus Studien der Industrie beruht, nach Brüssel geschickt. Dort muss nun die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA ihre Empfehlung abgeben. Und dann, darauf verweist das BfR, würden auch alle Daten öffentlich gemacht. Dann wird es für die Wissenschaft noch einmal spannend und auch für die Politik.

Ruf nach Risikoforschungsfonds und Ausstiegsplan

Nach der Anhörung fordern die Grünen im Bundestag eine Überprüfung der Zulassungsverfahren: "Die Bundesregierung muss dafür sorgen, dass das laufende europäische Verfahren auf Grundlage eines neuen, von unabhängigen Fachleuten erarbeiteten Bewertungsberichts neu aufgerollt wird. Sie muss angesichts der systematischen Fehler, die bei der Erarbeitung der BfR-Stellungnahme gemacht wurden, umgehend eine Untersuchung einleiten", sagt Harald Ebner von den Grünen. Man fordere einen Risikoforschungsfonds, in den die Industrie einzahle und dann damit unabhängig geforscht werden kann.

Die Fraktion der Grünen wie auch die der SPD sprechen sich dafür aus, das Mittel aus Vorsorgegründen umgehend aus dem freien Verkauf zu nehmen. Darüber hinaus fordert Rita Hagl-Kehl von der SPD einen Ausstiegsplan für die Anwendung von Glyphosat in der Landwirtschaft.

"Keine Zweifel an der Unabhängigkeit des BfR"

Die Union hingegen ist in diesem politischen Streit zunächst ganz auf der Seite des BfR. Hermann Färber von der CDU sagt, er zweifle nicht an der Unabhängigkeit des BfR: "Ich vertraue sehr stark auf unsere bewährte Form des Zulassungsverfahrens." Die Europäische Kommission hat bereits eine Verlängerung der Zulassung bis Ende Juni 2016 vorgeschlagen. Vielleicht um noch etwas mehr Luft zu haben, die unterschiedlichen Bewertungen zu bewerten.

Im Bundestag war dies gewiss nicht die letzte Debatte zu Glyphosat. Der Wissenschaftsstreit ist längst ein politischer geworden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 28. September 2015 um 18:00 Uhr.

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