Ein Mann steht am Fenster einer Justizvollzugsanstalt

Schutz vor Selbsttötung Drahtseilakt für die Gefängnisse

Stand: 13.10.2016 17:35 Uhr

Das Suizidrisiko ist für Untersuchungshäftlinge in den ersten Tagen am größten. Dauerüberwachung könnte helfen, gefährdete Häftlinge über die kritische Zeit zu bringen - doch sie birgt Gefahren für das langfristige Wohl der Menschen.

Von Julian Heißler, tagesschau.de

Könnte der Terrorverdächtige Jaber al-Bakr noch am Leben sein? Zumindest hätte ihm der Suizid erschwert werden können – sofern die sächsischen Behörden seine Selbstmordabsicht erkannt hätten. So heißt es in Paragraf 49 des sächsischen Untersuchungshaftvollzugsgesetzes:

Gegen Untersuchungsgefangene können besondere Sicherungsmaßnahmen angeordnet werden, wenn nach ihrem Verhalten oder aufgrund ihres seelischen Zustands in erhöhtem Maße die Gefahr der Entweichung, von Gewalttätigkeiten gegen Personen oder Sachen, der Selbsttötung oder der Selbstverletzung besteht. 

Mögliche Maßnahmen wären etwa die Beobachtung des Untersuchungsgefangenen, der Entzug von Gegenständen, die Unterbringung in einem besonders gesicherten Haftraum ohne gefährdende Gegenstände oder gar die Fesselung gewesen.

Kriminologe Thomas Feltes zu den Pannen in Sachsen
tagesthemen 22:15 Uhr, 13.10.2016

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Man kann nicht in die Köpfe schauen

Doch dazu kam es nicht. Schließlich sahen die Behörden nach Gesprächen mit al-Bakr keine Selbstmordgefahr - und damit keinen Anlass für besondere Sicherheitsmaßnahmen. Eine Fehleinschätzung, wie sich herausstellte.

"Man kann der zuständigen Psychologin da kaum einen Vorwurf machen", sagt Katharina Bennefeld-Kersten, Leiterin der Bundesarbeitsgruppe Suizidprävention im Justizvollzug (BAG), im Gespräch mit tagesschau.de. Es sei sehr schwierig in einem solchen Gespräch herauszubekommen, ob ein Untersuchungshäftling tatsächlich Selbstmordgedanken hege, erklärt sie. "Wenn es sich dann noch um einen Häftling aus einem anderen Kulturkreis handelt, erschwert das die Einschätzung noch mehr - auch wenn ein Übersetzer dabei ist."

"Risiko zu Beginn der Haftzeit am höchsten"

Bennefeld-Kersten ist Psychologin. Mehrere Jahre leitete sie zudem das Hochsicherheitsgefängnis Celle-Salinenmoor und später den Kriminologischen Dienst des Bildungsinstituts des niedersächsischen Justizvollzugs. Vor zehn Jahren gründete sie zudem die BAG.

"Das Suizidrisiko ist bei Untersuchungshäftlingen zu Beginn ihrer Haftzeit am höchsten", erklärt Bennefeld-Kersten. Vor allem in Einzelhaft, vor allem nachts. Auch al-Bakr erhängte sich in seiner Einzelzelle nach Einbruch der Dunkelheit. Hätte eine Beobachtung rund um die Uhr den Selbstmord abwenden können?

"Es macht durchaus Sinn, suizidgefährdete Gefangene ein paar Tage rund um die Uhr zu beobachten", sagt Thomas Bliesener, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts in Hannover. Damit lasse sich eine kritische Phase überbrücken.

Politik und Polizei fassungslos nach Suizid Al-Bakrs
tagesthemen 22:15 Uhr, 13.10.2016, Carsten Dieckmann, MDR

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Problemfall Suizid in Haft

Dass sich Häftlinge das Leben nehmen, ist keine Seltenheit. Sachsen verzeichnete seit 2001 etwa 4,5 Fälle pro Jahr. Im vergangenen Jahr wählten sechs Inhaftierte den Freitod. Nach jedem Fall werden sogenannte Suizidkonferenzen in den Haftanstalten abgehalten. Laut einer Antwort der sächsischen Landesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linkspartei von 2012 begehen Häftlinge achtmal häufiger Suizid als Normalbürger.

Besonders gesicherte Hafträume

Die Voraussetzung dafür hätte es auch in Leipzig gegeben, etwa durch eine Sitzwache. Videoüberwachung der Zellen von Untersuchungshäftlingen sieht das sächsische Gesetz nicht vor, allerdings verfügen Justizvollzugsanstalten auch über spezielle Hafträume, in denen Häftlinge permanent beobachtet werden können und in denen ihnen nichts zur Verfügung steht, mit dem sie Selbstmord begehen könnten: die sogenannten besonders gesicherten Hafträume, kurz bgH.

Dabei handelt es sich in der Regel um gekachelte Zellen mit einer Matratze und einer in den Boden eingelassenen Toilette. Anstelle von Gitterstäben sind die Fenster durch Panzerglas gesichert. Der Häftling darf nichts mit in den Raum bringen und muss schnell reißende Spezialkleidung tagen.

Vollständigen Schutz gibt es nicht

"Der bgH ist hart", sagt Bennefeld-Kersten. Die ständige Überwachung und die Wegnahme aller persönlichen Gegenstände gehe vielen Häftlingen an die Substanz. "Sie werden entpersonalisiert und mit sich allein gelassen. Da besteht die Gefahr, dass der langfristige Effekt eher kontraproduktiv ist", erklärt sie - auch wenn es sehr wichtig sei, Untersuchungshäftlinge über die ersten Tage zu bekommen.

Ganz verhindern lassen sich Suizide in Haftanstalten nicht. "Wer den festen Willen zur Selbsttötung hat, setzt das irgendwann in die Tat um, egal ob im Gefängnis oder draußen", so René Selle, Vorsitzender des Bundes der Strafvollzugsbediensteten in Sachsen. Auch Kriminologe Bliesener sagt: "Selbst bei einer Fixierung hat es schon Fälle gegeben, dass sich Gefangene die Zunge abgebissen haben und verblutet sind."

Trotzdem versuchen Experten es den selbstmordgefährdeten Häftlingen so schwer wie möglich zu machen. So entwickelte etwa die BAG Empfehlungen, wie Häftlingszellen zur Suizidprävention ausgestatten sein müssten und entwarf auch einen sogenannten "Suizidpräventionsraum", der kaum Möglichkeiten für Selbsttötung gebe aber dem Häftling trotzdem ein gewisses Maß an Privatsphäre und Ablenkung ermöglicht. "In allen Bundesländern gab es eine große Bereitschaft Dinge umzusetzen", so BAG-Leiterin Bennefeld-Kersten. Auch in Sachsen sei vieles umgesetzt worden. Dass sich nun ausgerechnet dort Jabar al-Bakr das Leben nahm, sei tragisch.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. Oktober 2016 um 16:00 Uhr.

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