Ein Gemeinschaftszelt in der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber (ZASt) in Halberstadt (Sachsen-Anhalt) | Bildquelle: dpa

Unterbringung von Flüchtlingen in Zelten Die Angst vor einem harten Winter

Stand: 03.09.2015 10:31 Uhr

Tausende Flüchtlinge kampieren bundesweit in Zelten, manche gar unter freiem Himmel. Mit Blick auf den Winter kann das für die Betroffenen kritisch werden. Daher läuft vielerorts nun eine regelrechte Notfall-Maschinerie an. Dennoch wird die Zeit knapp.

Von Johannes Groß und Julia Becker, tagesschau.de

Wann wird der erste Frost in diesem Jahr kommen? Wie kalt wird es werden? Diese Fragen setzen in diesem Jahr etliche Städte und Gemeinden unter Druck. Denn sobald es kalt und windig wird, können auch Flüchtlinge nicht mehr in einfachen Zelten oder gar unter freiem Himmel leben. Dann müssen sie in winterfeste Quartiere umziehen. Das Problem: Diese Unterkünfte gibt es vielerorts noch nicht, oder sie sind noch nicht bezugsfertig. Deshalb werden überall mit heißer Nadel Strategien entwickelt, um die Flüchtlinge vor der Witterung zu schützen. Dabei gehen Länder und Kommunen sehr unterschiedliche Wege.

Flüchtlingskinder halten Plakate mit der Aufschrift "Nicht Aufenthalt in Zelten" und "Bringt Freiheit Menschenrechte keine Zelte!" in die Höhe. | Bildquelle: dpa
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Flüchtlingskinder in Hamburg appellieren mit Plakaten an die Verantwortlichen.

Hamburg: 2600 Flüchtlinge in nicht-winterfesten Zelten

Es gibt Regionen, in denen Tausende Flüchtlinge in Zelten leben. Dazu gehört Hamburg, wo nach Angaben der Behörden aktuell etwa 3000 Menschen in Zelten untergebracht sind - nur 400 davon in winterfesten Zelten. Das erklärte Ziel der Stadt: "Die Leute müssen bis zum ersten Frost aus den einfachen Zelten raus", sagt der Sprecher des Einwohner-Zentralamtes, Norbert Smekal. Die winterfesten Zelte sollen aber die kalte Jahreszeit über bewohnt bleiben.

Die Stadt suche im gesamten Stadtgebiet nach geeigneten Immobilien, möglichst groß, die von Flüchtlingen bezogen werden könnten, führt Smekal als. Es seien auch schon ein paar passende Objekte gefunden worden - Hallen und gewerbliche Gebäude - die nun geprüft würden.

Ein Datum, wann die 2600 anderen Zelt-Flüchtlinge in feste Gebäude umziehen können, wird nicht ausgegeben. "Da gibt es keine konkrete Planung", sagt der Sprecher der Sozialbehörde, Marcel Schweitzer. Aber der Auszug von Familien mit Kindern aus den Zelten habe höchste Priorität. "Wir geben uns alle Mühe. Aber die Lage ist angespannt, alles andere wäre Augenwischerei", sagt Schweitzer.

NRW: "Unverantwortlich", nicht auf Zelte zurückzugreifen

Auch in Nordrhein-Westfalen leben aktuell etwa 1100 Flüchtlinge in Zelten - in den beiden Aufnahmeeinrichtungen in Selm-Bork und Köln-Chorweiler. Aber anders als Hamburg bereitet sich das bevölkerungsreichste Bundesland darauf vor, dass diese Flüchtlinge auch den Winter dort verbringen. Aktuell werden sogar noch weitere Zeltstädte gebaut - etwa in Düsseldorf, Krefeld und Bergkamen. Alle verwendeten Zelte sollen aber nach Angaben der zuständigen Behörde winterfest sein.

Ausländer treffen mit Koffern in der Zeltstadt der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber (ZASt) in Halberstadt (Sachsen-Anhalt) ein. | Bildquelle: dpa
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Einzug mit Koffern in eine Zeltstadt in Sachsen-Anhalt.

"Wir haben uns lange Zeit gegen Zelte gewehrt. Aber in der aktuellen Lage wäre es unverantwortlich, auf diese Unterbringungsmethode zu verzichten", sagt der Sprecher der zuständigen Bezirksregierung Arnsberg, Christoph Söbbeler. Die Alternative wäre, dass die Hilfesuchenden obdachlos wären. Denn es gebe noch nicht genug geeignete Immobilien, in denen die Flüchtlinge untergebracht werden könnten. Und der Aufbau eines Containerdorfes dauere mit ein paar Monaten schlicht zu lange.

Die Flüchtlingskrise habe Dimensionen angenommen, mit denen niemand gerechnet habe, sagt Söbbeler. Derzeit kämen in einer Woche etwa 5000 Flüchtlinge nach NRW - so viele wie einst in einem Jahr. "Wir arbeiten hier wirklich mit allem, was wir zur Verfügung haben, um das stemmen zu können."

Hessen: "Größte Flüchtlingskrise seit dem Krieg"

In Hessen sind die meisten Zelte für Flüchtlinge nach Angaben des Sozialministerium ebenfalls winterfest - aber offenbar nicht alle. "Zeltstädte sollen immer nur eine Übergangslösung sein", erklärt Mareike Schmidt vom Landesministerium für Soziales und Integration, "aber in Zeiten der größten Flüchtlingskrise seit dem Krieg müssen wir diese leider nutzen". Aktuell leben in dem Bundesland knapp 6000 von insgesamt 13.000 Flüchtlingen in Zelten.

Suche nach weiteren Möglichkeiten der Flüchtlingsunterbringung
tagesthemen 22:15 Uhr, 02.09.2015, Verena Bünten, WDR

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Derzeit prüfe man parallel die Nutzung von rund 80 Liegenschaften in ganz Hessen, darunter Kasernen, und den Bau von Traglufthallen und Holzhäusern, sagt Schmidt. Wann die Gebäude bezugsfertig sind und wann die Flüchtlinge aus den Zelten ausziehen können, dazu möchte das hessische Ministerium mit Verweis auf den laufenden Prozess keine Stellungnahme abgeben.

Flüchtlinge in Deutschland: alter Flugplatz Calden/Hessen | Bildquelle: dpa
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Im hessischen Calden werden Zelte für Asylsuchende auf einem alten Flugplatz aufgestellt.

Berlin: "Wir müssen improvisieren"

Andere Städte und Gemeinden verzichten auf Zeltstädte. Dazu gehört auch Berlin. Doch hier gibt es ein anderes Problem: In der Hauptstadt kampierten etliche Flüchtlinge in den vergangenen Wochen unter freiem Himmel, weil es Engpässe bei der Registrierung gab. Entsprechend angespannt ist auch hier die Situation. Inzwischen hat die winterfeste Unterbringung der Flüchtlinge oberste Priorität vor allem anderen, wie die Sprecherin der Sozialbehörde, Monika Hebbinghaus, berichtet.

Die Strategie: Überall in der Stadt werden nach Angaben von Hebbinghaus große Gebäude gesucht, in die Flüchtlinge einziehen können. So wurde der Umzug des Landesrechnungshofes ins Rathaus Wilmersdorf auf Eis gelegt - stattdessen wohnen dort nun seit kurzem Flüchtlinge. Auch in den ehemaligen Flughafen Tempelhof könnten nach Angaben der Sprecherin vielleicht bald Flüchtlinge einziehen. Um das Problem mit der Registrierung zu lösen, sollen mobile Registrierstellen in die Erstaufnahmen integriert werden.

"Wie Frau Merkel schon gesagt hat: Wir müssen improvisieren", sagt Hebbinghaus. Auch den Einsatz von Zelten schließt sie nicht mehr aus - "aber das ist die denkbar schlechteste Variante".

München: "Zelte sind ein absolutes No-Go"

Zahlreiche Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien und Pakistan am Münchener Hauptbahnhof | Bildquelle: dpa
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Zahlreiche Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien und Pakistan kommen in München (Bayern) mit einem Zug aus der ungarischen Hauptstadt an.

Noch deutlicher formuliert es der Sprecher des Münchner Sozialreferats: "Zelte sind ein absolutes No-Go", betont Ottmar Schader, obwohl allein in den vergangenen Tagen Tausende Flüchtlinge mit Zügen aus Ungarn und Österreich in die bayerische Landeshauptstadt kamen. Die Stadt setze auf bestehende Gebäude wie die ehemalige Bayernkaserne, die mittlerweile als Vorzeigeprojekt gelte, sagt Schader.

Außerdem sucht die Behörde auf dem schwierigen Münchener Immobilienmarkt leerstehende Gewerbeimmobilien, die in Unterkünfte umgewandelt werden sollen. Darüber hinaus gebe es Container und Leichtbauhallen. Letztere seien weitaus stabiler als Zelte, besser beheizbar und verfügten über eine Schalldämmung.

Fakt ist: Der wachsende Andrang von Flüchtlingen stellt alle betroffenen Städte und Gemeinden vor große Herausforderungen. Die zuständigen Behörden arbeiten augenscheinlich und hörbar am Limit. Ob die nun angelaufenen Anstrengungen ausreichen, um alle Flüchtlinge menschenwürdig und gesund durch den Winter zu bekommen, bleibt offen. So reagierten die Ansprechpartner der Städte und Länder auf die Frage, ob sie sich mit Blick auf die Flüchtlingskrise gut für den Winter gerüstet sehen, fast alle gleich: mit anfänglichem sekundenlangen, nachdenklichen Schweigen.

Es bleibt die Hoffnung auf einen milden Winter.

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