Malte Tams (r) und Julian Martitz betrachten in der Fakultät für Architektur und Landschaft der Leibniz Universität Hannover (Niedersachsen) ihren Entwurf zum alternativen Wohnraum für Flüchtling | Bildquelle: dpa

Mindestens 350.000 Wohnungen zusätzlich nötig Wie bauen - (nicht nur) für Flüchtlinge?

Stand: 26.09.2015 20:34 Uhr

Hunderttausende Flüchtlinge brauchen hunderttausende Wohnungen. Aber wo sollen diese Wohnungen gebaut werden? Gerade in Ballungsräumen ist der Platz ohnehin schon knapp. Experten sagen: Die Lösung liegt auf der Hand - beziehungsweise auf dem Dach.

Von Ute Welty, tagesschau.de

Die Herausforderung ist gewaltig: Bundesbauministerin Barbara Hendricks geht davon aus, dass mindestens 350.000 zusätzliche Wohnungen notwendig sind, will man anerkannten Flüchtlingen eine Perspektive bieten. Schließlich gehört das Recht auf Wohnen zu den sogenannten Menschenrechten der zweiten Generation, die mit dem UN-Sozialpakt von der Generalversammlung der Vereinten Nationen 1966 einstimmig verabschiedet wurden.

Hendricks will die Mittel für den sozialen Wohnungsbau auf eine Milliarde Euro verdoppeln. In diesem Zusammenhang betont sie die gesamtgesellschaftliche Aufgabe: "Es gibt ganz verschiedene Gründe, warum der Bedarf an bezahlbarem Wohnraum steigt. Der Zuzug von Flüchtlingen ist nur einer unter vielen. Wir haben die große Aufgabe, den sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft zu stärken und dafür zu sorgen, dass auch in Zukunft ein gutes Zusammenleben in unseren Städten und Gemeinden möglich ist."

Katrin Göring-Eckardt fordert Wohnungs- und Instandsetzungsprogramm
bericht aus berlin, 27.09.2015

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2,5 Millionen Wohnungen fehlen

Geschätzt fehlen in Deutschland insgesamt 2,5 Millionen Wohnungen. Rein rechnerisch lässt sich dieser Bedarf über "Nachverdichtung durch Aufstockung" lösen. Diesen Schluss legt zumindest eine Studie der Versuchsanstalt für Holz- und Trockenbau in Darmstadt nahe. In Frankfurt wurden bereits die Flachdächer einer Wohnanlage aus den 1960er-Jahren als Plattform für Stahl-Leichtbaukonstruktionen genutzt: Mehr Wohnraum auf weniger Fläche, noch dazu mit flexiblen Grundrissen.

Containeraufnahmelager in Trier | Bildquelle: dpa
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Aufnahmeeinrichtungen wie hier in Trier sind zurzeit überfüllt. Neben den Gebäuden wurden Zelte eingerichtet und Container aufgestellt.

Vor allem in den Ballungsräumen braucht es solche Ideen, denn dort, wo die meisten Flüchtlinge untergebracht werden müssen, fehlt es ohnehin an Platz. So muss die Landeshauptstadt Stuttgart sechs Prozent der nach Baden-Württemberg kommenden Flüchtlinge aufnehmen. Bis Ende Juli waren das 654 Menschen. Im ländlich strukturierten Neckar-Odenwald-Kreis waren es aufgrund der niedrigeren Einwohnerzahl in den ersten sieben Monaten 219 Flüchtlinge.

"Blechkistenarchitektur" ist ein No Go!

Über das Problem der Unterbringung wird unter anderem in Hannover nachgedacht. Dort leitet Jörg Friedrich den Lehrstuhl für Gebäudelehre und Architekturtheorie an der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Universität. Friedrich ist überzeugt: "Blechkistenarchitektur fördert Aggression, Gewalt, Abgrenzung statt Integration".

Er fordert neben einer Willkommenskultur auch eine Willkommensarchitektur und stellt Modelle dafür in dem jüngst erschienen Buch "Refugees Welcome" vor. Dabei setzt der in Erfurt geborene Architekt auf Mischformen. "Wohnen für Flüchtlinge" kann genauso gut auch "Wohnen für Studenten" bedeuten. Auch die Architekturstudenten von Manuel Herz in Basel arbeiten an solchen Konzepten.

Marc Glogla betrachtet in der Fakultät für Architektur und Landschaft der Leibniz Universität Hannover (Niedersachsen) seinen Entwurf zum alternativen Wohnraum für Flüchtling | Bildquelle: dpa
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Marc Gogla gehört zu den Hannoveraner Architekturstudenten, die sich Gedanken über Flüchtlingsunterkünfte gemacht haben. Sein Entwurf nutzt vorhandene Baulücken.

Die Beispiele, die Friedrich im Buch vorstellt, sind zum Teil von bestechender Logik. Das Prinzip "Fill the Gaps" will Baulücken zwischen Häusern nutzen. In einer Art überdimensionierten Regalkonstruktionen lassen sich Wohnmodule, Treppenhäuser und Terrassen einpassen, ganz so, wie es man braucht und will. Auch Schrebergärten und Parkhäuser nimmt Friedrich in den Fokus: Schrebergärten deshalb, weil sich über das Gärtnern und Pflanzen Gemeinsamkeiten ergeben, Parkhäuser, weil sie zentral liegen und bestens angebunden sind. In den Obergeschossen ließe sich Wohnraum einrichten, so Friedrich in einem Interview, und in Bremen interessiere sich dafür schon der Stadtrat.

Ruhe, Intimität, Wärme

Bremen beweist auch, dass Containerdorf nicht gleich Containerdorf ist. Den Architekten Stefan Feldschnieders und Tobias Kisters gelingt es, auch mit "Blechkisten" ein Wohnumfeld von Ruhe und Intimität zu gestalten. Sie stapeln die Container nämlich nicht einfach übereinander, sondern bauen sie so auf, dass eine Art Atrium entsteht. Damit zitieren Feldschnieders und Kisters die Bauweise marokkanischer Riads. Diese traditionellen Häuser sind von außen nicht einsehbar und zeichnen sich durch einen Innenhof oder einen innenliegenden Garten aus. Die arabische Bezeichnung für "Garten" gab den Riads auch ihren Namen. Anders als ihre Vorbilder sind aber die Bremer Containerdörfer nicht für die Ewigkeit gebaut.

Altstadt von Ouerzazate | Bildquelle: picture alliance / blickwinkel/W
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Vor allem in marokkanischen Altstädten finden sich traditionelle Riads. Die Häuser sollten der Familie Schutz und Privatsphäre ermöglichen. Viele Riads wurden zu Hotels umgebaut.

Klar ist: Für die Gestaltung von neuem und neu zu erschließendem Wohnraum ist der Faktor Zeit ganz entscheidend. Die Architektenkammer Hessen AKH schlägt deswegen einen Wettbewerb vor, an dessen Ende der Prototyp für eine Flüchtlingsunterkunft in Holz-Modul-Bauweise stehen soll: Das Holz garantiert Nachhaltigkeit und Behaglichkeit, die Modulbauweise Flexibilität und geringe Kosten.

AKH-Geschäftsführer Martin Kraushaar warnt aber davor, angesichts der Dringlichkeit des Problems alle Standards über Bord zu werfen: "Flüchtlinge dürfen nicht anders behandelt werden als andere Menschen." Ausdrücklich ist deswegen vorgesehen, Wärmedämmung und Schallschutz erst abzuspecken und später nachrüsten zu können. Kraushaars Kollege Rolf Toyka betont: "Es geht um ein menschenwürdiges Konzept, um ein gut gestaltetes Gebäude, das Wärme ausstrahlt. Eine solche Architektur signalisiert auch der Nachbarschaft: Hier werden Menschen mit traumatischen Erlebnissen nicht nur geduldet, sondern willkommen geheißen."

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