Yamama aus Syrien: Die Elfjährige besucht ein Iserlohner Gymnasium.

Flüchtlingskinder an deutschen Schulen Unterricht als Glücksfall

Stand: 24.02.2016 08:25 Uhr

Monatelang müssen manche Flüchtlingskinder auf ihre Einschulung warten, es fehlen Tausende Lehrer. Ein halbes Jahr nach dem "Wir schaffen das" der Bundeskanzlerin stehen viele Schulen noch immer vor riesigen Herausforderungen.

Von Jan Philipp Burgard, WDR

Zwischen den vorlauten Jungs in der ersten Reihe fällt das ruhige Mädchen mit den dunklen Augen auf. Für eine Elfjährige strahlt sie eine erstaunliche Ernsthaftigkeit aus. Aber wen wundert das, Yamama hat schließlich einen weiten Weg hinter sich. Von Syrien ins Sauerland.

Mehr als zwei Jahre ohne Unterricht

Heute ist ihr erster Schultag am Gymnasium an der Stenner in Iserlohn. "Ich bin sehr glücklich", sagt sie. "Hier finde ich neue Freunde. Alles ist neu." Yamama hat lange auf diesen Tag gewartet. Zwei Jahre konnte sie wegen des Krieges in Syrien nicht zur Schule gehen, vier Monate hat sie seit ihrer Ankunft in Deutschland auf ihre Einschulung gewartet.

Währenddessen hat sie mit ihren Eltern Deutsch gelernt, mit beeindruckendem Ergebnis. In ihrer internationalen Klasse für Flüchtlinge kann sie schon richtig mitmachen. "Husten" antwortet sie fast ein wenig feierlich, als die Lehrerin spielerisch keucht und fragt, wie diese Krankheit heißt.

Monatelange Wartezeit ist der Regelfall

Dass es so lange gedauert hat, bis Yamama endlich zur Schule gehen konnte, ist aus Sicht des Kölner Bildungsforschers Michael Becker-Mrotzek kein bedauerlicher Einzelfall, sondern eher die Regel. "Hier muss noch viel geleistet werden, um die Kinder und Jugendlichen schneller in die Schulen zu bringen", sagt er. Becker-Mrotzek hat gerade im Auftrag des Mercator Instituts eine umfassende Bestandsaufnahme über neu zugewanderte Jugendliche im deutschen Schulsystem vorgelegt. Doch warum hängen so viele Kinder und Jugendliche bis zur Einschulung so lange in der Luft?

Die Schülerin Selam (r) sitzt in Aachen (Nordrhein-Westfalen) in einer Schulklasse, in der Flüchtlingskinder ohne Deutschkenntnisse auf den Regelunterricht vorbereitet werden. | Bildquelle: dpa
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Die Schülerin Selam (r) sitzt in Aachen (Nordrhein-Westfalen) in einer Schulklasse, in der Flüchtlingskinder ohne Deutschkenntnisse auf den Regelunterricht vorbereitet werden.

In der Iserlohner Stadtverwaltung ist die Erste Beigeordnete Katrin Brenner für die Bildung zuständig. "Die Wege sind viel zu lang, bis die Kinder endlich in die Klassen kommen. Bis die ganzen Genehmigungen erteilt sind. Diese Wege müssen kürzer und die Abstimmungen besser werden. Das geschieht am besten vor Ort innerhalb der Kommunen", sagt Brenner.

Von Null auf Hundert in einem halben Jahr

Auch wenn noch nicht alles rund läuft, bietet die Integration der Flüchtlingskinder an dem Iserlohner Gymnasium auch viel Anlass zu Optimismus. Von 18 Flüchtlingskindern aus der internationalen Klasse nehmen bereits acht auch am Regelunterricht teil. Einer davon ist der dreizehnjährige Albert. Nur ein halbes Jahr, nachdem er ohne ein Wort Deutsch aus dem Kosovo nach Iserlohn kam, hat er den Sprung geschafft.

"Ich bin stolz weil ich hier in der 7c bin", sagt der Junge mit dem verschmitzten Lächeln. "Alle spielen mit mir und helfen mir". Für Erfolgsgeschichten wie die von Albert war am Gymnasium an der Stenner viel Improvisationstalent gefragt. Das sehr engagierte Kollegium entwickelte zum Beispiel eigene Unterrichtsmaterialen. Außerdem konnte eine zusätzliche Lehrkraft angeheuert werden.

Flüchtlingskinder in der Schule | Bildquelle: dpa
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Die Flüchtlingskinder Jacob (links) aus Ägypten und Tala aus Pakistan lernen Deutsch in einer Klasse des Auguste-Viktoria-Gymnasiums (AVG) in Trier.

Tränen bei den Eltern

"Man muss sich immer wieder klar machen, was für eine Riesenaufgabe das ist. Dafür läuft es auf vielen Ebenen schon sehr gut", sagt Schulleiter Stefan Schmoldt. Berührt hat ihn der Vater eines syrischen Schülers, der ihm mit Tränen in den Augen dankte, weil sein Sohn endlich in Sicherheit zur Schule gehen könne.

Allerdings kann nicht überall in Deutschland mit wenig Mitteln so viel erreicht werden. Rund 325.000 Kinder und Jugendliche kamen seit 2014 nach Deutschland und die Tendenz ist weiter steigend. Dafür würden 20.000 neue Lehrer gebraucht, rechnet die Ständige Konferenz der Kultusminister vor.

Integration als nationale Aufgabe

Die Kosten würden sich auf 2,3 Milliarden Euro belaufen. "Die Zuweisungen, die der Bund zur Verfügung stellt, reichen gerade mal für Unterbringung, Kost und Logis der Flüchtlinge", sagt Claudia Bogedan, Präsidentin der Ständigen Konferenz der Kultusminister. "Ich fordere seit Wochen, dass der Bund sich stärker an Integrationsleistungen beteiligen muss. Wir stehen vor einer nationalen Aufgabe. Und die kann auch nur mit einer gemeinschaftlichen Verantwortung gemeistert werden."

Teamarbeit mit Sozialarbeitern und Psychologen

Bogedan beobachte vielerorts einen großen Lehrermangel. In verschiedenen Bundesländern werden deshalb Pensionäre oder andere Lehrerinnen und Lehrer mit sprachvermittelnden Kompetenzen eingesetzt.

Auch der Bildungsforscher Michael Becker-Mrotzek zieht eine durchwachsene Zwischenbilanz. "Zusätzliche Lehrer allein reichen nicht aus, es müssten Teams mit Sozialarbeitern und Psychologen gebildet werden. Hierfür müssen dauerhafte Strukturen geschaffen werden."

Dauerhafte Strukturen möchte auch die glückliche Neu-Gymnasiastin Yamama später schaffen. Sie will Architektin werden und vielleicht sogar dazu beitragen, ihr Heimatland Syrien wieder aufzubauen. 

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