Hände auf Tastatur im Dunkel | Bildquelle: dpa

Fake News Erst denken, dann teilen

Stand: 15.12.2016 09:49 Uhr

Quer durch die Parteien schauen Politiker mit Sorge auf die wachsende Zahl von Fake News - und auf ihre wachsende Hilflosigkeit. Auch Experten halten den Instrumentenkasten der Gegenmaßnahmen für überschaubar.

Von Ute Welty, tagesschau.de

Vom Bußgeld über strafrechtliche Verschärfungen bis hin zum Ehrenkodex: Politiker (fast) aller Parteien fürchten die Wirkung von Fake News. Der Geschäftsführer der Unionsfraktion, Michael Grosse-Brömer, sprach von einer "großen Bedrohung der Demokratie". Er hält es für möglich, dass Russland die Bundestagswahl 2017 manipuliert, um eine erneute Kanzlerschaft von Angela Merkel zu verhindern. Deren russlandkritische Haltung habe dem russischen Präsidenten Wladimir Putin nicht gefallen.

Grosse-Brömer argumentiert nicht im luftleeren Raum. Medienberichten zufolge ist der US-Geheimdienst CIA davon überzeugt, dass russische Hacker im Präsidentschaftswahlkampf gezielt Informationen von Computern der Demokratischen Partei gestohlen haben, um dem Republikaner Donald Trump zum Sieg zu verhelfen. Die russische Regierung bestreitet das.

Michael Grosse-Brömer
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CDU-Politiker Grosse-Brömer hält russische Manipulationen des Wahlkampfs 2017 für möglich.

Lars Klingbeil
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Netzpolitik-Experte Klingbeil von der SPD will Menschen für Fake News sensibilieren.

Russische Aktivitäten im Netz

Für Anna-Mareike Krause, Social-Media-Koordinatorin der tagesschau, fügt sich noch ein anderes Puzzle zusammen. Ihrer Beobachtung nach gehört es offenbar zur Strategie Putins, unter dem Deckmantel der Informationsvielfalt das Meinungsbild im Westen zu spalten. Erkennbar geworden sei das vor allem nach dem Launch von "RT Deutsch", dem deutschsprachigen Ableger des Staatssenders "Russia Today", vor rund zwei Jahren.

Krause stellte fest, dass die Inhalte von "RT Deutsch" vor allem von Nutzern aus dem rechten Spektrum verbreitet würden. So tauchte in dieser Woche in den Kommentaren zu Berichten über die Vorgänge im syrischen Aleppo ein bestimmter Link vermehrt auf. Er führte zu einem Video von "RT Deutsch", das vorgab, eine kanadische Journalistin bei den Vereinten Nationen zu zeigen.

Tatsächlich handelt es sich bei Eva Bartlett um eine Pro-Assad-Aktivistin. Ihre Pressekonferenz fand auch nicht direkt bei den Vereinten Nationen statt, sondern in den Räumen der ständigen syrischen Vertretung dort. Kleine, aber feine Unterschiede, meint Krause: "Dieses Beispiel ist ein gutes Beispiel dafür, dass Fake News nicht immer plump und auffällig daher kommen, sondern Tatsachen verfälschen, indem zum Beispiel wichtige Details einfach weggelassen oder nur dezent verdreht werden. Das Bild, das entsteht, ist so trotzdem ein völlig anderes."

Hauptgebäude der Medienholding "Russia Sewodnja" am Smolensker Boulevard in Moskau | Bildquelle: dpa
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Das Medienunternehmen "RT", ehemals "Russia Today", wird vom russischen Staat finanziert und verbreitet in zahlreichen Sprachen die russische Sichtweise auf die Weltlage. Seit November 2014 gibt es auch "RT Deutsch".

Mehr Möglichkeiten für Richtigstellung

Auch Lars Klingbeil, netzpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, sieht die Gefahr, dass Meinungsbildung durch manipulierte Zitate, Fake-News und Lügen-Propaganda beeinflusst wird. "Es geht darum", meint Klingbeil, "Menschen dafür zu sensibilisieren, sich die Quellen genau anzuschauen und zu hinterfragen. Es geht aber auch darum, dass Facebook Verantwortung übernimmt." So müssten seriöse oder unseriöse Quellen kenntlich gemacht und Möglichkeiten zur Richtigstellung geschaffen werden.

Klingbeil weiter: "Ich verstehe nicht, warum ein Milliardenunternehmen wie Facebook nicht mit professionellen Journalisten und Wissenschaftlern zusammenarbeitet, um so etwas umzusetzen. Natürlich denken wir auch darüber nach, inwieweit publizistische Standards und Sorgfaltspflichten auch auf Social-Media-Plattformen ausgeweitet werden sollten."

Fake News nutzen Schwachstellen

Medienforscherin Nele Heise macht technische wie menschliche Schwachstellen aus, die die Urheber von Fake News ausnutzen. Zum einen leiste die Struktur von sozialen Netzwerken ihren Teil: "Artikel mit vielen Likes oder Shares scheinen viel Autorität zu haben. Das aber kann sehr leicht manipuliert werden", so Heise. Die Anbieter wie Google oder Facebook würden bereits daran arbeiten, diese Bereiche durch Meldefunktionen, Browser-Add-Ons oder die Verifizierung seriöser Quellen zu ertüchtigen.

Auf der anderen Seite stehe das Bedürfnis nach möglichst schneller oder auch nach möglichst exklusiver Information. So gehöre das Teilen einer solchen Information im eigenen Netzwerk zum "Impression Management": "Selbstdarstellung macht einen festen Teil unseres Verhaltens als soziales Wesen aus und ist wichtig für unsere alltägliche Kommunikation."

Heise empfiehlt: Innehalten. Im Zweifel solle man einen Link besser nicht teilen, meint die assoziierte Mitarbeiterin des Hans-Bredow-Instituts, die sich seit ihrem Studium für die "Ethik des Internets" interessiert. Heise unterscheidet aber zwischen Rezipienten und Akteuren. Wer als Politiker oder Medium zum Spielball von Fake News werde, müsse auf jeden Fall reagieren und dementieren, auch auf die Gefahr hin, dass ein Dementi zu einer weiteren Verbreitung der gefälschten Nachricht führt.

Quelle: facebook.com/reante.kuenast
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Zuletzt musste sich Grünen-Politikerin Renate Künast gegen eine Falschmeldung wehren. Ihr war ein Zitat im Zusammenhang mit dem Mord an einer Studentin in Freiburg untergeschoben worden.

Lügen nicht immer eine Straftat

Michael Nordhardt aus der ARD-Rechtsredaktion, der über langjährige Erfahrung als Anwalt für Medienrecht verfügt, macht darauf aufmerksam, dass Lügen nicht automatisch strafbar ist. Wer aber über einen anderen öffentlich Fake News verbreite und falsche Behauptungen aufstelle, könne  strafrechtlich wegen "Verleumdung" belangt werden: "Voraussetzung ist allerdings, dass man bewusst die Unwahrheit sagt", so Nordhardt. Die Äußerung müsse geeignet sein, den Betroffenen verächtlich zu machen oder in der öffentlichen Meinung herabzusetzen. Das sei im Einzelfall zu prüfen.

Nordhardt räumt ein: " Das Strafrecht kann nur bewirken, dass die jeweilige Person zur Rechenschaft gezogen wird. Die falsche Nachricht wird dadurch nicht beseitigt."Deshalb spiele das Zivilrecht eine wichtige Rolle. Fake News könne man so per Abmahnung und einstweiliger Verfügung beikommen. Habe man damit Erfolg, müsse der Autor die Behauptung löschen und dürfe sie nicht wiederholen.

Auch hier droht ein großes "Aber", meint Nordhardt: "Gerade im Internet ist es häufig schwer herauszufinden, wer überhaupt hinter der falschen Nachricht steckt. Dienste wie Facebook sind bisher nicht generell zur Löschung falscher Meldungen verpflichtet."

Fake News als Geschäftsmodell

Markus Reuter von netzpolitik.org, der digitalen Plattform für Internet, Gesellschaft und Politik, unterscheidet verschiedene Formen von Fake News. So könnten schlechte Recherche, Fehler oder Missverständnisse zu falscher Berichterstattung führen. Bewusste Verfälschungen hätten das Ziel, die Öffentlichkeit politisch oder kommerziell zu manipulieren.

Tatsächlich steht hinter mancher Fake News ein Geschäftsmodell. Die falsche Nachricht mit zum Beispiel möglichst reißerischem Inhalt fungiert als Clickbait, als Köder für möglichst viele Klicks, damit die Ausgangsseite der Fake News möglichst hohe Werbeeinnahmen generiert. Solche Spuren ließen sich während des Trump-Wahlkampfs bis nach Georgien oder Mazedonien verfolgen.

Reuter macht in der Debatte über Fake News erhebliche Risiken für die Presse- und Meinungsfreiheit aus, auch, weil sich die Maßstäbe verschieben. Viele Menschen würden Nachrichten als Fake News wahrnehmen, weil diese Nachrichten nicht den eigenen Erwartungen entsprächen oder als "Systemmeinung" und als "Produkt der Lügenpresse" abgestempelt werden würden.

Reuter sieht auch Journalisten in der Verantwortung: "Follower, Facebook-Likes, Youtube-Views und vieles mehr kann man sich im Netz für kleines Geld kaufen. Zahlen sagen also wenig aus." Online-Umfragen seien mit Vorsicht zu behandeln, weil sie entweder manuell von Interessensgruppen oder maschinell von Bots manipuliert werden können. Sein Ratschlag: "Wer Quellen durch Verlinkungen zu Originaldokumenten offen legt, macht die Nachricht für den User überprüfbar."

Über dieses Thema berichteten am 12. Dezember 2016 die tagesthemen um 22:15 Uhr und inforadio um 12:30 Uhr.

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