Ein Verdächtiger wird am 21.12.2017 von Polizeieinheiten aus einem Fahrzeug geführt. Er soll einen Anschlag in Karlsruhe geplant haben. | Bildquelle: dpa

Terrorverdächtiger in Karlsruhe Seit Jahren Kontakte zu Hasspredigern

Stand: 16.01.2018 19:27 Uhr

Dasbar W. soll einen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Karlsruhe geplant haben. Er bestreitet das. Doch Recherchen des SWR zufolge hatte er schon seit Jahren Kontakte zu Islamisten und Hasspredigern in Deutschland.

Von Holger Schmidt, ARD-Terrorismusexperte

Der Terrorverdächtige, der möglicherweise einen Anschlag auf dem Karlsruher Schlossplatz geplant haben soll und am 20. Dezember 2017 verhaftet wurde, hatte nach Recherchen des SWR schon seit Jahren Kontakte zu einschlägig bekannten Islamisten in Deutschland. So besuchte Dasbar W. im Sommer 2016 ein mehrtägiges Seminar im mittlerweile verbotenen Moschee-Verein "Deutschsprachiger Islamkreis" (DIK) in Hildesheim. Das Seminar leitete der mittlerweile inhaftierte Hassprediger und mutmaßliche IS-Kontaktmann Ahmad Abdulaziz Abdulla A., genannt "Abu Walaa". Abu Walaa steht derzeit in Celle vor dem Oberlandesgericht, weil er von Hildesheim aus unter anderem mindestens 15 Männer als Kämpfer für den "Islamischen Staat" (IS) rekrutiert haben soll.

Auch der Berliner Weihnachtsmarktattentäter Anis Amri soll sich im Umfeld Abu Walaas aufgehalten haben. Und das trifft ebenfalls auf den minderjährigen Attentäter zu, der im April 2016 mit einem Komplizen einen selbstgebauten Sprengsatz vor einem Sikh-Tempel in Essen gezündet hatte.

Koran-Verteilaktion "Lies" in Frankfurt/Main (Archivbild 2015) | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Koran-Verteilaktion in Frankfurt am Main im Jahr 2015. Dasbar W. hat in Freiburg und wohl in Villingen-Schwenningen an ähnlichen Aktionen teilgenommen.

Junge Muslime radikalisieren

Der Anwalt von Dasbar W., Marc Jüdt aus Karlsruhe, bestätigte dem SWR, dass sein Mandant an dem Seminar teilgenommen habe. Er sagte dazu im SWR-Interview: "Mein Mandant war seinerzeit noch nicht lange wieder in Deutschland. Er hatte in Kurdistan gelebt und sein Abitur gemacht. Dann hat er eine Einladung bekommen - kurz vor den Feiertagen." Bei der Einladung sei es um eine Übernachtungsmöglichkeit für fünf Tagen gegangen. Es sollte Essen geben, so Jüdt. Aber nachdem sein Mandant gemerkt habe, wie es dort zuging, habe der sich abgewandt. Das Ziel der Veranstaltung sei gewesen, "junge Muslime einzuladen und zu radikalisieren", sagte der Anwalt. Es gebe keine weiteren Kontakte seines Mandanten.

Allerdings wurde Dasbar W. nach SWR-Recherchen bei seiner Rückkehr aus Hildesheim auf dem Hauptbahnhof in Karlsruhe zufällig von der Bundespolizei kontrolliert. Den Beamten fiel dabei auf, dass Dasbar W. ein Holzstöckchen bei sich hatte, wie es strenggläubige Salafisten zur Zahnreinigung benutzten.

Schon 2014 war Dasbar W. Ermittlungsbehörden aufgefallen, weil er in Freiburg und wohl auch in Villingen-Schwenningen an der salafistischen Koranverteilaktion "Lies" teilgenommen und laut Ermittlung Kontakt zu "staatsschutzrelevanten" Personen, wie dem heute in Norddeutschland lebenden Maximilian R., hatte.

Die Freiluftkunsteisbahn vor dem Schloss Karlsruhe | Bildquelle: dpa
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Auf den Weihnachtsmarkt vor dem Schloss in Karlsruhe soll der terrorverdächtige Dasbar W. einen Anschlag geplant haben.

Austauschstudenten mit Angst vor Anschlag

Im Jahr 2016 meldeten ihn zwei französische Austauschstudenten der Polizei, weil sie sein Verhalten sonderbar fanden und Angst hatten, er könne einen Anschlag planen. Ein ehemaliger Vermieter von Dasbar W. berichtete dem SWR, der Verdächtige habe in seinem Garten Schießübungen mit legalen Waffen gemacht. Bei den französischen Studenten soll er sich erkundigt haben, ob auch Geschosse von CO2-Waffen die Haut durchdringen würden. Sein Karlsruher Vermieter erinnerte sich, wie ihn Beamte des LKA Baden-Württemberg besuchten, sich nach Dasbar W. erkundigten und erwähnten, er sei im Irak wegen terroristischer Aktivitäten von den örtlichen Behörden verhaftet worden.

Offenbar saß Dasbar W. 2016 tatsächlich im Irak für zwei Monate in Haft, wie das Auswärtige Amt bestätigte. Er soll vor Ort mögliche Anschlagsziele für den IS ausgespäht haben. Das Auswärtige Amt hatte Dasbar W. in dieser Zeit konsularisch betreut. Nach seiner Entlassung reiste er wieder nach Deutschland ein.

Der Karlsruher Terrorverdächtige Dasbar W. bei Schießübungen im Irak. Das Bild stammt aus einem Video, das auf seinem Handy gefunden wurde. | Bildquelle: Standbild SWR
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Dasbar W. bei Schießübungen im Irak. Das Bild stammt aus einem Video, das auf dem Handy des Terrorverdächtigen gefunden wurde.

Schießübungen im Irak

Deutsche Ermittler fanden auf seinem Handy ein Video, das ihn bei Schießübungen mit einem Scharfschützengewehr im Irak zeigt. Doch die Schießübung sei nicht für den IS gewesen, sagt sein Anwalt.

Der Bundesnachrichtendienst geht dagegen von einer Nähe Dasbar W.s zum IS aus. In den Wochen vor seiner Festnahme wurde er quasi rund um die Uhr und mit allem überwacht, was in Deutschland rechtlich möglich ist. Seine Wohnung war verwanzt. Sein Telefon wurde abgehört. Er wurde observiert. Seine Handys wurden mit einem "IMSI-Catcher" geortet.

Unklarheit über V-Mann

Dasbar W. ahnte das wohl. Trotzdem gelang es dem LKA Baden-Württemberg im September 2017 auch, einen V-Mann an ihn heranzuführen. Der Informant berichtete der Polizei von dem mutmaßlichen Anschlagsplan in Karlsruhe.

Dasbar W. allerdings zeigte genau diesen V-Mann kurz vor seiner Festnahme bei der Polizei als möglichen Terroristen an. Die Ermittler vermuten jedoch ein Täuschungsmanöver. Anwalt Jüdt zweifelt an der Glaubwürdigkeit des V-Mannes: "Mein Mandant ist ein sehr verschlossener Mensch, der ausgerechnet einem Menschen, den er noch nie vorher gesehen hat, am ersten Tag Geheimnisse anvertraut, die er sonst niemandem anvertraut. Aber dieser Vertrauensperson soll er sofort sein Herz geöffnet haben. Warum? Hat er das einfach erfunden?", sagte Jüdt.

Vor dem Oberlandesgericht Stuttgart wird sich diese Frage stellen, wenn es zu einer erfolgreichen Anklage des Generalbundesanwalts kommt. Die Ermittler sind zuversichtlich, der Anwalt bleibt skeptisch.

Über dieses Thema berichtete SWR Aktuell am 16. Januar 2018 um 19:38 Uhr.

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