Der chinesische Staatspräsident Xi Jingping besucht Deutschland und damit vorrangig Bundeskanzlerin Angela Merkel | Bildquelle: picture alliance /

Ende der Goldenen Zeiten? Merkels schwierige China-Mission

Stand: 28.10.2015 16:49 Uhr

Es waren oft regelrechte Unterschriftenmarathons, wenn sich deutsche und chinesische Politiker und Firmenbosse trafen. Nun wurde die Kanzlerin zu ihrem achten offiziellen Besuch in China empfangen - aber die goldenen Zeiten scheinen vorbei.

Von Jochen Graebert, ARD-Hauptstadtstudio

Das waren noch Zeiten! Geschlagene 20 Minuten waren deutsche und chinesische Firmenbosse damit beschäftigt, ein Handelsabkommen nach dem anderen zu unterschreiben. Vor laufenden Kameras, versteht sich, unter den wohlwollenden Blicken ihrer Staats- und Regierungschefs. Signaturmarathons wie der im März vergangenen Jahres in Berlin waren stets Ausdruck eines "Goldenen Jahrzehnts" in den deutsch-chinesischen Beziehungen.

Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstag mit einer hochrangigen Wirtschaftsdelegation im Schlepptau Chinas Führungsspitze trifft, dürfte dieses Ritual ziemlich flott über die Bühne gehen. Denn die bisher boomenden deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen haben sich binnen Jahresfrist merklich abgekühlt.

So werden die deutschen Exporte ins Reich der Mitte in diesem Jahr laut IWF nur noch um 0,8 Prozent wachsen. Das ist, gemessen an chinesischen Maßstäben, gefühlter Stillstand. Und so herrscht Ernüchterung, teilweise sogar Enttäuschung über die jüngste Entwicklung. Und zwar auf beiden Seiten.

Unterzeichnung von deutsch-chinesischen Abkommen im März 2014 | Bildquelle: picture alliance /
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Unterzeichnung von Abkommen - im März 2014 glich das noch einem Marathon.

Zu wenig Innovation?

"Aus Sicht der Chinesen ist die deutsche Industrie bei der Technologie-Kooperation zu passiv", sagt der Chinaexperte Sebastian Heilmann. Auch die hoch ambitionierte sogenannte "Innovationspartnerschaft", die im vergangenen Jahr beschlossen und mit sage und schreibe 110 konkreten Vorhaben aufgeladen wurde, entfalte wenig Leben.

China hatte sich vor allem in Sachen Industrie 4.0, also bei der Digitalisierung der Wirtschaft, mehr Technologietransfers versprochen. Die deutschen Firmen seien, so Heilmann, "verständlicherweise skeptisch, denn da gehe es um sensible Zukunftstechnologien". Und die sind in China bekanntlich schlecht geschützt.

Die Deutschen wiederum sind enttäuscht von der schwachen Nachfrage Chinas nach Industrieprodukten wie Werkzeugmaschinen, Baufahrzeugen oder Fabrikanlagen. Dabei hat dieser Abwärtstrend strukturelle Ursachen: China will sein Wachstumsmodell umbauen. Künftig sollen nach dem Willen Pekings nicht mehr Fabriken und Baukräne das Wachstum in erste Linie antreiben, sondern Finanzprodukte, Dienstleistungen und Binnenkonsum. Und da haben die Deutschen eben weniger zu bieten. Weniger jedenfalls, so heißt es auch im Kanzleramt, als zum Beispiel Großbritannien.

Siemens-Fabrikarbeiter in China | Bildquelle: picture-alliance/ dpa
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China setzt auf ein anderes Wachstumsmodell: Weg von Fabriken...

Aktienkurse an der Börse in Shanghai | Bildquelle: AFP
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... hin zu Finanzprodukten. Und als Finanzplatz haben andere mehr zu bieten als Deutschland.

Zusammenarbeit an der Börse

Zwar verhandelt derzeit auch die Deutsche Börse über eine Kooperation mit der Shanghaier Börse. Aber mit dem Finanzplatz London, der die Tore zu den globalen Devisen- und Finanzmärkten öffnet, kann Frankfurt nicht mithalten. "Und weil China nicht über die Wall Street, sondern über die Londoner Börse kommen will, spielt Großbritannien eine immer wichtigere Rolle in den strategischen Überlegungen Pekings",  konstatiert Heilmann.

Von einer Wachablösung zu reden wäre allerdings verfrüht. Denn Deutschland bleibt europaweit der mit Abstand größte Wirtschaftspartner Chinas: Satte 30 Prozent beträgt der deutsche Anteil am Handel zwischen der EU und China.

Gespräche über die Weltlage

Zu den politischen Gesprächsthemen zählt, zumindest indirekt, auch die Flüchtlingskrise. Dabei geht es um die Bekämpfung der Fluchtursachen. In Syrien etwa, in Afghanistan und in Pakistan. Schon lange versucht man ja in Berlin, China zu einer aktiveren Rolle bei der Lösung internationaler Krisen zu bewegen. Konkret möchte Merkel natürlich Pekings Einflussmöglichkeiten auf Moskau nutzen. China, so die Hoffnung, könne zum Beispiel im Syrienkonflikt zumindest mäßigend auf Russland einwirken.

Wohl keinen Illusionen gibt man sich hingegen in der Frage der Menschenrechtslage in China hin. Der Besuch Merkels fällt in eine Zeit der politischen Verhärtung. Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping setzt auf Repressionen, nicht auf die Zivilgesellschaft. Das Vorgehen gegen Rechtsanwälte und Journalisten wurde in den vergangenen Monaten sogar noch verschärft

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