Die Antonow der russischen Gesellschaft Volga-Dnepr wird am Flughafen Leipzig/Halle mit deutschen Militärgütern für die irakischen Kurden beladen.

Lufttransport der Bundeswehr Knebelverträge am Himmel

Stand: 14.12.2016 02:40 Uhr

Will die Bundeswehr einen Panzer transportieren, muss sie ein geeignetes Flugzeug mieten. Nur Russland und die Ukraine bieten den Transport-Service an. Doch die Preise unterscheiden sich massiv. Besonders teuer wird es in Kiew.

Von Christian Thiels, tagesschau.de

Eigentlich klingt es ja ganz gut, wenn man gesagt bekommt, man habe "marktübliche" Preise für etwas gezahlt. Da sollte man doch sicher sein, dass der Klempner, der Taxifahrer oder der Gebrauchtwagenhändler einen nicht über den Tisch gezogen hat. Doch was ist, wenn der Markt klein ist, sehr klein sogar? Das gilt etwa für den globalen Lufttransport übergroßer Güter, also etwa Panzer oder zerlegte Hubschrauber. Die muss auch die Bundeswehr immer wieder über Tausende Kilometer - etwa nach Afghanistan - transportieren.

Nur zwei Anbieter

Im Grunde gibt es nur zwei Unternehmen, die solche Dienste kommerziell anbieten. Die russische Firma "Volga Dnepr" und das ukrainische "Antonov Design Bureau". Seit 2004 arbeiten die beiden Unternehmen zusammen und fliegen unter dem Kürzel "SALIS" mit ihren riesigen Antonov-Transportfliegern aus Sowjetzeiten für etliche NATO-Länder deren Kriegsgerät gegen gute Bezahlung durch die Welt. Die Antonov 124-100 kann 120 Tonnen Fracht rund 4.800 Kilometer weit fliegen - das ist rekordverdächtig. "SALIS" steht für "Strategic Airlift Interim Solution" - zu Deutsch also etwa Zwischenlösung für den strategischen Lufttransport.

Der entsprechende Vertrag läuft zum Jahresende aus. Er muss also verlängert werden. Quasi in letzter Minute, kurz vor Weihnachten, sollen heute der Verteidigungs- und der Haushaltsausschuss darüber befinden. Doch weil sich die strategische Lage durch den Ukraine-Konfliktes gelinde gesagt drastisch verändert hat, ist die russisch-ukrainische Zusammenarbeit zerbrochen. Also braucht es nun zwei Verträge. Einer mit den Russen, einer mit den Ukrainern.

Bundeswehrgerät wird in eine Antonow 124-100 verladen | Bildquelle: picture-alliance/ dpa
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Bundeswehrgerät wird in eine ukrainische Antonov 124-100 verladen

Ukraine will deutlich mehr Geld als Russland

Und gerade letztere lassen sich ihre Dienste ziemlich üppig bezahlen, wie im 25-seitigen Vertrag nachzulesen ist. Pro Flugstunde will das "Antonov Design Bureau" 37.509 Euro haben. Die Russen verlangen dagegen "nur" 23.341 Euro. Das liegt ziemlich nahe bei den 23.811 US-Dollar, die die US-Air Force vor drei Jahren als Preis für eine Flugstunde ihres Riesen-Transportfliegers C17 veröffentlicht hat.

Da hat auch Tobias Lindner, der für die Grünen im Verteidigungs- und Haushaltsausschuss sitzt, noch Fragen: "Etwas verwunderlich ist, dass die Preisgestaltung der beiden Firmen beim Einsatz des gleichen Flugzeuges so unterschiedlich ist - der eine Anbieter ist pro Flugstunde gleich mehrere Tausend Euro teurer als der andere. Warum, konnte das Ministerium nicht erklären", sagt er im Gespräch mit tagesschau.de.

Deutschland zahlt 101 Millionen Euro

Insgesamt sind vertraglich für alle zehn Partner bei SALIS, darunter Frankreich, Polen und Norwegen, gut 1600 Flugstunden für 2017 vereinbart. 973 sollen die Russen fliegen, 629 die Ukrainer. Deutschlands Anteil liegt bei 1080 Stunden, von denen 398 von den Ukrainern und 682 von den Russen geleistet werden sollen. Im Jahr 2018 sinkt die Zahl der Flugstunden leicht auf insgesamt 980. Für die nächsten zwei Jahre soll die Luftfracht-Lösung die deutschen Steuerzahler knapp 101 Millionen Euro kosten - das ist allerdings noch deutlich weniger als Anschaffung und Betrieb eigener Flugzeuge dieser Größenordnung.

Warum aber zwei Verträge, davon einer deutlich teurer als der andere? Nur mit einer Seite zu verhandeln sei nicht möglich gewesen, heißt es in der Begründung des Verteidigungsministerium, die als "vertraulich" eingestuft ist und tagesschau.de vorliegt. Die Russen hätten bei vielen Ländern keine Überflugrechte, die Ukrainer aber zu wenig Flugzeuge. Ohnehin gebe es "keine reale wirtschaftliche Alternative zu SALIS", lautet das Fazit des Ministeriums. Auch die pannenbehafteten A400M-Transportmaschinen, die die Bundeswehr bei Airbus bestellt hat, wären schlicht zu klein - wenn sie denn überhaupt in ausreichender Stückzahl und verlässlicher Qualität geliefert würden, muss man wohl hinzufügen.

Ein Bundeswehrsoldat steht neben einer Antonow 225 auf dem Flughafen Halle/Leipzig. (Archiv)
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Ein Bundeswehr-Soldat steht neben einer Antonow 225, die von der Bundeswehr für Transportflüge aus Afghanistan gemietet wird.

Eigene Flugzeuge? Fehlanzeige

Flugzeuge, die groß genug sind, haben nur die Streitkräfte anderer Nationen, allen voran die USA. Aber die vermieten ihre Flieger eben nicht und haben nur minimale Kapazitäten für ihre Verbündeten. Und so habe es auch keine weiteren Angebote als die der Ukrainer und der Russen gegeben, räumt das Verteidigungsministerium kleinlaut ein. Nun räche sich, dass Deutschland nie auf eigene strategische Transportflieger gesetzt habe, heißt es aus Luftwaffenkreisen. Entsprechende Pläne, die noch unter Verteidigungsminister Rudolf Scharping diskutiert wurden, scheiterten am Sparkurs der damaligen (und folgenden) Bundesregierungen im Wehrresort. Jetzt sei man zwei Unternehmen ausgeliefert, die gehörig an der Preisschraube drehen könnten, wenn sie wollten, heißt es aus der deutschen Generalität.

Dass sich Deutschland und seine Partner auf eine längerfristigere Lösung ihrer Luftfrachtprobleme durch Russland und Ukraine einstellen, kann man indes schon aus der Umbenennung von SALIS herauslesen. Aus "Interim Solution", also Zwischenlösung, wurde nun "International Solution".

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