Radio Andernach | Bildquelle: picture alliance / dpa

Streitkräfte und Social Media Bundeswehr kaserniert ihr Radio

Stand: 12.01.2016 21:12 Uhr

Seit Jahrzehnten produziert die Bundeswehr ein eigenes Radioprogramm für ihre Soldaten. Es hat in der Truppe und bei den Familien viele Hörer und bei Facebook mehr als 12.000 Fans. Doch die Präsenz bei der Social-Media-Plattform hat das Ministerium nun abgeschaltet.

Von Christian Thiels, tagesschau.de

Eigentlich ist es eine Lage, über die sich jeder Hörfunksender freuen könnte: beliebt bei der Zielgruppe und konkurrenzlos im Sendegebiet. Der Bundeswehr-Sender "Radio Andernach" produziert seit mehr als 40 Jahren. Das Programm ist heute vor allem für Soldaten in den Einsatzgebieten weltweit gedacht - mit Nachrichten, Musikwünschen und allem, was ein Sender auch hierzulande so macht.

Damit ist das Truppenbetreuungsradio ziemlich erfolgreich, wie die Fangemeinde von mehr als 12.000 Menschen bei Facebook beweist. Auf der Social-Media-Plattform tauschen sich die Hörer über Musik aber auch grundsätzlich über die Bundeswehr aus. Dass das Verteidigungsministerium verfügt hat, eben jenen Facebook-Auftritt zum Jahresende abzuschalten, kam deshalb für viele Hörer ziemlich überraschend. Zuerst hatte der Fachjournalist Thomas Wiegold in seinem Militärblog "augengeradeaus" über das Ende von Radio Andernach bei Facebook berichtet. Begründet wird der Schritt vom Ministerium demnach damit, dass der Militärsender ein "internes Medium der Betreuungskommunikation" sei. Anders formuliert: Es ist gar nicht für die deutsche Bevölkerung gedacht. Folgerichtig sei es aus Sicht der Militärführung also nicht sinnvoll, ein öffentliches Netzwerk wie Facebook zur Kommunikation zu verwenden.

Screenshot der Facebook-Seite von Radio Andernach
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"Soldaten senden für Soldaten": Radio Andernach ist auf Facebook nun "abgeschaltet".

Kontrollwahn bei der Truppe?

Ein vorgeschobenes Argument, vermuten viele Soldaten. Ein Offizier mit reichlich Erfahrung in Auslandseinsätzen sagt im Gespräch mit tagesschau.de, es gehe der Militärführung wohl eher darum, eine missliebige, weil nicht kontrollierbare Plattform für den Austausch der Soldaten untereinander und mit der Öffentlichkeit mundtot zu machen. Tatsächlich gebe es im Verteidigungsministerium einen gewissen Hang zur Geheimniskrämerei auch bei völlig belanglosen Vorgängen. Teile der militärischen Führung sei es eben ein Dorn im Auge, wenn Soldaten sich ohne Einhaltung des Dienstweges frei und öffentlich austauschten, berichtet der Offizier: "Den Facebook-Auftritt bei Radio Andernach abzuschalten ist eben Teil dieses Kontrollwahns und mangelnden Vertrauens in die Soldaten. Die haben Angst, dass jemand irgendetwas Falsches schreiben könnte."

Protestbrief an von der Leyen

Das jähe Ende des Social-Media-Auftritts der Bundeswehr-Radiomacher ruft inzwischen auch die Politik auf den Plan. Der Bundestagsabgeordnete Thomas Hitschler, der für die SPD im Verteidigungsausschuss sitzt, hat einen Brief an Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen geschrieben und fordert sie eindringlich auf, die Entscheidung zurückzunehmen: "Erstens entspricht doch gerade die öffentlich zugängliche Diskussion auf dieser Plattform dem Ziel der Inneren Führung, einen Staat im Staate zu verhindern". Zweitens sei die Nutzung neuer Medien auch für die Bundeswehr sinnvoll, um sich möglichen Interessenten als attraktiver und moderner Arbeitgeber zu präsentieren, heißt es in dem Schreiben, das tagesschau.de vorliegt.

Radio Andernach - ein Thema für den Verteidigungsausschuss

Der Verweis des Ministeriums, es gebe doch noch die Internetseite von Radio Andernach, ist für Hitschler nicht nachvollziehbar. Schließlich sei diese Seite nicht weniger öffentlich als die Präsenz bei Facebook: "Im Gegenteil kann man bei einer Fanseite die öffentliche Sichtbarkeit sogar beschränken." Nicht zuletzt verweist der SPD-Politiker darauf, dass viele Soldaten im Einsatz den Radiosender nicht ständig empfangen könnten, die Facebook-Präsenz also eine sinnvolle Ergänzung sei, weil man dort Beiträge und Kommentare auch später nachlesen könne.

Warum das nun nicht mehr gehen soll, will Hitschler von der Ministerin persönlich im Verteidigungsausschuss erfragen. Dann kommt vielleicht auch ans Licht, ob dem Ministerium womöglich vor allem die freie Kommentiermöglichkeit ein Dorn im Auge ist. Auf der Internetseite von Radio Andernach gibt es jedenfalls nur ein Online-Formular, um Musikwünsche anzumelden.

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