Eingang zur Staufer-Kaserne in Pfullendorf | Bildquelle: dpa

Skandal in Pfullendorf Die Führung hat versagt

Stand: 15.02.2017 14:53 Uhr

Entwürdigende Praktiken in der Ausbildung, Mobbing, sexistische Misshandlungen - die Liste der Probleme in der Bundeswehr-Kaserne Pfullendorf ist lang. Nun hat der Verteidigungsausschuss des Bundestages über Konsequenzen debattiert.

Von Christian Thiels, tagesschau.de

27 Seiten lang ist der Bericht des Verteidigungsministeriums über die Ereignisse am Ausbildungszentrum Spezielle Operationen in Pfullendorf. Die Hauptvorwürfe an die Beteiligten lauten: herabwürdigende Praktiken bei der Sanitätsausbildung, Mobbing und entwürdigende Aufnahmerituale.

Detailliert gibt der Bericht, der tagesschau.de vorliegt, Auskunft über die Fälle und die getroffenen Maßnahmen. Unterm Strich, so die Aussage von Heeresinspekteur Jörg Vollmer vor den Abgeordneten im Verteidigungsausschuss, sei zügig gehandelt worden. Die Praktiken wurden abgestellt, diverses Personal versetzt - allerdings in einigen Fällen auch zur Elitetruppe Kommando Spezialkräfte. Ein Denkzettel sieht anders aus.

"Gravierende Defizite"

Dabei wertet auch der Bericht die Vorfälle nicht als Lappalien. Es seien "gravierende Defizite in Führung, Ausbildung, Erziehung sowie Dienstaufsicht" festzustellen. Vorgesetzte hätten zu spät oder unzureichend reagiert. Informationen über die brisanten Vorkommnisse gelangten auf dem Dienstweg offenbar nur schleppend oder gar nicht ins Ministerium, ist in dem Papier zu lesen.

Das Fazit aus dem Haus von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ist entsprechend niederschmetternd: "Aus ministerieller Sicht wird ausdrücklich missbilligt, dass die offensichtlich schweren Verstöße gegen die innere Führung nicht umgehend auf dem Dienstweg gemeldet wurden."

Der Referatsleiter - ein Bauernopfer?

Das Wehrressort hat dem Standort Pfullendorf deshalb einen "Neuanfang" verordnet. Von der Leyen ließ den zuständigen Referatsleiter für innere Führung im Ministerium ablösen. Der habe sich zwar nichts vorzuwerfen, räumt man im Verteidigungsministerium ein. Es gehe lediglich um ein "Signal des Neuanfangs" und die Versetzung sei ein ganz normaler Vorgang im Rahmen der Laufbahn.

Andere sprechen von einem "Bauernopfer" und einem "fatalen Signal", um rigoroses und medial gut zu vermarktendes Durchgreifen zu demonstrieren. Mit dem Referatsleiter soll bislang jedenfalls niemand über die Gründe seiner Versetzung gesprochen haben. Auch der Bericht des Ministeriums weist dem Offizier an keiner Stelle eine Schuld nach.

Sexuell motivierte Praktiken

Für die Abgeordneten stand auch die Frage im Mittelpunkt, wie Vorfälle wie in Pfullendorf künftig vermieden werden können. Generalinspekteur Volker Wieker, der höchste Soldat der Bundeswehr, gab sich nach Angaben aus Teilnehmerkreisen "glaubhaft erschüttert".

Wieker hat in der vergangenen Woche in fünf Tagen 24 Ausbildungsstandorte besucht und dort "klare Ansagen" gemacht, wie es ein Abgeordneter formulierte. Zu den weiteren Schritten, die er im Ausschuss ankündigte, gehört die Überprüfung sämtlicher Ausbildungsstandards einschließlich der erforderlichen schriftlichen Einverständniserklärungen.

Volker Wieker und Ursula von der Leyen | Bildquelle: dpa
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"Glaubhaft erschüttert" über den Skandal - der Generalinspekteur der Bundeswehr, Wieker und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (Archiv)

Außerdem sollen alle potenziell betroffenen weiblichen Soldaten befragt werden. Nicht ohne Grund, denn aus dem Bericht ist eine sehr eindeutige sexuelle Motivation bei manchen der entwürdigenden Ausbildungsmethoden herauszulesen.

CDU-Verteidigungsexperte Henning Otte begrüßt es, dass Ministerium und Streitkräfte sich um Aufklärung bemühen. Für Christine Buchholz, die für die Linkspartei im Ausschuss setzt, müsste allerdings neben der Beschäftigung mit den Einzelfällen auch grundsätzlich hinterfragt werden, ob und wie die Strukturen innerhalb der Streitkräfte Vorfälle wie in Pfullendorf und deren mögliche Verschleierung begünstigen.

   

Über dieses Thema berichtete SWR aktuell Baden-Württember am 14. Februar 2017 um 19:30 Uhr und am 15. Februar 2017 um 16:00 Uhr.

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