Eingang zur Staufer-Kaserne in Pfullendorf | Bildquelle: dpa

Nach Missbrauchsskandalen Ein Kriminologe für die Truppe

Stand: 28.03.2017 19:25 Uhr

Missbrauch, Sexismus, sadistische Praktiken: Ereignisse wie in Pfullendorf lassen die Bundeswehr in keinem guten Licht erscheinen. Nun will Verteidigungsministerin von der Leyen die Lage vom Kriminologen Pfeiffer analysieren lassen.

Von Christian Thiels, tagesschau.de

Soldatinnen sollten an einer Stange tanzen, wie im Strip-Lokal. In der Sanitätsausbildung mussten sich Soldaten nackt ausziehen und wurden "zu Ausbildungszwecken" anal tamponiert. Solche und ähnliche abstoßende Praktiken, wie sie am Ausbildungszentrum Spezielle Operationen in Pfullendorf offenbar an der Tagesordnung waren, haben die Bundeswehr in jüngster Zeit in schlechtem Licht erscheinen lassen.

Die Verteidigungsministerin, stets darauf bedacht, den Anschein der energisch durchgreifenden Chefin im Wehrressort zu wahren, lässt den Generalinspekteur deshalb nun eine ganze Reihe von Maßnahmen ankündigen. So soll unter anderem der renommierte frühere Leiter des Kriminologische Forschungsinstitutes Niedersachsen, Christian Pfeiffer, mit einer vertiefenden Analyse der Inneren Lage der Bundeswehr beauftragt werden, "um einen gleichermaßen professionellen wie methodisch erfahrenen Außenblick" zu gewährleisten. So nachzulesen in einem neunseitigen Brief von Generalinspekteur Volker Wieker an den Verteidigungsausschuss des Bundestages.

Christian Pfeiffer | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Soll jetzt die Lage der Bundeswehr untersuchen: Christian Pfeiffer.

Workshop für Spitzenkräfte

Laut dem auf den 27. März datierten Schreiben, das tagesschau.de vorliegt, wird außerdem ein Workshop mit der Verteidigungsministerin und Spitzenkräften auf Abteilungsleiter-, Inspekteurs- und Präsidentenebene stattfinden. Dieser solle um weitere Seminare ergänzt werden. Die Aus- und Weiterbildung von Vorgesetzten und Rechtsberatern will man überprüfen und gegebenenfalls verbessern.

Im Ministerium soll außerdem ein neues Referat aufgestellt werden, in dem alle Angelegenheiten der Inneren Lage und Menschenführung gebündelt werden. Außerdem will von der Leyen einen Computer-Datenbank erstellen lassen, die helfen soll, "rascher und leichter als bisher Trends und Fehlentwicklungen zu identifizieren" und mögliche Verbindungen zwischen einzelnen Vorkommnissen herzustellen.

Beitragen soll dazu offenbar auch einen neue, straffere "Meldekultur". Das bisherige System sei "zersplittert, nicht kohärent und wird uneinheitlich gehandhabt. Ebenso erfolgen Meldungen nicht immer zeitgerecht", ist in Wiekers Schreiben nachzulesen.

Hatte von der Leyens Vorgänger de Maizière noch das Prinzip der Lösung von Problemen auf der Ebene ihres Entstehens postuliert, so will die aktuelle Chefin im Bendlerblock offenbar eine engere Überwachung ihrer Soldaten. Ein Vorhaben, das für so manchen in der Bundeswehr an gegenseitiges Bespitzeln erinnert.

Der Generalinspekteur listet in seinem Schreiben alle Maßnahmen auf, die nach dem Bekanntwerden der Ereignisse in Pfullendorf getroffen wurden. Und er betont, "dass wir Verstöße gegen die Innere Führung in der Bundeswehr nicht dulden." Zu den Maßnahmen, die Wieker in seinem Brief an die Abgeordneten ankündigt, gehört auch die Verbesserung der Dienstaufsicht durch Vorgesetzte.

Die Ereignisse in Pfullendorf waren vielleicht auch deshalb möglich, weil die Überwachung der Soldaten durch ihre Vorgesetzten nicht ausreichend war. Die meist sehr jungen Soldaten um die 20 Jahre waren sich nach Dienst oft selbst überlassen. "Wenn da keiner hinschaut, muss man sich nicht wundern, dass mancher auf dumme Gedanken kommt", beschreibt es ein Kompaniechef im Gespräch mit tagesschau.de.

Der Hauptmann sagt, das habe auch damit zu tun, dass die höheren Dienstgrade ab 25 Jahren keinen Anspruch mehr auf Unterbringung auf dem Kasernengelände hätten - eine Regelung, die das Ministerium selbst durchgesetzt hat und nun offenbar zurückdrehen möchte. So ist in Wiekers Schreiben unter anderem zu lesen, dass die "infrastrukturellen Rahmenbedingungen" relevant seien. Anders formuliert: Es müssen in der Kaserne geeignete Unterkünfte auch für die Vorgesetzten geschaffen werden.

Folgen vergangener Reformen?

Nur ein Beispiel, das zeigt, dass ein Teil der Probleme innerhalb der Streitkräfte auch auf die Entscheidungen der diversen Bundeswehr-Reformen zurückzuführen sind. Da wäre etwa die Aussetzung der Wehrpflicht. Zwar betont das Ministerium immer wieder, man habe keine Nachwuchsprobleme, gleichzeitig aber werden millionenschwere Werbekampagnen gestartet und Attraktivitätsprogramme aufgelegt.

Die Qualität der jungen Menschen, die zur Bundeswehr kommen und dann auch bleiben, sei im Schnitt dennoch gesunken, heißt es gleichermaßen in der Generalität und bei der Truppe. Da wirkt es auf manchen wie ein Treppenwitz, wenn das Ministerium erst vor wenigen Wochen ankündigte, man wolle sich nun auch verstärkt um Schulabbrecher bemühen.

"Mannschaftssoldaten im Fokus"

Besonders betroffen von Auswüchsen wie in Pfullendorf sind laut Generalinspekteur Wieker offenbar die Infanterieeinheiten. "Im Fokus stehen überwiegend Mannschaftssoldaten und Unteroffiziere, vorrangig im Altersband zwischen 20 bis 30 Jahren", heißt es in seinem Bericht. Einen Vergleich mit jungen Männern in zivilen Bereichen der Gesellschaft liefert das Schreiben freilich nicht. Für manche in der Truppe Grund für Kritik.

Ein Stabsoffizier macht im Gespräch mit tagesschau.de geltend, dass die Streitkräfte eben ein Spiegel der Gesellschaft seien und ergänzt: "Leider auch im Schlechten. Solche Dinge passieren überall, nicht nur in der Bundeswehr". Schwer einzuschätzen also, ob die 40 Hinweise, die die neu eingerichtete "Ansprechstelle Diskriminierung und Gewalt in der Bundeswehr" laut Generalinspekteur bereits erhalten hat, nun viel oder wenig sind.

Vom Zivilpersonal würden laut Wieker vor allem Mobbing-Vorwürfe vorgebracht, bei den Militärs liege der Schwerpunkt im Bereich sexueller Übergriffe - allerdings ohne zu spezifizieren, welche Art diese Übergriffe sind. Nach den Vorschriften der Streitkräfte kann schon die Existenz eines Pin-Up-Bildes im Spind eines Soldaten als ein solcher Übergriff gewertet werden. Um die Dimension des Problems belastbar einzuschätzen, bedarf es wohl genauerer Daten - vielleicht wird sie der Kriminologe Pfeiffer liefern.

Über dieses Thema berichtete der NDR am 09. April 2017 um 19:30 Uhr.

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