Symbolbild zur Cyberattacken | Bildquelle: dpa

Bundeswehr und Cybersicherheit Der Krieg im Netz

Stand: 22.02.2016 17:00 Uhr

Kraftwerke abschalten, Krankenhäuser lahmlegen, Industrieanlagen sabotieren: Viele Konflikte der Gegenwart finden zunehmend auch über das Internet statt. Wie sollen sich die Streitkräfte dazu aufstellen? Bundeswehr und Politik suchen nach Lösungen.

Von Christian Thiels, tagesschau.de

Es fällt kein einziger Schuss aber schon nach wenigen Minuten ist der Gegner handlungsunfähig. Seine Panzer, Flugzeuge und Soldaten - alle nutzlos gegen diesen Angriff. Kein Zug fährt mehr, die Kraftwerke schalten sich ab, die Kommunikation bricht zusammen. Ein Szenario wie aus einem Science-Fiction-Roman - und doch gar nicht so unwahrscheinlich, sind sich Experten seit Jahren einig.

Der Hacker-Angriff auf den Bundestag, die digitalen Einbrüche in die Personaldatenbank amerikanischer Behörden, die Sabotage iranischer Atomanlagen und der ukrainischen Energieversorgung mittels Schadsoftware sind nur einige Beispiele dafür, dass die Digitalisierung von Konflikten längst Realität ist.

"Deutschland hinkt da sehr hinterher"

In Deutschland fristete das Thema Cyberangriffe und die Verteidigung dagegen lange ein Nischendasein. Dabei nähmen die Aktivitäten vor allem von ausländischen Geheimdiensten in diesem Bereich deutlich zu, mahnt Thomas Rid vom King's College in London: "Wir müssen von weiterer Eskalation im nachrichtendienstlichen Bereich ausgehen. Deutschland hinkt da sehr hinterher", so Rid.

Er ist einer von sieben Sachverständigen, die dem Verteidigungsausschuss des Bundestags mit ihrer Expertise Rede und Antwort stehen. Dabei machen sie deutlich, dass Cyberangriffe Politik und Militär vor gewaltige Herausforderungen stellen. Das weiß auch Rüstungsstaatssekretärin Katrin Suder. Solche Attacken seien kostengünstig und effektiv, sagt sie, und damit ideal für asymmetrische Konflikte. "Es kann eingesetzt werden für Angriffe unterhalb der Schwelle einer militärischen Konfrontation, wie wir das bei der hybriden Kriegsführung erleben."

Identität des Angreifers schwierig zu erkennen

Ein großes Problem dabei ist es, die Attacke einem Urheber zuzuordnen: "Ich kann einem Angriff nicht ansehen, ob er von einem Cyberkriminellen oder einem Nachrichtendienst kommt", sagt Telekom-Vorstand Thomas Kremer. "Das ist nach wie vor ein ungelöstes Problem", pflichtet auch Marcel Dickow von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) bei.

Das hat auch völkerrechtliche Folgen: Wann darf man sich verteidigen? Und gegen wen? "Selbstverteidigung auf Verdacht ist unzulässig. Genauso wie präventive Angriffe", mahnt der Völkerrechtler Michael Bothe von der Goethe-Universität Frankfurt. Deshalb sei es wesentlich, den Urheber zweifelsfrei festzustellen.

Vor dieser Herausforderung steht auch die NATO. Die hat zwar erklärt, dass ein Cyberangriff auch auslösendes Moment für den Bündnisfall sein kann. Aber was, wenn man nicht zweifelsfrei feststellen kann, wer denn der Angreifer ist? Ungeregelt auch: Gilt ein Cyberangriff auf kritische Infrastruktur, etwa ein Kraftwerk eines privaten Energieversorgers, als Angriff auf ein Land?

Digitale Wirtschaftsspionage und Internet-Kriminalität gehören zum Alltag. Auf mehr als eine halbe Milliarde US-Dollar beziffert etwa der Schutzsoftware-Hersteller McAfee den jährlichen Schaden durch Cyberkriminalität. Doch die Grenzen zwischen staatlich-gesteuerter Cyber-Spionage und simpler Kriminalität im Netz sind nicht immer leicht zu erkennen.

Cyber-Attacken auf Krankenhäuser
tagesthemen 22:15 Uhr, 16.02.2016, Jens Eberl/Ingrid Bertram, WDR

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Angriff ist die beste Verteidigung

Sollte die Bundeswehr also neben Verteidigungssystemen gegen digitale Angriffe sicherheitshalber auch offensive Cyberwaffen entwickeln? Auch hier können die Experten keine einfachen Antworten liefern. Schon die Unterscheidung solcher Software-Waffen sei problematisch. Gabi Rodosek von der Universität der Bundeswehr: "Die besten Verteidiger sind immer die besten Angreifer."

Anders formuliert: Wer sich gegen Cyberangriffe effektiv zur Wehr setzen will, muss auch in der Lage sein, einen Angriff auszuführen, die Fachkenntnis sei nämlich identisch. Dennoch rät SWP-Experte Marcel Dickow der Bundeswehr von der Entwicklung solcher Cyber-Angriffsfähigkeiten ab. "Das würde die Glaubwürdigkeit deutscher Cyber-Außenpolitik, vor allem bei Internet Governance, Völkerrecht und Menschenrechte online massiv einschränken." Das verstoße gegen fundamentale Interessen Deutschlands.

Bundeswehr fehlt Fachpersonal

Für die Bundeswehr dürfte die Entwicklung solcher Fähigkeiten ohnehin schwer sein, denn dafür fehlt ihr schlicht das qualifizierte Personal. Die jetzigen Mitarbeiter entsprechend fortzubilden sei schon aus Gründen der militärischen Karriereplanung und der Rotation bei der Stellenbesetzung kaum möglich, betont Thomas Rid vom King's College.

Also Experten von außen anwerben? Staatssekretärin Suder lässt durchblicken, dass die Streitkräfte den Wettbewerb mit der IT-Industrie um geeignetes Personal nicht gewinnen können. Deshalb wolle man zwar eigene Studiengänge und Fachkarrieren aufbauen, um Menschen zu gewinnen und zu halten, aber wichtig sei auch, mit Industrie und Universitäten in "Cyber-Clustern" zu kooperieren, um die nötige Expertise zu bekommen.

Wie auch immer die dann aussieht: Jeder Einsatz von Cyberwaffen durch die Bundeswehr müsse vom Bundestag mandatiert werden, sind sich die Experten einig. "Da gelten die gleichen Regeln, wie bei einem herkömmlichen Einsatz", betont auch Suder. Konkrete Regeln für die Kriegführung im virtuellen Raum fehlen im Völkerrecht allerdings. Jurist Bothe ist skeptisch, ob es gelingen kann, solche zwischenstaatliche Normen zu entwickeln. Die aktuelle politische Lage mache das höchst unwahrscheinlich.

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