Militärtransporter A400M

Kriegsgerät der Bundeswehr Material mit Macken und Mängeln

Stand: 29.11.2016 02:01 Uhr

Je moderner, desto weniger einsatzbereit: Von den wichtigsten Waffensystemen der Bundeswehr sind weiterhin viele nicht funktionsfähig. So schafften es von 216 Kampfjets nur 69 in die Luft. Über Material mit Macken und Mängeln.

Von Christian Thiels, tagesschau.de

Auf dem Papier sieht die Bundeswehr wie eine mächtige Streitmacht aus: Hunderte Hubschrauber und Kampfjets, Panzer und gepanzerte Fahrzeuge, dazu Fregatten und U-Boote. Doch einmal im Jahr muss die Papierlage der Realität weichen. Dann nämlich legt das Verteidigungsministerium seinen "Bericht zur materiellen Einsatzbereitschaft der Hauptwaffensysteme der Bundeswehr" vor. Hinter dem sperrigen Titel verbirgt sich auf knapp 100 Seiten die sehr nüchterne Auflistung, wie viel vom milliardenschweren Kriegsgerät der Streitkräfte überhaupt funktioniert.

Nicht dramatisch, sagt das Ministerium

Um es kurz zu sagen: Es funktioniert nicht besonders viel. Von 216 Kampfjets der Typen Tornado und Eurofighter etwa hat die Luftwaffe von Januar bis Oktober dieses Jahres im Schnitt gerade mal 69 in die Luft bekommen. Doch ganz so dramatisch will das Ministerium die Zahlen nicht verstanden wissen. Ein Teil des Hightech-Kriegsgeräts der Streitkräfte ist für geplante Wartungsarbeiten, Hochrüstungen oder Nachbesserungen bei der Industrie, sozusagen beim Rückruf ins Werk. Bei den Kampfjets macht das im Schnitt 71 Maschinen aus. Bleiben also noch 145. Dass davon nicht mal die Hälfte einsatzbereit ist, klingt trotzdem nicht nach einer Erfolgsmeldung.

Entschuldigend verweist das Ministerium auf fehlende Ersatzteile bei alter Technik wie dem Tornado und Kinderkrankheiten bei der neuen wie beim Eurofighter. Auch das neue Transportflugzeug A400M fällt in diese Kategorie. Von den fünf bisher ausgelieferten Flugzeugen war im Schnitt eines flugbereit. Fehlerhafte Propellergetriebe seien für die "deutlich unter den Erwartungen liegende" Einsatzbereitschaft verantwortlich, heißt es im Bericht.

Oldtimer der Lüfte

Die Bilanz bei den jahrzehntealten Transall-Fliegern, die eigentlich durch die A400M ersetzt werden sollen, sieht relativ gesehen deutlich besser aus: Von den noch 41 im Dienst befindlichen Oldtimern der Lüfte hatte die Bundeswehr immerhin 30 zur Verfügung und von denen kamen 19 auch in die Luft.

Transall
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Die Transall - der Oldtimer der Lüfte

Wenig berauschend ist die Lage auch bei den Hubschraubern. Von mehr als 300 Maschinen war gerade mal ein gutes Drittel einsatzbereit. Von den großen Transporthubschraubern des Typs CH53, die als Arbeitspferde in Afghanistan und anderswo im Einsatz sind, hat die Bundeswehr zwar 72 Stück, aber nur 43 standen der Truppe überhaupt zur Verfügung und nur 18 waren einsatzbereit.

Auffällig auch: Die modernen Transport- und Kampfhubschrauber NH90 und Tiger. Beim Tiger freut sich die Bundeswehr, dass "die Einsatzbereitschaft nahezu verdoppelt werden" konnte, aber trotzdem stehen von den 42 gelieferten Maschinen im Schnitt nur 27 der Truppe zur Verfügung und lediglich zwölf sind einsatzbereit. Der Transporthelikopter NH90 liefert kein besseres Bild. 48 davon haben die Streitkräfte bislang bekommen, 29 stehen auch auf dem Flugplatz, aber nur mickrige neun können sofort eingesetzt werden.

"Unkonventionelle Ersatzteilgewinnung"

Regelrecht dramatisch ist die Lage bei den Hubschraubern der Marine. Die hat 21 Sealynx-Maschinen für ihre Fregatten, doch nur fünf fliegen überhaupt. "Der operative Bedarf von mindestens sechs für Einsatz und Ausbildung" habe damit auch 2016 nicht gedeckt werden können, resümiert der Bericht des Ministeriums. Noch schlimmer ist nur der Zustand der größeren Sea King-Hubschrauber, die etwa für die Seenotrettung an Nord- und Ostsee eingesetzt werden. 21 dieser inzwischen reichlich betagten Maschinen hat die Marine im Bestand, nur vier konnten geflogen werden. Das sei deutlich unterhalb des erforderlichen Minimalbedarfs, ist im Bericht nachzulesen.

Ein Marine-Hubschrauber vom Typ "Westland Sea King Mk41" auf einem Landeplatz in Helgoland.
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Ein Marine-Hubschrauber vom Typ "Westland Sea King Mk41" auf einem Landeplatz in Helgoland.

Trotzdem verweist das Wehrressort stolz darauf, dass man den Negativtrend "durch unkonventionelle Ersatzteilgewinnung" habe stoppen können. Kurz gefasst hat man schrottreife Maschinen des gleichen Typs bei Verbündeten erstanden und dann ausgeschlachtet. Mit dieser Taktik will man bis zur Einführung des Sea King-Nachfolgers Sea Lion wenigstens einen Minimalbetrieb aufrecht erhalten.

Eine eigene Arbeitsgruppe, "Task Force Drehflügler" genannt, erarbeitet seit geraumer Zeit Konzepte, wie man der Misere abhelfen kann. Große Hoffnung auf schnelle Erfolge hat das Ministerium gleichwohl nicht: Es sei zu erwarten, "dass sich die Maßnahmen erst mittel- bis langfristig auswirken werden."

Fähigkeitslücken durch Ausmusterung

Für Generalinspekteur Volker Wieker, den höchsten Soldaten der Bundeswehr, wird es in Zukunft darum gehen, "den Blick noch mehr auf die gesamten Lebenskosten eines Systems zu richten". Das heißt, dass notwendige Ersatzteile und Instandsetzungseinrichtungen schon bei der Einführung neuer Systeme in ausreichender Anzahl zur Verfügung stehen und auch finanziell berücksichtigt werden müssen. Das bedeute laut Wieker allerdings, dass die Einführung neuer Waffen länger dauern und möglicherweise auch teurer werde könnte.

Den Übergang von altem zu neuem Gerät will der Generalinspekteur flexibler gestalten. Die Ausmusterung von Systemen dürfe nicht dazu führen, dass Fähigkeitslücken entstehen. Die sind zumindest im Heer etwas kleiner geworden - zumindest bei dem Kriegsgerät, das am Boden bleiben kann.

Doch auch hier gilt: je moderner, desto weniger einsatzbereit. Der neue Schützenpanzer Puma etwa hat so viele Wehwehchen, dass von 89 gelieferten Fahrzeugen gerade mal 23 eingesetzt werden können. Etwas besser ist die Lage beim Radpanzer Boxer und dem Dingo, einer Art gepanzertem Unimog, geworden. Beide Fahrzeuge waren in Afghanistan heftigen Belastungen ausgesetzt. Die Überholung der Fahrzeuge läuft aber offensichtlich einigermaßen, die Soldaten haben immer mehr davon einsatzbereit auf dem Kasernenhof stehen.

Ärger hat auch die Marine, bei der nur eines von sechs Hightech-Unterseebooten mit Brennstoffzellenantrieb einsatzbereit war, bei Fregatten und Korvetten sehen die Zahlen besser aus: 60 bis 70 Prozent konnten in See stechen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 29. November 2016 um 15:24 Uhr.

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