SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz | Bildquelle: dpa

Schulz vor TV-Duell Letztes Mittel: Angreifen

Stand: 01.09.2017 17:33 Uhr

Kurz vor der Bundestagswahl liegt die CDU in Umfragen deutlich vorn. Die SPD ist sich aber sicher: Das TV-Duell wird die Wende bringen. Spitzenkandidat Schulz hat dabei nur wenige Optionen - doch die will er offensiv nutzen.

Von Maiken Nielsen, tagesschau.de

Das Zögern dauerte nicht einmal eine Sekunde. "Ich bin objektiv kein Experte im Tattoo-Stechen", erklärte der SPD-Kanzlerkandidat. "Und in den Rechtsvoraussetzungen, wie man das machen darf. Aber ich werde mich erkundigen."

Matthias Bartke | Bildquelle: Matthias Bartke, SPD
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Schulz muss jetzt nah am Volk auftreten, meint Matthias Bartke.

So wie Martin Schulz im interaktiven Format "Frag selbst" Fragen eines tätowierinteressierten Users beantwortete, so muss er jetzt auftreten: nah am Volk. Das meint Matthias Bartke, Justiziar der SPD-Bundestagsfraktion und Bruder im Schulz'schen Geiste. Deshalb ist die Sache für ihn klar: "Wenn die SPD aufholen will, muss Schulz das tun, was er am besten kann, nämlich auf die Leute zugehen. Das ist seine Stärke", so Bartke. "Er ist sehr authentisch, wenn er mit den Leuten spricht."

Die aktuellen Umfragen will er deshalb auch nicht für bare Münze nehmen. "Auch bei den vergangenen vier Landtagswahlen sind drei anders gelaufen, als wir es vermutet hatten. Wir leben eben derzeit in einer sehr bewegten und unruhigen Welt."

Die Würfel sind noch nicht gefallen

Das bestätigt auch Michael Kunert von infratest dimap, der mit seinem Institut Wahlprognosen erstellt. Hinzu komme, dass die Bindung an die Parteien nachlasse. "Früher war schon oftmals durch das Milieu oder die Arbeitssituation gegeben, für welche Partei man sich entscheidet." Das sei mittlerweile immer seltener der Fall. "Die Schwankungen sind durch die fortschreitende Individualisierung immer größer geworden. Die Anteile der SPD in der Sonntagsfrage haben im Laufe dieses Jahres stark geschwankt - das hat es so in der Form kaum gegeben."

Politologe Prof. Dr. Niels Diederich | Bildquelle: PKI FU Berlin
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Auch für den Sozialwissenschaftler Nils Diederich sind die Würfel noch nicht gefallen.

Auch für den Sozialwissenschaftler Nils Diederich sind die Würfel noch nicht gefallen. "Noch hat Schulz die Chance, Unentschlossene und Nichtwähler von sich zu überzeugen. Er darf sich also nicht nur an seine eigenen Anhänger wenden, sondern er muss versuchen, bei Anhängern der Grünen, der Linken und sogar der AfD zu punkten."

Größte Herausforderung für Schulz am Sonntag: Er muss sich einerseits als jemand verkaufen, der mit seiner Partei in der Regierung sitzt. Und anderseits als jemand, der die Regierung, allen voran die Kanzlerin, kritisiert. "Eine schwierige Gratwanderung", urteilt SPD-Mann Bartke. Er muss klare Kante gegenüber Angela Merkel zeigen. Aber er darf dabei nicht zu aggressiv auftreten, denn aggressive Politiker, das mögen die Leute nicht."

Gegen Schlafwagen-Rhetorik

Bei der einzigen direkten Konfrontation zwischen der Kanzlerin und dem SPD-Spitzenkandidaten am Sonntag im Ersten müsse Schulz vor allem deutlich machen, dass für ihn das Ende der Großen Koalition erreicht sei.

"Das ist der einzige Weg für ihn, wenn er im Duell überzeugen will", meint auch Sozialwissenschaftler Diederich. "Er muss sehr deutlich machen, dass er nicht bereit ist, als Juniorpartner anzutreten und sagen: 'Wir werden jetzt eine neue Phase einläuten.'" Zudem müsse der SPD-Kandidat der "Schlafwagen-Rhetorik" der Kanzlerin entgegentreten. "Ihr Ansatz lautet ja: Wir gehen einen Schritt nach dem anderen, ihr könnt euch auf uns verlassen. Und Schulz muss diese Rhetorik durchbrechen, er muss sagen: 'Deutschland hat Probleme, und die gehe ich jetzt an'", so Diederich.

Wahlkampfthema Soziale Gerechtigkeit

Um sowohl im linken als auch im rechten Wählerspektrum Stimmen zu gewinnen, müsse Schulz aber vor allem das Thema Sicherheit ansprechen, erklärt Diederichsen. Und zwar sowohl die innere Sicherheit als auch die Sicherheit der Arbeitsplätze. 

Doch das Wahlkampfthema der SPD lautet "Soziale Gerechtigkeit". Schulz will Menschen in Pflege- und Erziehungsberufen stärker entlohnen und er will 48 Prozent des Gehalts als Rente garantieren, bei einer Obergrenze der Beiträge von 22 Prozent während der Erwerbstätigkeit. Er tritt für eine Bürgerversicherung ein, für gebührenfreie Bildung, und er ist dafür, Managergehälter zu deckeln. "Er muss bei dem Duell jetzt vor allem deutlich machen, dass er Gegenpositionen zur CDU vertritt, und das kurz, knapp und klar", so Diederich.

Die Rollen sieht Diederich im Vorfeld als festgelegt. Merkel sei diejenige mit dem Vorsprung, die sich staatsmännisch gebe und jetzt nochmal in den lästigen Wahlkampf einsteigen müsse. "Dass sie jetzt so kurz vorher noch in den Urlaub fährt, ist eine fantastische Inszenierung", so der Sozialwissenschaftler. "Insgesamt fährt sie eine unglaubliche Strategie."

Je höher die Wahlbeteiligung, desto mehr Chancen für die SPD

Der Wahlerfolg der SPD steigt mit der Wahlbeteiligung, da sind sich alle Experten sicher. "Die Wahlbeteiligung spielt der SPD in die Hände", davon ist auch Bartke überzeugt. Und die wiederum soll durch das TV-Duell steigen. Die politischen Positionen der Kandidaten sind bekannt, doch wie die beiden ihre Positionen verteidigen, ist für viele Wähler aufschlussreich - zeigt ihr Auftreten doch auch ein Umgang mit Stresssituationen.

Beim TV-Duell vor der Landtagswahl 2010, als in Hamburg die Bürgermeisterkandidaten Ole von Beust (CDU) und Michael Naumann (SPD) gegeneinander antreten, erlaubte sich der SPD-Kandidat bei seiner Abschlusserklärung einen schweren Blackout. "Bei Schulz", so Wahlkampf-Unterstützer Bartke, "kann das nicht passieren, denn er lernt nichts auswendig. Er spricht aus dem Herzen."

Ob die Herzensbotschaften des Mannes, dessen Umfragewerte in den vergangenen Monaten stark fielen, ankommen, wird das Ergebnis der Bundestagswahl am 24. September zeigen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. September 2017 um 16:00 und 17:00 Uhr. Das Erste überträgt das TV-Duell am 03. September 2017 um 20:15 Uhr.

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