Martin Schulz | Bildquelle: dpa

Martin Schulz Ein Kämpfer, der auf der Stelle tritt

Stand: 27.08.2017 05:40 Uhr

Klare Sprache, pointierte Aussagen: Anfang des Jahres beflügelt Martin Schulz die SPD. Doch der Hype ist verflogen, das Verlierer-Image haftet ihm an. Aber der Kanzlerkandidat gibt nicht auf - dabei hilft ihm womöglich auch eine persönliche Erfahrung.

Von Moritz Rödle, ARD-Hauptstadtstudio

Die saarländische SPD-Spitzenkandidatin Anke Rehlinger macht es spannend, als sie ans Mikro tritt: "Gültige Stimmen 605 - mit Ja haben gestimmt: 605 Genossinnen und Genossen." Mehr muss sie nicht sagen. Es ist der Moment, als alle SPDler in der Arena in Berlin-Treptow aufspringen - alle bis auf Martin Schulz. Mit 100 Prozent wählt ihn der Parteitag an diesem kühlen Märztag zum neuen SPD-Chef.

So viel Zustimmung hatte vor ihm kein anderer Vorsitzender. Noch nicht einmal sein Vorbild Willy Brandt, den Schulz in seinen Reden so oft erwähnt. Später wird er erzählen, wenn er gewusst hätte, dass er ein solches Ergebnis bekäme, dann hätte er Freunde gebeten, ihn nicht zu wählen. Understatement? Nein, als Schulz diesen Satz später spricht, hat er schon schmerzhafte Niederlagen eingesteckt und dazugelernt. Denn das 100-Prozent-Ergebnis hat seinen Wahlkampf belastet. Damals in der Halle nahe der Spree ist die Schulz-Euphorie in der Partei aber noch auf dem Höhepunkt.

Träumen von Rot-Rot-Grün

Überall in der Republik sind in den vergangenen zwei Monaten SPD-Ortsvereine aus einem Dornröschenschlaf erwacht. In den Augen vieler Basis-Genossen repräsentiert der neue Spitzenkandidat endlich wieder die Werte der alten Arbeiterpartei SPD. Man werde verstärkt auf den Martin angesprochen - positiv, berichtet ein Ortsvorsteher. Selbst von Seiten der Linkspartei bekommt Schulz damals so etwas wie Rückendeckung. Dort kann man sich zu diesem Zeitpunkt ein rot-rot-grünes Bündnis unter ihm als Kanzler zumindest vorstellen.

Der Kandidat funktioniert als Projektionsfläche, weckt Hoffnungen auf einen Politikwechsel in Deutschland. In Reden spricht Schulz nun oft über Respekt für Frauen, Männer, Kinder oder Lebensleistungen. Dieser Respekt für jeden einzelnen Menschen gehe in unserer Zeit zu oft verloren.

Diskussion um fehlendes Abi

Schulz selbst hat das erlebt. Als junger Mann scheitert er in der Schule und wird alkoholkrank. Die in der SPD für eine Karriere inzwischen so wichtigen akademischen Weihen hat er nie erlangt. Auch wenn er es nicht zugibt - man hat den Eindruck, dass das noch heute an ihm nagt. Gerade weil es rund um seine Spitzenkandidatur Diskussionen gibt, ob ein Kanzler ohne Abitur überhaupt möglich sei.

Auffällig ist, dass er seitdem Sachverhalte oft komplizierter erklärt, als es sein müsste. Überkompensiert er damit fehlende akademische Bildung? Dabei waren klare Sprache und pointierte Aussagen lange Zeit eine Stärke von Schulz. Während seiner Zeit als EU-Parlamentspräsident ist er gern gesehener Interviewgast in den tagesthemen, gerade weil man immer erwarten kann, dass der SPD-Politiker liefert. Diese Klarheit ist ihm auf seinem Weg in den vergangenen Monaten verloren gegangen. Als Schulz Parteichef und Spitzenkandidat wird, will er vieles anders machen.

Schulz und Gabriel beim SPD-Parteitag | Bildquelle: AP
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Beteuern öffentlich stets ihre Freundschaft: Martin Schulz und Sigmar Gabriel.

Moderator zwischen den Flügeln

Jahrelang litt die SPD in den Augen vieler Genossen unter der Sprunghaftigkeit von Parteichef Sigmar Gabriel. Schulz möchte die Partei stattdessen mitnehmen, zwischen den Flügeln moderieren und einen. Er, der jahrelang im Konsensbetrieb Europa agiert hat, scheint dafür genau der richtige Mann.

Doch Schulz macht einen Fehler, bis jetzt vielleicht seinen einzig wirklich entscheidenden: Um Streit zu vermeiden, belässt er es bei der Abmachung mit Hannelore Kraft, ihr nicht in den Wahlkampf in NRW hineinzufunken. Wochenlang bleibt er auf Tauchstation. Lässt andere reden. Das gibt CDU und CSU Zeit und Raum, ihren Streit um Obergrenze und Flüchtlinge zumindest oberflächlich beizulegen. Die Kanzlerin, zuvor noch in der Defensive, erholt sich auch in den Umfragen. Gleichzeitig bröckeln die Werte der SPD, und alle drei Landtagswahlen gehen verloren.

Niederlagen, die schmerzen

Diese Niederlagen kann man ohne Probleme mit landesspezifischen Gründen erklären, doch sie geben Schulz ein Verlierer-Image, das er bis heute nicht losgeworden ist. Nach den empfindlichen Wahlniederlagen habe er ein persönliches Tief gehabt, heißt es von Parteifreunden. Doch das liege nun hinter ihm. Den Wahlkampf 2013 verlor die SPD nach einer Fehlerserie ihres Spitzenkandidaten. Peer Steinbrück ließ damals kein Fettnäpfchen aus - seine Niederlage war verdient.

Mit Schulz ist es anders. Nicht, dass er keine Fehler machen würde, doch sie sind bis auf die wochenlange Tauchstation im Frühjahr verzeihlich. Auch mangelndes Engagement kann man ihm nicht vorwerfen. Schulz strampelt sich ab, macht Wahlkampftermin um Wahlkampftermin, spielt seine Stärken aus. Er ist anders als die Kanzlerin in der Lage, Nähe zu schaffen. Als ehemaliger Kommunalpolitiker weiß er, wie die Menschen auf dem Land ticken, er hat ein offenes Ohr für ihre Probleme. Sie merken, auch nach vielen Jahren in Brüssel ist er ihnen näher als der Politikblase in Berlin. Doch auch wenn die SPD nach außen so geschlossen scheint wie lange nicht mehr, sind es auch innerparteiliche Kämpfe, die dafür sorgen, dass er auf der Stelle tritt.

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz bei einem Wahlkampfauftritt in Trier | Bildquelle: dpa
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Gibt alle Kraft, um die Kanzlerin doch noch zu überholen: Martin Schulz.

Gabriel-Interview - Attacke aus dem Hinterhalt

Einer der schwierigen Akteure ist sein Vorgänger Gabriel. Der gibt Anfang August dem "Stern" ein Interview aus seinem Urlaubsort. Abgesprochen mit Schulz ist es nicht. Daraus wird die Meldung, Gabriel sei gegen eine erneute Große Koalition. Damit liegt der Außenminister zwar auf Parteilinie, auch Schulz hat wohl keine große Lust mehr auf eine Neuauflage von Schwarz-Rot, allerdings hat der Parteichef die Devise ausgegeben, sich vor der Wahl nicht mehr auf Koalitionsdiskussionen einzulassen. Das Gabriel-Interview wirkt so wie ein Angriff aus dem Hinterhalt. Längst geht es nicht mehr nur um die Wahl am 24. September, hinter den Kulissen hat der Kampf um die Zeit danach begonnen.

Auffallend unauffällig: Ministerin Nahles

Dabei spielt auch Arbeitsministerin Andrea Nahles eine Rolle. Öffentlich stützt sie Schulz zwar, macht auch einige Wahlkampfauftritte, doch sonst hält sie sich merklich zurück. Ihr letzter inhaltlicher Aufschlag datiert auf den März, damals stellt sie ihr Konzept für ein Arbeitslosengeld Q vor. Die SPD führt einen Gerechtigkeitswahlkampf und die dafür wichtigste Ministerin, zuständig für Soziales, ist öffentlich kaum wahrnehmbar. In der SPD spricht man davon, Nahles bereite sich auf die Zeit nach Schulz vor.

Die einzige Ministerin, die nennenswert öffentlich in Erscheinung tritt, ist Umweltministerin Barbara Hendricks. Sie streitet für moderne Mobilität, doch das gefällt nicht allen. Aus der Facharbeiter-Gewerkschaft IG Metall heißt es, der Kampf der Ministerin gegen die Autoindustrie sei kein Ruhmesblatt für die SPD.

Schulz muss am vergangenen Freitag von Hendricks abrücken, obwohl er sie vorher in ihren Forderungen unterstützte. Die gewerkschaftlich gebundenen Wähler sind eine zu wichtige Zielgruppe für die SPD. Angesichts dieser Probleme könnte man sogar verstehen, wenn Schulz vier Wochen vor der Wahl innerlich aufgeben würde. Zu groß scheint der Abstand zur Union, die sich einfach nicht greifen lässt. Die SPD verzweifelt am Stil der Kanzlerin, sich einer Debatte zu verweigern.

Doch Schulz gibt nicht auf, vielleicht ist es seine persönliche Erfahrung, die ihm hilft. Dem "Spiegel" erzählte er einst, wie verzweifelt er durch seine Alkoholsucht wirklich gewesen sei. Es habe einen Moment gegeben, da habe er Schluss machen wollen. Wer so etwas erlebt hat, für den sind schwindende Umfragewerte wahrscheinlich am Ende nur sekundär, der glaubt immer, dass man eine Situation, und sei sie noch so ausweglos, noch zum Guten wenden kann. Gebetsmühlenartig trägt Schulz deshalb sein Mantra vor sich her. Er wolle und könne Kanzler werden. Noch sei diese Wahl nicht entschieden.

"Frag selbst" - die Termine

  • Katrin Göring-Eckardt (Grüne): 2. Juli
  • Sahra Wagenknecht (Die Linke): 13. Juli
  • Peter Altmaier (CDU): 16. Juli
  • Frauke Petry (AfD): 13. August
  • Horst Seehofer (CSU): 20. August, 13.45 Uhr
  • Martin Schulz (SPD); 27. August
  • Christian Lindner (FDP): 30. August

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. August 2017 um 17:15 Uhr.

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