Dietmar Bartsch, Fraktionsvorsitzender der Linkspartei | Bildquelle: dpa

Sommerinterview mit Bartsch Der stille Reformer

Stand: 08.07.2017 03:27 Uhr

Er ist der weniger auffällige der beiden Fraktionschefs der Linkspartei - neben Sahra Wagenknecht wirkt Dietmar Bartsch manchmal blass. Als Pragmatiker und harter Arbeiter tut er viel für den Zusammenhalt der Partei.

Von Julia Krittian, ARD-Hauptstadtstudio

Haustürbesuche? Dietmar Bartsch, der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei, kann da die anderen Wahlkämpfer nur bemitleiden. Er gehe lieber von Strandkorb zu Strandkorb, schmunzelt der  59-Jährige. Diesen Sommer wird er möglicherweise noch öfter als sonst in seinem Landesverband Mecklenburg-Vorpommern unterwegs sein.

Gerade hat er seinen Wahlkreis getauscht - er tritt nun an, um Rostock direkt zu gewinnen. Die Chance ist zwar gering, aber wenn es einer schafft, dann Bartsch. Sagt Bartsch.

Ein Mann für die Basis

Aus der Partei heißt es, er könne Wahlkampf, Nähe aufbauen, mit Menschen ins Gespräch kommen, ob bei der Volkssolidarität oder in mittelständischen Unternehmen. Zuletzt hat er einen Kindergarten besucht, aber die Kleinen hätten sich doch sehr gewundert, wer der große Mann sei, so Bartsch.

Kinderarmut - das Thema treibt ihn um. Genauso wie die Angleichung der Lebensverhältnisse zwischen Ost und West. Fast drei Jahrzehnte nach der Wende bleibe viel zu tun - wenn die Kanzlerin etwa ein "Rentenüberleitungsabschlussgesetz" vorlegen lasse, sei das nicht nur sprachlicher Murks, findet Bartsch.

Dietmar Bartsch vor einem Wahlplakat | Bildquelle: dpa
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Der Kampf gegen Kinderarmut gehört für Dietmar Bartsch zu den wichtigsten Themen.

Ehrgeizig bei Sport und Politik

Als schlaksiger Teenager will er Olympiasieger werden. Handball, Basketball oder Volleyball - egal, Hauptsache der Größte sein, nicht nur in Zentimetern. Und mal raus kommen. Da der Sport ihn nicht weit genug führt, denkt er früh an die Politik. 1977 wird er SED-Mitglied, studiert anschließend in Berlin und Moskau.

Nach der Wende wird Bartsch Bundesschatzmeister der PDS, später Geschäftsführer, jetzt Fraktionsvorsitzender der umbenannten Linkspartei. Seine Machtbastion: die ostdeutschen Reformer. Bartsch kenne in Ostdeutschland jeden linken Landrat und Bürgermeister persönlich, heißt es aus der Fraktion. Und er kümmere sich.

Durch Niederlagen stärker geworden

Doch er erlebt auch harte Niederlagen. 2002 scheitert die PDS an der Fünf-Prozent-Hürde - sein, wie er sagt, vielleicht prägendstes Erlebnis. Heute etwa gehe er die Stufen zum Bundestag viel bewusster hoch, empfinde es noch immer als etwas Besonderes, als Oppositionsführer nach der Kanzlerin zu reden.

Er sei durch die Konflikte stärker geworden, sagt Bartsch von sich. Gehe gelassener, aber auch entschlossener mit Krisen um. "Nicht so schnell umkippen", das sei auch ein Stück familiäre Prägung. Vertraute sagen, er habe einen Panzer aufgebaut, könne ziemlich misstrauisch sein.

Ein ungleiches Paar - das sich braucht

Die beiden Spitzenkandidaten der Linkspartei: Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch. | Bildquelle: dpa
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Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch ergänzen sich - als Spitzenkandidaten wie als Fraktionsvorsitzende.

2015 löst Bartsch Gysi als Fraktionsvorsitzenden ab - gemeinsam mit Sahra Wagenknecht, Frontfrau der westdeutschen radikalen Linken. Kaum jemand habe geglaubt, dass die beiden auch nur einen Monat durchhalten, heißt es aus Parteikreisen. Doch in zwei Jahren habe es nahezu keine Fehler gegeben. Die beiden haben ein Vertrauensverhältnis aufgebaut, brauchen einander.

Sahra Wagenknecht wirkt nach außen, sie sitzt in den Talkshows, messerscharfe Argumentation, rhetorisch brillant. Dietmar Bartsch räumt nach innen ab und öffnet die Linkspartei zur Mitte. Er will ein Mitte-Links-Bündnis auf Bundesebene schmieden, aus Überzeugung - für Deutschland und für Europa.

Sahra Wagenknecht hat lange für reine Opposition geworben, inzwischen bewegt sie sich, zumindest rhetorisch: Bei einem "echten Politikwechsel" werde die Linke mitgestalten - eine Formel so weich, dass sich alle dahinter versammeln können. Unterschiede bleiben dennoch hörbar: Beim vergangenen Parteitag etwa attackierte Bartsch vehement Merkel und Schäuble. Wagenknecht arbeitete sich vor allem an der SPD und ihrem "Zottelbart" Martin Schulz ab.

Flüchtlingsfrage als Streitpunkt

Der größte Dissens: in der Flüchtlingspolitik. Wiederholt hat Wagenknecht hier in den letzten Monaten Alleingänge unternommen. Kritiker unterstellten ihr gar eine Nähe zur AfD - etwa als sie Kanzlerin Merkel eine Mitschuld am Berliner Attentat zuwies, durch ihre Flüchtlingspolitik und den Sparkurs bei der Polizei. Bartsch stellte sich vor Wagenknecht und hielt die Partei in der Asyldebatte zugleich auf seiner Linie.

Wagenknecht und Bartsch - das bleibt auch nach zwei Jahren ein ziemlich ungleiches politisches Paar, aber für viele in der Partei gerade deswegen ein Dream-Team.

Das Sommerinterview mit Dietmar Bartsch sehen Sie am Sonntag um 18.30 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtet der Bericht aus Berlin am 08. Juli 2017 um 18:30 Uhr.

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