CSU-Spitzenkandidat Joachim Herrmann | Bildquelle: dpa

CSU-Spitzenmann Herrmann Der Kandidat als Kampfansage

Stand: 20.08.2017 00:16 Uhr

Bislang war es immer ein bisschen egal, wer im Schatten des CSU-Chefs Spitzenkandidat für die Bundestagswahl wurde. Mit Joachim Herrmann soll das anders sein. Seine Nominierung ist eine Kandidatur - und eine Kampfansage.

Von Sebastian Kraft, BR

Auftritt, Habitus, Inhalt - manche bekamen schon den Eindruck: Hier spricht der Bundesinnenminister. Joachim Herrmann ist Mitte Juli zu Besuch bei der CSU-Landesgruppe im oberfränkischen Kloster Banz, gibt die Abschlusspressekonferenz - und strotzt vor Entschlossenheit: Bundesweit einheitliche Standards bei Polizei und Versammlungsrecht seien nötig. Der G20-Gipfel in Hamburg habe offenbart, dass mehr Abstimmung zwischen Bund und Ländern dringend nötig sei und überhaupt: In Bayern werden Hausbesetzungen binnen 24 Stunden beendet - und deswegen habe es in seiner Amtszeit auch nie Probleme gegeben. Botschaft: Wenn man bayerische Methoden auf Deutschland überträgt, dann würde einiges besser laufen.

Quasi-Kampfansage an de Maizière

Nun spielten Spitzenkandidaten der CSU in den vergangenen Bundestagswahlkämpfen selten eine tragende Rolle, die unangefochtene Nummer 1 war immer der jeweilige Parteichef. Das gilt auch und gerade für Horst Seehofer. Die Entscheidung für Herrmann als Spitzenkandidat ist eine strategische und kann auch als ziemlich dreister Angriff auf die Unionsschwester verstanden werden. Denn Seehofer peilt für Herrmann den Posten des Bundesinnenministers an, Thomas de Maizière müsste weichen. Positiver Nebeneffekt aus Seehofers Bayern-Sicht: Herrmann wäre damit auch der natürliche Anwärter für den Parteivorsitz, wenn Seehofer einmal abtritt. Markus Söder wäre verhindert. Ziel erreicht.

Seehofers Mann für alle Fälle: CSU-Spitzenkandidat Joachim Herrmann. | Bildquelle: dpa
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Seehofers Mann für alle Fälle: CSU-Spitzenkandidat Joachim Herrmann.

Und Angela Merkel? Sie könnte im Wahlkampf sogar von einem Joachim Herrmann profitieren, schließt er doch eine offene Flanke. Denn so entschlossen die CSU in den Jahren 2015 und 2016 die Kanzlerin wegen ihrer Politik der offenen Grenzen kritisierte, so reibungslos lief die Aufnahme der Flüchtlinge nach ein paar holprigen Anfangsschwierigkeiten. Das lag an vielen freiwilligen Helfern, aber nicht zuletzt auch am Management von Herrmann. Und im Gegensatz zu Seehofer und Söder hielt er sich verbal zurück. Das Verhältnis zwischen Herrmann und Merkel gilt als unbelastet.

Gegenpol zur liberalen Kanzlerin

Der Plan der Union: Hier die liberale Kanzlerin - dort der beinharte CSU-Spitzenkandidat als Garant der Inneren Sicherheit. Der dreifache Familienvater und überzeugte Katholik aus Erlangen gilt als gutmütig und umgänglich, in der Sache aber unnachgiebig. Vor allem in der Asylpolitik standfest und prinzipientreu - ganz in der Linie seiner Vorgänger Edmund Stoiber und Günther Beckstein. Wie jedoch der Unions-Zwist um die Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen mit einem Herrmann am Kabinettstisch gelöst werden soll, bleibt ein Rätsel. Vielleicht gar nicht, Seehofer schient hier ein bisschen auf die Kunst des Vergessens zu setzen.

Herrmann beherrscht das Spiel von Zuckerbrot und Peitsche: Kein Bundesland investiert soviel Geld in die Integration wie Bayern. Aber auch nirgendwo anders wird so konsequent auf Abschiebungen gedrungen. Die Linie: schnelle Asylentscheide. Wer bleiben darf, bekommt viel Integrationshilfe und finanzielle Unterstützung - ist per neuem Landesgesetz aber auch zur Leitkultur verpflichtet. Und wer gehen muss, soll umgehend zurück ins Herkunftsland geschickt werden.

Herrmann ist Bayerns "Sicherheitsminister"

Seit zehn Jahren ist Herrmann in Bayern Innenminister, an seine Zeit davor als Fraktionschef im Bayerischen Landtag erinnern sich nur noch wenige. Denn sein Name ist im Freistaat mittlerweile untrennbar mit der Inneren Sicherheit verbunden. Die Bilanz hat nur wenige Kratzer, sein Handling von Großereignissen ist aus CSU-Sicht die optimale Visitenkarte für Berlin.

Während des G7-Gipfels in Elmau blieben die Proteste drumherum und in München friedlich. "Minister der inneren Ruhe" titelte die "Süddeutsche Zeitung", als er vor einem Jahr binnen einer Woche einen Amoklauf mit zehn Toten in München sowie zwei islamistisch motivierte Anschläge in Würzburg und Ansbach meistern musste. Und als vor einigen Monaten unschöne Bilder aus Nürnberg durch die Republik gingen, weil die Abschiebung eines afghanischen Asylbewerbers in einer Berufsschule Tumulte auslöste, stellte er sich schützend vor die Polizei, machte aber gleichzeitig unmissverständlich klar, dass Abschiebungen aus Schulen künftig zu unterlassen seien.

Bayerns "Sicherheitsminister" Joachim Herrmann. | Bildquelle: dpa
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Bayerns "Sicherheitsminister" Joachim Herrmann.

Für Seehofer ein "grundanständiger Kerl"

Ähnlich wie Stoiber kann sich Herrmann in Akten förmlich hineinfressen, kennt oft jedes Detail. Als stellvertretender bayerischer Ministerpräsident gilt er als einer der wenigen, auf die Seehofer hört. Der CSU-Chef bezeichnete ihn anlässlich seines 60. Geburtstags als "grundanständigen Kerl" und wollte ihn eigentlich schon 2011 zum Bundesinnenminister machen, als das Ministerium aufgrund einer Rochade der CSU zufiel. Herrmann sagte damals ab und drängte sich auch jetzt nicht auf. Vielmehr musste er von den CSU-Granden in mehreren Gesprächen überzeugt werden und schaffte sich somit eine komfortable Ausgangslage: Er wird seinen Job als bayerischer Innenminister nur dann aufgeben, wenn die CSU den Bundesinnenminister in Berlin stellen kann. Ansonsten bleibt alles beim Alten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. August 2017 um 19:15 Uhr.

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