Katrin Göring-Eckardt, Sahra Wagenknecht, Peter Altmaier, Frauke Petry, Horst Seehofer, Martin Schulz, Christian Lindner

"Frag selbst"-Bilanz Direkter, persönlicher, humorvoller

Stand: 01.09.2017 13:04 Uhr

Sieben Spitzenpolitiker, mehrere Millionen Nutzer und eine junge Zielgruppe: Im interaktiven Format Frag selbst interessierte durchaus die klassische politische Agenda, es gab aber auch überraschende Fragen. Und die brachten so manchen Politiker aus dem Konzept.

So offen hat man Sahra Wagenknecht selten erlebt. Über weite Strecken des 30-Minuten-Formats Frag selbst zeigt die Spitzenkandidatin der Linkspartei sich gewohnt eloquent, schlagfertig, professionell-distanziert. Doch dann kommt eine Frage, mit der sie nicht gerechnet hat: Ob sie die Politik verlassen würde, um ihren älteren Ehemann zu pflegen? Da wird Wagenknecht plötzlich sehr nachdenklich: "Das ist wirklich eine sehr schwierige Frage", sagt sie und ringt sich schließlich zu der Antwort durch: "Ich denke, ich würde das wahrscheinlich machen."

Frag selbst mit Sahra Wagenknecht - Screenshot aus der Sendung
galerie

Sahra Wagenknecht Im Studio mit Tina Hassel

Situationen wie diese gab es in jeder der sieben Ausgaben des interaktiven Formats Frag selbst, findet die Chefredakteurin des ARD-Hauptstadtstudios, Tina Hassel, die durch die Sendung führte. Kurze Momente, in denen man die Spitzenpolitiker einmal direkter, persönlicher oder auch humorvoller erleben konnte als in anderen Interviews. Genau darin liege die Stärke dieses Formats, sagt Hassel. "Die Nutzer konnten die Politiker all das fragen, was sie ganz persönlich interessiert. Da kamen auch Fragen, die wir als politische Journalisten vielleicht nicht unbedingt stellen würden."

Tina Hassel, ARD Berlin, mit einer Bilanz zu "Frag selbst!"
tagesschau24 12:00 Uhr, 01.09.2017

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Tausende Nutzerfragen pro Sendung

Entwickelt wurde Frag selbst! Spitzenpolitiker im Live-Dialog von tagesschau.de und dem ARD-Hauptstadtstudio. Zu sehen war es nicht nur bei Facebook, sondern auch auf tagesschau24 und der Frag selbst-Website. Insgesamt konnten so mehrere Millionen Nutzer und Zuschauer erreicht werden. "Unser Hauptanliegen war es, einen direkten Draht zwischen Internetnutzern und Spitzenpolitikern herzustellen", sagt Rike Woelk, stellvertretende Redaktionsleiterin von tagesschau.de. Und das hat funktioniert: Im Schnitt wurden pro Sendung etwa eine Million Menschen auf Facebook erreicht und die Anzahl der Fragen lag jeweils im vierstelligen Bereich.

"Eines unserer Ziele war, mit Frag selbst jüngere Zielgruppen zu erreichen. Damit waren wir erfolgreich",  sagt Anna-Mareike Krause, Social-Media-Teamleiterin von tagesschau.de. Zwischen 55 und 70 Prozent der gesehenen Minuten wurden von Zuschauern zwischen 18 und 34 angeschaut. "Diese große Resonanz zeigt uns, dass auch jüngere Menschen sich ernsthaft mit Politik auseinandersetzen, wenn man ihnen Raum lässt für Themen, die Bezug zu ihrer Lebensrealität haben."

Topthemen: Hebammenmangel und Cannabis

Zwei Themen kamen besonders häufig unter den Fragen vor: Die Legalisierung von Cannabis und der Hebammenmangel. Beinahe jeder der Spitzenpolitiker musste dazu Stellung beziehen. In die Sendung schafften es all jene Fragen, die in den verschiedenen Social-Media-Kanälen am häufigsten gestellt oder geliked wurden. Bemerkenswert dabei: Viele Fragen überschnitten sich mit der klassischen politischen Agenda, wie sie beispielsweise auch im ARD-Sommerinterview abgefragt wurde. Frauke Petry musste sich Fragen nach Rechtsradikalen in ihrer Partei gefallen lassen, Katrin Göring-Eckardt zur grünen Friedenspolitik. Themen wie Koalitionsoptionen, Dieselskandal, Flüchtlings-, Bildungs- und Familienpolitik fehlten in keiner Sendung.

Daneben gab es viele unterhaltsame Momente: Peter Altmaier kommentierte die Ankündigung der Kurz-Antworten-Rubrik "Sprint" selbstironisch: "Bei meiner Figur nicht so einfach." Christian Lindner wollte sich nicht mehr so ganz genau erinnern, was seine Haartransplantation gekostet hat. "Beachtlich" sei es jedenfalls gewesen, doch: "Das war es mir wert." Und Martin Schulz - gefragt nach einer Geste, die seinen Politikstil illustriert - wählt eine Umarmung. Den Hinweis, das sei die gleiche Geste, die Horst Seehofer gewählt hat, kontert er: "Aber besser, von mir umarmt werden als von Seehofer."

Entlarvende Momente

"Entlarvend" fand Tina Hassel zu sehen, wie einige der Gesprächsgäste auch dann "mit dem immerselben Politikinstrumentarium" agierten, wenn sie gar keine Ahnung hatten, wovon geredet wurde. Horst Seehofer beispielsweise wich der Frage, ob er persönlich einen Streamingaccount habe, aus: "Ich habe sehr viel Interesse am Internet, googele auch sehr viel. Aber alles was mit Äußerungen zusammenhängt, in den verschiedenen Möglichkeiten, das macht meine Umgebung. Ohne dass sie jedesmal mit mir sprechen, weil die wissen, wie ich denke."

Es war durchaus Neuland, in das sich die sieben Spitzenkandidaten beziehungsweise Parteichefs da begeben haben. Eine so konsequent auf Fragen von Zuschauern und Social-Media-Nutzern zugeschnittene Sendung gab es in der ARD noch nie. Einzig Angela Merkel sagte ab, wegen "anderer Verpflichtungen", wie ihr enger Vertrauter und Kanzleramtschef Peter Altmaier sagte, der statt ihrer in die Sendung kam.

Dass der jedoch ganz wie die Kanzlerin denkt, wurde bei Frag selbst einmal mehr offenbar. "Was würden Sie denn machen, wenn Angela Merkel in die SPD gehen würde?", will ein Nutzer wissen. Altmaier lacht kurz und sammelt sich: "Da wir ein gutes Verhältnis haben, würde ich vielleicht mitgehen."

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 01. September 2017 um 11:30 und 12:30 Uhr.

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