Drei Männer mit Gepäckwagen - zwei davon mit je einem Handschuh  | Bildquelle: AFP

Terror in Brüssel Jung. Wütend. Gefährlich.

Stand: 23.03.2016 19:38 Uhr

Die mutmaßlichen Attentäter von Brüssel ähneln frappierend ihren Vorgängern in Paris. Was treibt junge Männer aus dem kriminellen Milieu in die Arme der Islamisten? Und warum sind immer wieder Brüder-Paare unter den Terroristen?

Von Julian Heißler, tagesschau.de

Einen Tag nach den Anschlägen von Brüssel stellten die belgischen Ermittlungsbehörden erste Informationen über die mutmaßlichen Attentäter vor. Vieles von dem, was Staatsanwalt Frédéric Van Leeuw bekannt gab, erinnerte an den Anschlag auf die französische Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo" im vergangenen Jahr. Wieder gehörte ein Brüderpaar zu den mutmaßlichen Terroristen. Wieder waren Attentäter der Polizei als Kriminelle bekannt. Wieder gab es Verbindungen zur Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) in Syrien und im Irak.   

Die Anschläge von Brüssel passen zur Strategie des IS. Anders als die Terrorgruppe Al Kaida, die in ihren Hochzeiten auf Anschläge in einer gigantischen Dimension setze, arbeitet der "Islamische Staat" mit Nadelstichen, heißt es aus Sicherheitskreisen. Diese Attacken sollen ein beständiges Gefühl der Unsicherheit erzeugen. Sie können von kleinen Gruppen oder Einzeltätern verübt werden. Das macht sie so unberechenbar - denn je kleiner die Gruppe ist, desto schwerer wird es für die Sicherheitsbehörden, sie zu überwachen.

Bildung von Parallelgesellschaften erschwert Polizei Einblick
tagesthemen 22:30 Uhr, 23.03.2016, Philipp Glitz, WDR

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Entfremdung und Zorn

"Wir haben es nach wie vor mir einer Mischung von Leuten zu tun, die sich entweder in Europa radikalisiert haben oder in Syrien oder im Irak beispielsweise beim IS waren und dort an Waffen ausgebildet wurden", so ARD-Terrorismusexperte Michael Götschenberg. Das habe es allerdings auch in der Vergangenheit schon gegeben. So seien auch die Mitglieder der Sauerlandgruppe, die im Jahr 2007 Anschläge in Deutschland geplant hatten, in einem Trainingscamp der Terror-Vereinigung Islamistische Jihad-Union im Grenzgebiet von Pakistan und Afghanistan ausgebildet worden.

Was treibt die meist jungen Männer in die Arme der Islamisten? Mit dieser Frage hat sich der belgische Politikwissenschaftler Rik Coolsaet beschäftigt. In einer erst vor wenigen Wochen vorgelegten Studie unterscheidet er zwischen zwei Kategorien junger Menschen, die sich vom IS angezogen fühlen: Bei der ersten Gruppe handelt es sich um polizeibekannte Kriminelle, Gang-Mitglieder, Drogenhändler und jugendliche Straftäter, denen die Mitgliedschaft im IS einen scheinbaren Sinn für ihr Verhalten gibt. Die zweite Gruppe besteht aus jungen Menschen, die sich der Gesellschaft, in der sie leben, nicht zugehörig fühlen und deren Entfremdung schließlich in Zorn umschlägt. 

Beide Gruppen vereine das Gefühl, keine Perspektive zu sehen, schreibt Coolsaet. Ähnlich äußerte sich auch Terrorexperte Joachim Krause im Gespräch mit tagesschau.de: Die islamistischen Kämpfer in Belgien seien in der Regel "junge Männer nordafrikanischer Abstammung, die nicht integrationsfähig oder integrationswillig sind und die oftmals zunächst ins kriminelle Milieu abrutschen, bevor sie von den Salafisten aufgefischt werden."

Verbindung nach Paris

Diese Analyse passt zu den bisherigen Erkenntnissen über die Attentäter von Brüssel. Der 30-jährige Belgier Ibrahim El Bakraoui sollte für neun Jahre ins Gefängnis, nachdem er bei einem Einbruch mit einer Kalaschnikow auf Polizisten geschossen hatte. Er kam vorzeitig aus der Haft frei. Sein 27-jähriger Bruder Khalid El Bakraoui wurde Anfang 2011 wegen Überfälle auf Autobesitzer zu fünf Jahren Haft verurteilt. Am Montag sprengte er sich in der U-Bahn-Station Maelbeek in die Luft. Kurz zuvor hatte sein Bruder Ibrahim den Selbstmordanschlag am Flughafen Zaventem verübt. In seinem Testament, das Ermittler auf einem Computer in einer Mülltonne im Brüsseler Viertel Schaerbeek fanden, schrieb er: "Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll, überall gejagt, nicht mehr sicher."

Dass die Brüder El Bakraoui auch Verbindungen zum mutmaßlichen Drahtzieher der Attentate von Paris im vergangenen Herbst hatten, ist laut Brüsseler Staatsanwaltschaft erwiesen. Der jüngere Bruder Khalid soll unter falschem Namen die Wohnung angemietet hatten, in der Salah Abdeslam am vergangenen Freitag festgenommen wurde. Auch das Haus der Pariser Attentäter in Charleroi lief auf seinen Tarnnamen.

Familie wichtiger als Internet-Kontakte

Dass auch in Brüssel wieder ein Brüder-Paar zu den Attentätern zählte, erinnert an andere islamistische Anschläge der vergangenen Jahre. Die Anschläge auf "Charlie Hebdo" verübte das Bruderpaar Kouachi, die Bomben im Zieleinlauf des Marathons von Boston platzierten die Brüder Zarnajew. Und bereits vor mehreren Jahren reisten die Brüder Yassin und Mounir Chouka aus dem Bonner Ortsteil Kessenich nach Waziristan ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet aus und schlossen sich der Dschihadistengruppe Islamische Bewegung Usbekistans an. "Wir haben lange Zeit geglaubt, das Internet sei die wichtigste Quelle für die Radikalisierung. Davon ist man abgekommen", so die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor im Gespräch mit tagesschau.de. Es habe sich gezeigt, dass der engste Familien- und Bekanntenkreis eine viel größere Rolle spiele. "Deshalb ist es nicht überraschend, dass es immer wieder Brüderpaare unter den Attentätern gibt."

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