Gefangene Ostsee-Heringe | Bildquelle: dpa

Kritik an Fischsiegel Dunkle Geschäfte mit dem MSC-Siegel

Stand: 23.04.2018 15:56 Uhr

Der blaue Fisch auf der Verpackung, das MSC-Siegel, steht für nachhaltig gefangenen Wildfisch, der das Ökosystem nicht schädigt. Doch ARD-Recherchen schüren Zweifel daran.

Von Wilfried Huismann, WDR

Das knallrot gestrichene, altersschwache Fischerboot mit dem Namen "STIER II" tuckert bei Sonnenaufgang aus dem Hafen von Corcubión im spanischen Galizien. Fischer José Luis Rodríguez und seine zwei Arbeiter lassen ihre aus Draht und Holz gebauten Reusen an einem Seil ins Wasser gleiten, aufgereiht wie an einer Perlenschnur.

José Luis Rodríguez
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Fischer José Luis Rodríguez kritisiert das MSC-Siegel.

Pro Tag fangen sie nicht mehr als 50 Tintenfische in den Reusen. Davon kann man nicht reich werden, aber drei Familien können von diesem Betrieb leben. Auf ihre umweltschonende Art zu fangen ist José Luis stolz: "Wir haben gar nicht die technischen Möglichkeiten, das Ökosystem des Meeres kaputt zu machen."

Kein Interesse an Siegel

Beifang hat er so gut wie gar nicht, mal ist eine Krabbe in der Reuse und die werfen sie sofort wieder ins Meer. So stellt man sich nachhaltigen Fischfang vor. Aber Rodríguez hat kein MSC-Siegel und will es auch nicht.

"Der MSC hat uns eingeladen, aber wir wollen das Siegel nicht", sagt Rodríguez. "Für mich ist der MSC ein Betrug, der den industriellen Fangflotten hilft. Die Verbraucher haben keine Ahnung davon. Sie gehen in den Supermarkt, sehen das MSC-Logo und glauben, es garantiert die Nachhaltigkeit des Produktes. Dabei wissen sie nicht, wie der Fisch gefangen wurde: mit Grundschleppnetzen, Fabrikschiffen oder auf handwerkliche und nachhaltige Art."

Der blaue Fisch

Der MSC wurde 1997 vom Lebensmittelkonzern Unilever und dem WWF gegründet. Das Ziel damals lautete, die überfischten Meere zu schützen. Mittlerweile ist der MSC das größte Ökosiegel für Wildfisch. Etwa zwölf Prozent des weltweiten Fangs tragen das Siegel. MSC wirbt damit, eine "unabhängige" und "gemeinnützige" Organisation zu sein. Aber abgesehen von zwei WWF-Vertretern kommen die meisten der anderen Mitglieder des Treuhandrates, einem Aufsichtsgremium, aus Fisch-und Lebensmittelkonzernen. Der MSC finanziert sich vor allem durch Lizenzeinnahmen. Von jedem verkauften Produkt mit dem blauen Fisch-Logo kassiert er 0,5 Prozent des Nettopreises. Das macht insgesamt etwa 17 Millionen Euro im Jahr.

MSC - offen für alle Fischereien

MSC-Siegel auf einer Packung | Bildquelle: WDR
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MSC-Siegel auf einer Packung

Rupert Howes ist der Boss des MSC mit Sitz in London. Die Organisation hat das mehrstöckige Gebäude in bester Lage gekauft. Howes weist die Kritik zurück, die Rodriguez vorbringt: Der MSC müsse für alle Fischereien offen sein: "Wir haben keine vorgefasste Meinung darüber, was nachhaltig ist und was nicht."

Das Siegel bekomme nur, wer die drei Standards des MSC erfülle: Der Fischbestand darf nicht überfischt werden, es muss ein gutes Nachhaltigkeitsmanagement geben und das Ökosystem des Meeres soll nicht beschädigt werden. "Wir sollten keine Perfektion erwarten. Wir laden alle Fischereien ein, mitzumachen - und dann können wir gemeinsam die Probleme lösen, die sie haben."

Wie verlässlich ist das Siegel?

Rainer Froese, Fischbiologe am Kieler Geomar-Institut, bezweifelt, dass diese Strategie funktioniert. Er hat mit seinem Forscherteam über 100 MSC-Fischereien untersucht - das Fazit: "Ein Drittel von ihnen sind überfischt. Einige Fischereien mit MSC sind besser geworden, einige schlechter. Im Durchschnitt hat sich nichts geändert."

Froese zeigt Unterwasserbilder vom Boden der Ostsee: Ein blühender Garten mit Pflanzen, Korallen und Seesternen. So sah es früher an vielen Stellen aus, sagt Froese: "Die Fischerei mit Grundschleppnetzen hat den Meeresboden in eine Schlammwüste verwandelt und dabei auch die Kinderstube der Fische zerstört." Trotzdem bekommen solche Fischereien das MSC-Siegel. Denn die Fangmethode Grundschleppnetz ist, obwohl schon lange in der Kritik, vom MSC akzeptiert.

Lebendiger Meeresboden in der Ostsee | Bildquelle: Geomar
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So sah der Meeresboden in der Ostsee früher oft aus.

Ostsee-Meersboden nach dem mit einem Grundschleppnetz gefischt wurde | Bildquelle: Oceana
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Und so sieht es aus, nachdem mit einem Grundschleppnetz gefischt wurde

Es sterben auch Delfine

Auch mexikanische Thunfischfangflotten tragen seit kurzem das Siegel. Thunfische bilden im Pazifik eine Fressgemeinschaft mit Delfinen. Schnellboote und teils Hubschraubern werden eingesetzt, um die Tiere zu jagen, am Ende werden sie mit einem großen Ringwadennetz gefangen. Dabei sterben auch Delfine. Der MSC sagt, auf den 36 zertifizierten Schiffen seien es allerdings nicht mehr als 500 im Jahr. Doch aktuelle Recherchen der Story im Ersten legen nahe, die Zahl könnte um ein Vielfaches höher liegen.

Nachbesserung gefordert

Daniel Pauly leitet das Institute For The Oceans im kanadischen Vancouver. 1997 nahm er als kanadischer WWF-Direktor an den Gesprächen mit dem Lebensmittelkonzern Unilever teil, um ein gemeinsames Siegel zu gründen. "Damals glaubte ich fest an den Dialog zwischen Naturschutz und Industrie, aber er ist gescheitert", so bilanziert Pauly heute. Zwar sei der WWF noch im MSC vertreten, aber er habe keinen Einfluss mehr. "Er ist von der Industrie gekapert worden." Ein Vorwurf, den der MSC zurückweist: Der WWF sei in den Gremien des MSC vertreten und auch sonst könnten Kritiker sich in den Zertifizierungsprozess einbringen.

Auch von anderen Meeresschützern kommt Kritik. 66 Organisationen und Wissenschaftler mahnten im Januar in einem offenen Brief an, die Vorgaben für eine Zertifizierung seien nicht gut genug. Der MSC müsse seinen Zertifizierungsprozess und die Standards dringend überarbeiten, und verbessern, um noch ein verlässliches Siegel zu sein. Der MSC zeigt sich offen für diese Diskussion, hat aber bislang noch keine Forderung der Kritiker erfüllt.

Über dieses Thema berichtet das Erste heute um 22.45 in der "Story im Ersten: Das Geschäft mit dem Fischsiegel – Die dunkle Seite des MSC"

Über dieses Thema berichtete die ARD "Story im Ersten"am 23. April 2018 um 22:45 Uhr.

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