Plakate auf Arabisch und Deutsch in einer Außenstelle des BAMF in Suhl, Thüringen. | Bildquelle: dpa

Neue BAMF-Mitarbeiter Kompetenz durch Fluchterfahrung

Stand: 14.08.2017 18:33 Uhr

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge stellt immer öfter ehemalige Flüchtlinge an. Sie helfen etwa bei Übersetzungen. Das Amt folgt damit Empfehlungen von Experten. Die Mitarbeiter müssen jedoch manchmal mit Interessenskonflikten umgehen.

Von Judith Dauwalter, BR

Oromo, Amharisch, Tigrinya, Somali: Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sucht aktuell Dolmetscher für afrikanische Sprachen und Dialekte. So steht es auf der Homepage der Behörde. Dolmetscherausbildungen für diese Sprachen gibt es in Deutschland kaum bis gar nicht. Und so profitiert das Bundesamt hier von Menschen, die aus den entsprechenden Ländern stammen.

Nicht selten haben diese Menschen eigene Fluchtgeschichten. Die 27-jährige Khulud Sharif-Ali zum Beispiel ist als Kleinkind mit ihren Eltern aus Somalia geflohen und in Deutschland aufgewachsen. Heute lebt sie in Hessen. In den Jahren 2015 und 2016 dolmetschte sie freiberuflich bei Asyl-Anhörungen für das Bundesamt in verschiedenen Außenstellen des Bundeslandes.

Hineinfühlen und eine Basis schaffen

Sharif-Ali sagt, dass die Fluchterfahrung ihr dahingehend geholfen habe, dass sie sich in die Lage von den Menschen hineinfühlen könne. Sie versuche, eine Basis zu finden "zwischen nicht abstumpfen, nicht emotional werden und dennoch Mitgefühl zeigen". Sie wolle bei der Arbeit neutral sein. Das sei manchmal schwierig. "Weil man von den eigenen Landsleuten ein bisschen unter Druck gesetzt wird", sagt sie. Die würden sagen: "Du bist ja eine von uns." Oder: "Kannst du mir nicht helfen?" Aber das sei ja nicht ihr Job, so Sharif-Ali.

Neutralität und Unparteilichkeit verlangt das Bundesamt in seinem Verhaltenskodex für Sprachmittler. Sicher könne es zu Interessenskonflikten kommen, heißt es in einer Mitteilung der Arbeitsgemeinschaft der Ausländer-, Migranten-, und Integrationsbeiräte Bayerns, kurz "Agaby". Doch dem könne man durch Überprüfung vorbeugen. Der Zusammenschluss der Integrationsbeiräte empfiehlt dem BAMF schon seit Jahren, verstärkt Menschen mit Migrations- oder Fluchtgeschichte einzustellen - im Asyl-, aber auch im Integrationsbereich.

Ein großes Wissen

Mitra Sharifi-Neystanak ist Vorsitzende der Agaby. Sie stellt heraus, dass die Geflüchteten ein großes Wissen über die Verhältnisse, die Situation und die Gefahren im Land hätten. Insgesamt befürworte die Arbeitsgemeinschaft den Ansatz, diese Menschen mit ihren Kompetenzen in die Bereiche zu bringen, die mit Migration und Integration zu tun hätten. "Gerade da ist es wichtig, dass das Wissen genutzt wird. Sei es in der Entwicklung von Projektformaten, bei der Einschätzung von Bedarfen oder beim Abbauen von Barrieren", so Sharifi-Neystanak.

Eine Mitarbeiterin nimmt die Daten von Asylbewerbern auf. | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Eine Mitarbeiterin nimmt im Ankunftszentrum des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge in Trier die Daten von Asylbewerbern auf.

Sharifi-Neystanak sagt, sie habe beobachtet, dass das BAMF in den vergangenen zehn Jahren verstärkt Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichten eingestellt hat. Bei den Ausschreibungen - etwa für Referenten, Sachbearbeiter oder auch Entscheider - spricht das Bundesamt immer wieder explizit "Bewerber aller Nationalitäten" an. In Zahlen werde ihr Anteil nicht erfasst, heißt es auf Anfrage aus dem BAMF. "Im Bundesamt findet sich eine Vielzahl von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen mit Migrationshintergrund wieder, die allesamt ihre Erfahrungen in den jeweiligen Bereichen gewinnbringend einbringen."

"Viel zu spät begonnen"

Qualifikationen und Erfahrungen von Menschen mit Fluchtgeschichte sollten möglichst schnell eingebracht werden, besonders im Flüchtlingsbereich selbst. Das sagt auch Herbert Brücker vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung. "Das Naheliegendste wäre gewesen, die Flüchtlinge direkt nach der Ankunft in die Verwaltung der Einrichtungen zu integrieren. Damit hat man viel zu spät begonnen", sagt Brücker. Es gebe darüber hinaus auch andere, qualifiziertere Tätigkeiten, die Flüchtlinge wahrnehmen können.

Sprachmittler sei ein Beispiel, sagt Brücker. Diese Tätigkeit könne über das reine Dolmetschen hinaus gehen. Und tatsächlich haben Sprachmittler beim BAMF mittlerweile schon eine Kompetenz übertragen bekommen, die Dolmetscher sonst nicht wahrnehmen. Sie müssen nun den Anhörer in einer Interview-Situation mit einem Asylbewerber informieren, wenn der Antragsteller zum Beispiel behauptet, aus dem Irak zu kommen - während er ein marokkanisch geprägtes Arabisch spricht.

Für diese Neuerung brauchte es den Fall des terrorverdächtigen Bundeswehroffiziers Franco A., der vom BAMF als syrischer Asylbewerber anerkannt wurde. Der Dolmetscherin war er bei seiner Anhörung verdächtig vorgekommen. Sie hatte sich aber nicht getraut, das zu melden.

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