Schwerbewaffnete Sicherheitskräfte auf dem Tahrir Platz in Kairo  | Bildquelle: AFP

Fünf Jahre nach dem Umsturz in Ägypten "Heute ist es schlimmer als unter Mubarak"

Stand: 11.02.2016 05:01 Uhr

"Ich höre gerade, Mubarak ist zurückgetreten": Es war der 11. Februar 2011 - und der damalige ARD-Korrespondent Jörg Armbruster berichtete live vom Tahrir-Platz in Kairo. Im Gespräch mit tagesschau.de blickt er zurück - und zieht eine ernüchternde Bilanz des Arabischen Frühlings.

tagesschau.de: Genau vor fünf Jahren ist Ägyptens langjähriger Machthaber Hosni Mubarak zurückgetreten. Wie hat sich das Land seitdem entwickelt?

Jörg Armbruster: In den vergangenen zwei Jahren zu Ägyptens großem Nachteil. Freunde in Kairo sagen mir, es sei heute schlimmer als unter Mubarak. Das wird auch durch Zahlen belegt. Laut Human Rights Watch soll es 40.000 politische Gefangene geben. Wir wissen, dass es auf den Polizeistationen wieder Folter gibt. Wir wissen, dass nicht nur die Muslimbrüder von Gerichten verfolgt werden. Es werden auch gemäßigte oder linke Oppositionelle zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Die Bewegung, die den Tahrir-Platz initiiert hat, sitzt praktisch im Gefängnis.

Jörg Armbruster, ARD Kairo, zu Mubaraks Rücktritt vom Tahrir-Platz
tagesschau, 11.02.2011

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tagesschau.de: Am 11. Februar 2011 haben Sie in der tagesschau live die Bekanntgabe des Rücktritts von Mubarak begleitet. Wie war das vor fünf Jahren?

Armbruster: Damals habe ich an zwei Dinge gedacht: Zum einen die Frage, wie bewältige ich als Journalist dieses Großereignis in Kairo. Da war ich unter Druck. Aber mithilfe der tagesschau-Kollegen und der Kollegen im Studio hat alles prima geklappt. Zum anderen hatte man nach drei Wochen Protesten auf dem Tahrir-Platz die Distanz zu den jungen Menschen ein bisschen verloren. Man wünschte ihnen alles Gute, hoffte, dass es zu einem Mubarak-Rücktritt kommt. Ich habe auch gejubelt. Ich fand es großartig, dass die jungen Ägypter das in drei Wochen geschafft haben.

alt Jörg Armbruster | Bildquelle: SWR/Alexander Kluge

Zur Person

Jörg Armbruster, geboren 1947, war Leiter des ARD-Studios in Kairo und berichtete jahrelang über die Entwicklungen in der Region. Während des Arabischen Frühlings war er vor Ort. Bei einer Recherchereise in Syrien wurde der ARD-Journalist 2013 schwer verletzt.

Spannende Wochen

tagesschau.de: Haben Sie mit diesem Rücktritt gerechnet?

Armbruster: Ja. Einen Tag zuvor ging schon das Gerücht um, dass Mubarak zurücktreten würde. Ein General war auf dem Tahrir-Platz erschienen und hatte verkündet, heute bekommt ihr das, wofür ihr kämpft. Das trat dann aber nicht ein. Am nächsten Tag, am 11. Februar, gab es wieder ein Gerücht, er sei zurückgetreten. Wir haben einen Hubschrauber abfliegen sehen und gedacht, da könnte Mubarak zu seiner Residenz fliegen. So war es dann auch. Aber der Rücktritt war nicht bestätigt. Wir hatten ausgemacht, wenn ich um 17 Uhr in die tagesschau-Schalte gehe, dass mir Kollegen ein Zeichen geben, wenn die Bestätigung des Rücktritts kommt. Dieses Zeichen ist gekommen, ich konnte den Rücktritt verkünden.

tagesschau.de: Wie haben Sie die Wochen des Umbruchs in Kairo erlebt?

Armbruster: Es war eine der spannendsten Zeiten, die ich als Journalist erlebt habe. Es war sehr bewegend, weil wir die jungen Menschen mit ihren Hoffnungen auf dem Tahrir-Platz erlebt haben. Wir haben aber auch erlebt, dass Schlägertrupps von Mubarak unser Studio am Nil stürmen wollten, weil ihnen die ausländischen Medien nicht gepasst haben. Für einige Tage war das eine unangenehme Situation.

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Zum Jahrestag der Revolution in Ägypten: Aufstand gegen Mubarak

Demonstration in Kairo

Am 25. Januar 2011 gehen in Ägypten die Menschen für mehr Demokratie auf die Straße - Tausende ziehen zum Tahrir-Platz ("Platz der Befreiung") in Kairo. Vorbild für die Proteste ist Tunesien. Dort hatte sich im Dezember der Gemüsehändler Mohammed Bouazizi aus Verzweiflung über Behördenwillkür selbst verbrannt. Zwei Tage nach der Verzweiflungstat fordern Tausende auf einer Kundgebung Reformen und bilden den Keim zur tunesischen "Jasmin-Revolution". | Bildquelle: REUTERS

Investitionen und Touristen fehlen

tagesschau.de: Damals sind vor allem junge Ägypter für die Freiheit auf die Straße gegangen. Was hat sich von diesen Hoffnungen erfüllt?

Armbruster: Nach fünf Jahren hat sich kaum etwas erfüllt. Aber immer wieder sagen mir Freunde in Kairo: Wir haben es probiert, wir wissen, welche Fehler wir gemacht haben. Wir werden das nächste Mal organisierter vorgehen. Das sind wichtige Einsichten. Allerdings glaube ich nicht, dass es bald wieder zu solchen Aufständen kommt. 2011 hatte das Militär ein großes Interesse, Mubarak loszuwerden. Heute hat es kein Interesse, Präsident Abdel Fattah al-Sisi los zu werden. Zudem würde eine Mehrheit des Volkes solche Unruhen ablehnen. Die Bevölkerung hat unter der Rebellion auch gelitten. Es hat sich fast nichts bewegt, Investitionen und Touristen sind weggeblieben. Aber die Menschen brauchen Brot und Bohnen auf dem Tisch, um die Familien ernähren zu können.

Aktivisten demonstrieren am 28. Januar 2011 in Kairos Straßen | Bildquelle: picture alliance / AP Photo
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Aktivisten riefen am 28. Januar zu einem "Tag des Zorns" auf. Den Tahrir-Platz wollten sie erst freigeben, wenn Präsident Mubarak gestürzt war.

tagesschau.de: Was ist von der arabischen Revolution in Ägypten geblieben?

Armbruster: Die Hoffnung, dass es irgendwann eine neue Revolution gibt. Geblieben ist der Mut, dass die Menschen auf die Straße gegangen sind. Das war das erste Mal, dass es in dieser Größenordnung Demonstrationen gab. Das hat sich in den Köpfen festgesetzt. Der Versuch wird in die Geschichte eingehen, vielleicht als Beginn eines neuen zivilgesellschaftlichen Bewusstseins. Das wird gerade für die jungen Menschen eine wichtige Triebfeder sein, sich in der Politik stärker einzumischen. Die Zivilgesellschaft hat trotz allem ein neues Selbstbewusstsein gewinnen können.

Keine Strukturen geschaffen

tagesschau.de: Aber Revolution klingt nach mehr ...

Armbruster: Ich glaube heute nicht mehr, dass es eine Revolution war, wie in Ägypten von Anfang an verkündet worden war. Es war eine Rebellion, die auf dem Tahrir-Platz glänzend organisiert war. Als es aber danach darum ging, politische Strukturen und Parteien zu gründen, versagten die entsprechenden Verantwortlichen. Sie haben das Feld den Muslimbrüdern überlassen. Es war ein Grundfehler, dass die säkularen Parteien nicht in der Lage waren, sich zusammenzuschließen und ein gemeinsames Programm zu entwickeln und geschlossen aufzutreten. Unter Umständen wäre es dann möglicherweise anders gelaufen.

Terrorgefahr nicht im Griff

tagesschau.de: Stattdessen haben Militär und politische Elite die Herrschaft wiederhergestellt. Wie hat sich das System seit Mubarak verändert?

Armbruster: Die Repression ist moderner geworden. Die letzten Jahre von Mubarak waren eine verhaltene Repression, aber es gab Demonstrationen. Heute ist vieles nicht mehr möglich. Das ist ein gravierender Unterschied. Nicht vergessen darf man zudem den Terrorismus in Ägypten, der enorm zugenommen hat. Der Nord-Sinai scheint weitestgehend in der Hand des "Islamischen Staates" zu sein. Die ägyptische Armee tut sich schwer, dort die Kontrolle zu übernehmen. Es gibt Anschläge in Kairo, Bedrohungen aus Libyen, wo sich der IS ebenfalls ausbreitet. Die Terrorgefahr hat der jetzige Präsident Sisi nicht im Griff.

Ernüchterung in Ägypten fünf Jahre nach Mubarak
nachtmagazin 00:00 Uhr, 12.02.2016, Volker Schwenck, ARD Kairo

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tagesschau.de: Wie bewerten Sie die Entwicklung seit dem Arabischen Frühling für die gesamte Region?

Armbruster: Tunesien ist die Ausnahme. Hier könnte sich eine Demokratie entwickeln. Das Land ist zwar sehr zerbrechlich, dort scheint sich aber ein demokratisches System zu etablieren. In allen anderen Ländern - wie Syrien, Jemen oder Bahrain - haben entweder die alten Kräfte gesiegt oder sie führen Krieg.

tagesschau.de: Was ist jetzt nötig?

Armbruster: Der Krieg in Syrien muss beendet werden. Der "Islamische Staat" muss vertrieben werden. Das sind Forderungen, die nicht einfach umzusetzen sind. Aber wenn ich sehe, dass die Russen Aleppo bombardieren und weitere Flüchtlinge zur syrisch-türkischen Grenze drängen, dann habe ich wenig Hoffnung, dass dieser Kriegsschauplatz bald beendet wird.

tagesschau.de: Welche Rolle spielt die Syrien-Konferenz?

Armbruster: Es führt kein Weg an solchen Konferenzen vorbei. Meine Befürchtung ist, dass die Rebellengruppen bei der nächsten Runde nicht mehr dabei sind, weil Russland sie bombardiert. Es ist offensichtlich, dass Russland versucht, Assad als wichtigsten Gesprächspartner durch die Bombardierung von Aleppo in eine bessere Verhandlungsposition zu bringen. Wenn seine Truppen Aleppo einnehmen, wäre Assad wieder der mächtigste Mann in diesem zerrissenen Syrien.

tagesschau.de: Haben Sie einen Hoffnungsschimmer für die Region?

Armbruster: Auch im Jemen herrscht Krieg zwischen Iran und Saudi-Arabien. Wir kommen nicht daran vorbei: Es sind Katastrophen. Mit diesen Katastrophen müssen wir umgehen lernen. Diplomatie ist zwingend, aber auch Nachdenken über den Militäreinsatz ist notwendig.

Das Gespräch führte Barbara Schmickler, tagesschau.de.

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