Arbeiten am Computer | Bildquelle: dpa

Debatte über Arbeitszeitgesetz Rütteln am Acht-Stunden-Tag

Stand: 12.11.2017 13:47 Uhr

Kurz vor dem Start der Metall-Tarifverhandlungen fordern die Wirtschaftsweisen eine Lockerung des Arbeitszeitgesetzes: Mehr Flexibilität sei nötig. Der Acht-Stunden-Tag sei "veraltet". Die Gewerkschaften befürchten dagegen verdeckte Mehrarbeit.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hat die Politik aufgefordert, das Arbeitszeitgesetz zu lockern. "Flexiblere Arbeitszeiten sind wichtig für die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen", sagte der Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, Christoph Schmidt, der "Welt am Sonntag".

Acht-Stunden-Tag "veraltet"?

Zwar habe sich der Arbeitnehmerschutz in Deutschland bewährt, er sei aber teilweise "nicht mehr für unsere digitalisierte Arbeitswelt geeignet", sagte Schmidt. Die Vorstellung, "dass man morgens im Büro den Arbeitstag beginnt und mit dem Verlassen der Firma beendet", sei "veraltet".

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung | Bildquelle: picture alliance / Arne Dedert/d
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Der Rat der Wirtschaftsweisen: Deren Vorsitzender Schmidt (vorne rechts) fordert die Politik auf, das Arbeitszeitgesetz zu lockern.

Unternehmen bräuchten etwa Sicherheit, "dass sie nicht gesetzwidrig handeln, wenn ein Angestellter abends noch an einer Telefonkonferenz teilnimmt und dann morgens beim Frühstück seine Mails liest". Dies würde nicht nur den Firmen helfen, sondern auch den Mitarbeitern, die mit der digitalen Technik flexibler arbeiten könnten.

Arbeitszeit auch Thema bei Jamaika-Sondierung

Die Arbeitgeber fordern seit längerem, die tägliche Arbeitszeit nicht länger auf acht Stunden zu begrenzen, sondern stattdessen nur noch die bestehende maximale Wochenarbeitszeit von 48 Stunden gelten zu lassen. Auch die Ruhezeit zwischen zwei Arbeitstagen solle von elf auf neun Stunden verkürzt werden. Die Gewerkschaften wehren sich gegen diese Pläne. Sie fürchten eine verdeckte Ausweitung der Arbeitszeiten.

DGB-Chef Reiner Hoffmann warf Schmidt Realitätsverweigerung vor. "Arbeitsgesetz und Tarifverträge bieten schon lange eine Fülle an flexiblen Möglichkeiten", erklärte Hoffmann. Die Beschäftigten hätten unter anderem deswegen im vergangenen Jahr 1,8 Milliarden Überstunden geleistet - "die Hälfte davon unbezahlt". Statt einseitige Flexibilität zugunsten der Arbeitgeber sei es nötig, dass beispielsweise Arbeitszeiten präzise erfasst und bezahlt würden sowie ein Rückkehrrecht von Teilzeit in Vollzeit.

Eine Reform des Arbeitszeitgesetzes ist eines der Themen bei den Sondierungsgesprächen über eine Jamaika-Koalition aus Union, FDP und Grünen in Berlin.

IG Metall für kürzere Arbeitszeiten

Das Thema Arbeitszeit steht auch auf der Agenda der Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie am kommenden Mittwoch. Die Forderung der IG Metall nach kürzeren Arbeitszeiten samt Lohnausgleich sorgt für harte Fronten beim anstehenden Auftakt der Tarifrunde. Die Arbeitgeber im Südwesten halten die Forderung für viele Beschäftigte für nicht akzeptabel. "Wir sehen in der Forderung einen totalen Systemwandel", sagte Südwestmetall-Chef Stefan Wolf .

Nach Vorstellungen der Gewerkschaft sollen die bundesweit rund 3,9 Millionen Beschäftigten der Branche sechs Prozent mehr Geld bekommen und zudem ihre Arbeitszeit vorübergehend auf bis zu 28 Stunden pro Woche absenken können.

Flagge der IG Metall | Bildquelle: dpa
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Die IG Metall fordert ein Recht auf Arbeitszeitverkürzung mit Lohnausgleich.

Viele Beschäftigte, zum Beispiel Schichtarbeiter, sollen dafür einen finanziellen Ausgleich von ihrem Arbeitgeber erhalten. Die Arbeitgeber lehnen das ab. "Wir haben bislang das Prinzip, und das halte ich auch für richtig, dass ein Entgelt bezahlt wird für geleistete Arbeit", sagte Wolf. "Wenn jemand 28 Stunden arbeitet, dann soll er auch 28 Stunden vergütet bekommen." Warum das künftig anders sein solle, verstehe er nicht.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk24 am 12. November 2017 um 12:00 Uhr.

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