Hühner | Bildquelle: ARD-aktuell/ Hamann

Medikamente in der Tierhaltung "Desaster" bei Antibiotika-Datenbank

Stand: 28.04.2015 18:01 Uhr

Seit 2014 müssen Halter von Nutztieren angeben, wie häufig sie Antibiotika einsetzen. So will das Agrarministerium den Einsatz reduzieren. Doch von Tausenden Landwirten liegen keine Daten vor. Ein "Desaster", sagen Kritiker.

Von Arne Meyer und Christian Baars, NDR

Es sei ein "Meilenstein", ein wichtiger Schritt zu "verbessertem Verbrauchervertrauen", verkündete Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) Ende März. Es war der Tag, als die ersten bundesweiten Kennzahlen zum Einsatz von Antibiotika bei Masttieren veröffentlicht wurden. Mit diesen statistischen Werten soll Druck auf Nutztierhalter aufgebaut werden, die überdurchschnittlich viele Medikamente einsetzen. Ziel ist, die Ausbreitung von multiresistenten Keimen zu verhindern.

Doch jetzt - vier Wochen später - stellt sich die Frage, inwiefern die Zahlen eine zuverlässige Grundlage bilden können. Nach Recherchen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" haben Tausende Landwirte keine Angaben über ihren Antibiotika-Einsatz gemacht. Meldepflichtig sind Betriebe ab einer bestimmten Größe, die in ihren Ställen Antibiotika verabreicht haben.

Daraus errechnet das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit dann Durchschnittswerte und veröffentlicht die sogenannten Kennzahlen - erstmals am 31. März. Betriebe, die deutlich über dem Schnitt liegen, müssen Maßnahmen ergreifen, um weniger Antibiotika einzusetzen.

Korrekte Zahlen gemeldet?

Nach einer ersten Auswertung in Niedersachsen betrifft dies dort etwa 6000 Höfe. Das sind rund 28 Prozent aller meldepflichtigen Betriebe. Tierhalter, die über einen längeren Zeitraum deutlich über dem statistisch ermittelten Vergleichswert - der sogenannten Kennzahl liegen - sollen staatliche Sanktionen fürchten.

Doch wie zuverlässig sind die zugrundeliegenden Daten? Erfasst werden sie in den Ländern und dann an den Bund übermittelt. In Niedersachsen geht das Ministerium davon aus, dass wohl die meisten Betriebe ihre Angaben korrekt in die Datenbank eingetragen haben. Die Zahlen würden plausibel erscheinen. Allerdings laufen noch Überprüfungen.

Doch in einigen anderen Bundesländern scheint das nicht der Fall zu sein. In Nordrhein-Westfalen haben rund 2300 Tierhalter - etwa ein Fünftel aller meldepflichtigen Betriebe - nichts in die Datenbank eingetragen. Das teilte das Ministerium auf Anfrage von NDR, WDR und "SZ" mit. In Schleswig-Holstein fehlen Angaben von rund 40 Prozent und in Baden-Württemberg sogar von mehr als der Hälfte der Betriebe. Wenn ein Hof keine Daten übermittelt, wird es automatisch so gewertet, als hätte der Betrieb keine Antibiotika eingesetzt.

Das Problem mit der verzerrten Statistik

Nordrhein-Westfalens Landwirtschaftsminister Johannes Remmel (Grüne) kritisiert die fehlenden Angaben und spricht von einer "verzerrten Statistik". Für eine vollständige Analyse der Antibiotika-Gaben sei auch eine vollständige Meldung notwendig, sagte der Grünen-Politiker. Der Minister kündigte Überprüfungen an. Da aber so viele Betriebe nicht gemeldet hätten, werde es sich aber nur um eine Stichprobe handeln.

Andere Bundesländer wie Sachsen-Anhalt teilten mit, dass sie gar nicht wüssten, wie viele Landwirte Angaben zum Antibiotika-Einsatz machen müssen. Die Brandenburger Behörden können bislang überhaupt keine "gesicherten Daten" liefern. Ein Sprecher des Ministeriums sagte, "Kinderkrankheiten in der Datenerfassung" müssten noch behoben werden. In Bayern und Sachsen teilten die Landesministerien mit, sie hätten keinen Zugriff auf die Zahlen.

"Tierzahlrechner" im Internet

Ein Problem des neuen Systems ist die Datenbasis. Es ist nicht klar, wie viele Landwirte Angaben über ihren Antibiotikaeinsatz machen müssen. Meldepflichtig sind laut Gesetz Betriebe ab einer bestimmten Größe - beispielsweise alle, die im Durchschnitt eines halben Kalenderjahres mindestens 250 Mastferkel oder 10.000 Masthühner hatten.

Teilweise wissen das die Landwirte jedoch selbst nicht so genau. Deshalb hat etwa das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit eigens "Tierzahlrechner" online gestellt.

"Schneller Neustart" gefordert

Für den agrarpolitischen Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Friedrich Ostendorff, ist der Auftakt der Antibiotika-Kennzahlenerfassung ein "Desaster". Er fordert einen "schnellen Neustart". "Mit diesen Zahlen können wir überhaupt nichts anfangen", so Ostendorff. Ähnlich fällt die Bewertung des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) aus. Deren Agrar-Expertin Reinhild Benning betonte, ihre Organisation vertraue der Datenbank nicht.

Die Bundesregierung hält das Erfassungssystem dagegen für "belastbar“. Bernhard Kühnle, Leiter der Abteilung Tiergesundheit beim Bundeslandwirtschaftsministerium, betonte zwar, einen fehlerfreien Start habe man nicht erwarten können, aber "wenn es jetzt richtig vollzogen wird, wird es auch unmittelbar zu einer Senkung des Arzneimitteleinsatzes führen, und das ist das Hauptziel“.

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