Fotos zeigen den späteren Attentäter mit Waffen | Bildquelle: RBB

Brisante Fotos Neue Ermittlungspanne im Fall Amri

Stand: 27.11.2017 15:38 Uhr

Pistole, Messer, Pfefferspray: Fotos von Anis Amri zeigen den Berlin-Attentäter mit diversen Waffen. Doch das LKA Nordrhein-Westfalen übersah die Bilder auf dem beschlagnahmten Handy - zehn Monate vor dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz.

Im Fall des islamistischen Attentäters Anis Amri hat es nach rbb-Recherchen offenbar eine weitere Ermittlungspanne gegeben. Nach einer Kontrolle Amris zehn Monate vor dem Weihnachtsmarktanschlag in Berlin wurden auf dem beschlagnahmten Handy gefundene Dateien unzureichend ausgewertet.

Fotos könnten Amri mit späterer Tatwaffe zeigen

Fotos, auf denen Amri mit Waffen posiert, seien bei der Auswertung seines Handys wegen eines Datenfilters übersehen worden, sagte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul. Es handele sich vermutlich um eine Gas- oder Schreckschusspistole sowie um Stichwaffen und Pfefferspray.

Das Bundeskriminalamt schließt hingegen nicht aus, dass es sich um die spätere Tatwaffe handeln könnte, mit der Amri am 19. Dezember den polnischen Fahrer Lukasz U. tötete, bevor er dessen Lkw kaperte. Auf einigen Fotos posiert Amri zudem mit einer Machete sowie mit einem gefährlichen Messer in der Berliner Fussilet-Moschee.

"Einer der entscheidendsten Fehler"

Reul zufolge befanden sich unter den 12.126 Bilddateien auf Amris Handy sieben Bilder, die den Tunesier mit Waffen zeigten. Wegen einer Filtereinstellung seien diese Fotos mit schlechter Qualität aber nicht gesichtet worden. Eine "händische Auswertung" der Handybilder habe aufgrund der großen Datenmenge nicht stattgefunden.

"Hier ist ein Fehler passiert, der nicht hätte passieren dürfen", so der CDU-Politiker Reul. Ob dies zu einer anderen Einschätzung Amris geführt hätte, könne er nicht sagen. Für einen Haftbefehl hätten die Fotos jedenfalls nicht gereicht.

Der Berliner Opferanwalt Andreas Schulz sieht das anders und kritisierte gegenüber dem rbb diese Situation als einen "der entscheidendsten Fehler". Denn man hätte schon damals aufgrund der Fotos Amri kontrollieren und womöglich wegen unerlaubten Waffenbesitzes in Untersuchungshaft nehmen können.

Kritik an Zusammenarbeit der Behörden

Während NRW-Innenminister Reul das Versagen einräumte, sagte Berlins Polizeipräsident Klaus Kandt gegenüber dem rbb, ihn könnten solche Fotos nicht "überraschen", denn "solche Menschen" setzten sich "gern mit Waffen in Pose". Kandt verwies darauf, dass Amri ohnehin zu diesem Zeitpunkt unter enger Beobachtung der Behörden gestanden habe.

Im Februar 2016 war der Tunesier von Fahndern in Berlin kontrolliert worden. Dabei wurde sein Handy beschlagnahmt und die Daten zur Auswertung an das Landeskriminalamt (LKA) nach Düsseldorf geschickt, da die Ausländerbehörde in Kleve für Amri zuständig war.

Die Daten hätten allerdings nicht nur dem LKA in NRW, sondern auch dem Berliner LKA und dem Bundeskriminalamt vorgelegen. Was dort mit ihnen geschehen sei, wisse er nicht, sagte Reul.

Ein vom Berliner Senat eingesetzter Sonderermittler hatte jüngst die schlechte Zusammenarbeit der Behörden in ganz Deutschland gerügt. Zuvor waren bereits mehrere Pannen beim Umgang der deutschen Behörden mit dem als islamistischem Gefährder eingestuften Amri bekannt geworden.

Amri hatte am 19. Dezember 2016 mit einem Lastwagen auf dem Berliner Breitscheidplatz zwölf Menschen getötet. Auf der Flucht war er in Italien von Polizisten erschossen worden.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 27. November 2017 um 13:23 Uhr und die Tagesschau um 17:00 Uhr.

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