Ein Schatten von BKA-Präsident Münch | Bildquelle: dpa

Nach Anschlag in Berlin BKA setzt auf Software gegen Gefährder

Stand: 20.01.2017 17:30 Uhr

Der Attentäter von Berlin war als Gefährder bekannt - und wurde dennoch unterschätzt. Damit das nicht mehr passiert, soll künftig eine neue Software eingesetzt werden. Und im Fall Amri hätte diese nach Recherchen von NDR, WDR und SZ auch angeschlagen.

Von Georg Mascolo und Lena Kampf, WDR

Sieben Mal war der als Gefährder eingestufte Tunesier Anis Amri im gemeinsamen Terror-Abwehrzentrum in Berlin-Treptow zwischen dem 4. Februar und dem 2. November 2016 Gegenstand von Diskussionen, doch dass er einen Anschlag begehen würde, hatten die Ermittler für "eher unwahrscheinlich gehalten". Zukünftig soll den Sicherheitsbehörden nun ein Computerprogramm helfen, Anschläge zu verhindern.

Nach Recherchen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung werden seit einigen Monaten bereits verschiedene Landespolizeibehörden an einer Software geschult, die die Einstufung der Gefährlichkeit einer Person objektivieren soll. Das Programm heißt "Radar" und wurde gemeinsam vom Bundeskriminalamt und einer Schweizer Universität entwickelt. Staatsschützer aller Bundesländer und das Bundeskriminalamt sollen bis Ende Juni mit dem System vertraut gemacht werden. Zunächst kommen die Länder dran, die viele Gefährder haben. Im Sommer soll das Programm bundesweit eingesetzt werden.

Umfassender Fragenkatalog

Die Software basiert auf Erkenntnissen über die Vorgehensweise von 30 Attentätern, sowie 30 Gefährdern und "relevanten Personen" und beinhaltet einen umfassenden Fragenkatalog: Welches Verhältnis hat die zu überprüfende Person zur Frage der Gewalt? Hat sie militärische Erfahrung? Hat sie Zugang zu Waffen? Wie sind die sozialen Bindungen? Lose, fest - ist jemand sozial integriert oder nicht? Je nach Ergebnis werden die von den Polizisten eingegeben Gefährder oder islamistische Kontaktpersonen farblich markiert: "gelb", "orange" oder "rot" - für hochgefährlich.

Software hätte angeschlagen

Bisher arbeiten die Behörden bei den rund 550 Gefährdern in Deutschland mit Personagrammen, die mit wichtigen Details und Erkenntnissen gespickt sind. Im Fall von Anis Amri war das vertrauliche Dokument 17 Seiten stark und war über Monate immer wieder aktualisiert worden, zuletzt fünf Tage vor dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz.

Nach dem Anschlag hatten Ermittler die Daten Anis Amri testweise in das "Radar"-Programm eingepflegt. Das Ergebnis: "rot". Anders als die Behörden, die den Mann zwar im Blick hatten, einen Anschlag aber für "eher unwahrscheinlich" hielten, hätte die Software zumindest "rot" angeschlagen. 

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 21. Januar 2017 um 11:15 Uhr.

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