Ein Schild "Warum?" steht am abgesperrten Zugang zur U-Bahnstation Olympia-Einkaufszentrum in München  | Bildquelle: dpa

Gewalttaten in Ansbach, München und Würzburg Zwischen Amoklauf und Terrorismus

Stand: 29.07.2016 16:51 Uhr

Der Täter von München war rechtsextrem eingestellt, erschoss Menschen mit Migrationshintergrund. Dennoch wird die Tat als unpolitisch bewertet, während der Anschlag in Würzburg als islamistisch eingestuft wird. Wo genau verläuft die Grenze zwischen Amok und Terror?

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Würzburg, München, Ansbach - diese schweren Gewalttaten der vergangenen Tage werden zumeist in einer Reihe genannt. Tatsächlich gibt es Gemeinsamkeiten: Alle Täter waren junge Männer, die allein zuschlugen. Sogenannte einsame Wölfe, die sich unbemerkt radikalisiert hatten, den Sicherheitsbehörden unbekannt waren. Inwieweit Hintermänner sie unterstützten, wird noch untersucht.

Weitere Gemeinsamkeiten scheint es auf den ersten Blick nicht zu geben. Während die Anschläge von Würzburg und Ansbach islamistisch motiviert waren, wird der 18-jährige Täter von München als Amokläufer beschrieben. Allerdings ist der Begriff irreführend, denn der Täter handelte nicht blindwütig in einem psychischen Ausnahmezustand, wie es der Begriff nahelegt, sondern hatte seine Tat genau geplant und offenbar gezielt auf bestimmte Menschen geschossen.

Jahrestag der Breivik-Anschläge

Alle neun Todesopfer von München hatten einen Migrationshintergrund. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann bestätigte zudem Medienberichte, nach denen der Attentäter eine rechtsextremistische Weltsicht hatte. Der 18-Jährige habe Türken und Araber gehasst. Bei Online-Spielen habe er Beleidigungen geäußert, wie die "Abendzeitung" berichtete. In einem Chat soll er "Scheiß Deutschland wird überfüllt von Muslimen" geschrieben haben.

Medien berichten zudem, der 18-Jährige habe mit der AfD sympathisiert und den norwegischen Rechtsterroristen und Massenmörder Anders Breivik verehrt. Das Attentat von München führte er am fünften Jahrestag der Breivik-Anschläge aus. Den Ermittlern drängt sich, nicht nur wegen des Jahrestags, ein enger Zusammenhang auf. "Diese Verbindung liegt auf der Hand", sagte Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä laut BR. Bundesinnenminister Thomas de Maizière teilte mit, der Täter habe sich für den Amoklauf von Winnenden, aber auch für Breivik interessiert.

"Scheiß Türken!"

In einem Video kurz vor seinem Selbstmord rief der Täter von München "Scheiß Türken!" - wurde als Deutsch-Iraner aber gleichzeitig als "Scheiß Kanake" beleidigt. Ein Rassist, der selbst Ziel von Rassismus wurde - offenkundig bezeichnend für das Leben des 18-Jährigen. Er wird als einsam beschrieben. Ein Bekannter sagte "Spiegel TV", niemand habe ihn so recht gemocht. Ein Außenseiter, der mit radikaler Aggressivität auf seine Umwelt reagiert, die er als feindlich wahrnimmt.

Ein Muster, das bei solchen Tätern oft auffällt. "Es gibt den Typ des traumatisierten Täters", erklärt der Wissenschaftler Klaus Hurrelmann bei "Spiegel Online". Dieser habe "Verletzungen, Demütigungen, Zurückweisungen über einen langen Zeitraum erlebt - bis es irgendwann aus ihm herausbricht". Der Psychologe Robert Bögle sprach im BR von einem "Container voller Aggressionen, der explodiert".

"Keine lebenswerten Geschöpfe"

So beispielsweise auch im Jahr 2003, als in Ansbach ein Abiturient bewaffnet mit Beil, Brandsätzen und Messern seine Lehrer und Mitschüler angriff. Der damals 18-Jährige hatte die Tat monatelang geplant. Er war in psychotherapeutischer Behandlung, aber kein Konsument von Gewaltvideos oder Spieler von Egoshooter-Games. Beim folgenden Prozess ließ er erklären, er habe Menschen an der Schule töten wollen. Mitleid für die Opfer habe er nicht gehabt, sondern Hass auf die Schule und auf die Menschheit empfunden. Die Rechte seiner Mitmenschen auf Leben seien ihm egal gewesen. Er hätte sie - aber auch sich selbst - nicht als lebenswerte Geschöpfe gesehen.

Ein Polizist sperrt in Sagamihara eine Straße ab nach dem Messerangriff in einem Behindertenheim. | Bildquelle: dpa
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In einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung wurden 19 Menschen getötet.

Hass auf sich selbst, Hass auf andere: Solche Menschenverachtung ist ein zentrales Motiv bei vielen Attentätern - so auch beispielsweise vor wenigen Tagen bei dem Mord an behinderten Menschen in Japan. Der Täter hatte gefordert, dass Menschen wegen schwerer Behinderung getötet werden sollten. Die Idee von "lebensunwertem" Leben ist höchst kompatibel mit Ideologie, die Menschen in höher- und minderwertig einteilt - wie der Rechtsextremismus.

Szene beschäftigt sich intensiv mit "Amokläufen"

Doch nicht nur der Hass auf Menschen spielt eine große Rolle bei solchen Morden, die Taten bauen sogar aufeinander auf. Die Täter beziehen sich auf vorherige Amokläufe, "reihen sich sozusagen in die Reihe der düsteren Helden ein", sagt der Wissenschaftler Jens Hoffmann.

Im Netz hat sich seit Jahren eine ganze Szene gebildet, die sich intensiv mit "Amokläufen" beschäftigt. Wichtigste Taten, auf die man sich in diesen Kreisen immer wieder bezieht, sind unter anderem das Verbrechen an der Columbine High School 1999, ein Amoklauf im finnischen Jokela 2007 sowie in Winnenden im Jahr 2009. Selbst behaupten die Nutzer, man interessiere sich lediglich für solche Taten - aus Nutzernamen und Inhalten spricht aber Menschenverachtung sowie Glorifizierung von Gewalt; Massenmörder wie Breivik werden hier zu Helden.

"Potenzial für Nachahmungstäter"

Wenn solche Ikonen geschaffen werden - auch durch die mediale Berichterstattung und die Fokussierung auf den Täter - entstehe "durchaus ein Potenzial für Nachahmungstäter", die diesen Vorbildern nacheifern, warnt Robert Kahr von der Hochschule der Polizei.

Polizisten stehen vor einem McDonald's-Schnellrestaurant in München | Bildquelle: AP
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Polizisten stehen vor der McDonald's-Filiale, in der der Attentäter mehrere Menschen tötete.

Dies wird offenkundig auch nach den Morden von München befürchtet - und so nahm die Polizei in Ludwigsburg einen Jugendlichen fest, der Kontakt zum Todesschützen hatte und ebenfalls einen Amoklauf geplant haben könnte. Die Polizei durchsuchte die elterliche Wohnung und fand Waffen. Eine Nachricht, die in der Szene der "Amoklauf-Fans" für Unruhe sorgt. Ein Nutzer aus diesem Milieu warnte, die Polizei mache Stress, man solle "alles löschen".

Grenzgebiet zwischen Amok und Terror

Trotz der rechtsextremen Einstellung des Täters: In München gehen die Ermittler bislang von keinem politischen Motiv aus. Der 18-Jährige hinterließ ein Schriftstück, in dem er sich vor allem über seine schulische Situation, sein örtliches Umfeld und seiner psychischen Erkrankung ausgelassen habe. Mutmaßlich ist hier der Auslöser der Tat zu finden - doch erklärt sich so auch die Auswahl der Opfer? Spielte sein Menschenhass keine Rolle für die Tat? Wo verläuft die Grenze zwischen Amoklauf und Terrorismus? Die Publizistin Ines Geipel sieht Parallelen, in beiden Fällen seien die Täter meist junge Männer, die keinen Platz in ihrem Umfeld fänden. Auch Innenminister de Maizière ordnete das Attentat von Würzburg vorerst "im Grenzgebiet zwischen Amoklauf und Terror" ein.

"Die Unterscheidung zwischen Amok und Terror spielt keine Rolle mehr, sie ist historisch überholt", sagte der Philosoph Franco Berardi der "Süddeutschen Zeitung". Bei den psychopathologischen Hintergründen der Verbrechen sehe auch er große Gemeinsamkeiten zwischen Amokschützen und Terroristen.

Sicherheitsbehörden an ihren Grenzen

Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen verweist angesichts dieser Entwicklung auf die Grenzen der Ermittlungstätigkeit: "Wir können nicht alles sehen und hören und dürfen es auch nicht, was unserer Bürger, was die Menschen in Deutschland tun." Vermutlich werde es weiter Fälle geben, in denen sich junge Menschen "außerhalb des Radarschirms" radikalisierten.

Die Sicherheitsbehörden stoßen hier also an ihre Grenzen. Der Konfliktforscher Andreas Zick fordert daher mehr Prävention: "Wir müssen uns der Frage stellen, wie Menschen aufgrund von psychischen Krisen, Sinnsuche oder Gewaltnähe so radikal werden, dass sie sich zu so einer Tat entscheiden." Jugendarbeit lohne sich "in Zeiten, wo das Internet erlebnisreicher ist als der Alltag, mehr denn je".

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