Souvenirhändler warten an den Pyramiden von Gizeh auf Kunden.  | Bildquelle: AFP

Reportage aus Ägypten Resignation nach der Revolution

Stand: 25.01.2017 03:51 Uhr

Von den Hoffnungen der Revolutionen ist in Ägypten kaum noch etwas zu spüren. Präsident Sisi regiert mit harter Hand, der Tourismus liegt am Boden, die Preise steigen. Eine Reportage anlässlich des Jahrestages der Revolution vor sechs Jahren.

Von Anna Osius, ARD-Studio Kairo

Ahmed steuert das Auto seines Vaters durch den Kairoer Stau. Die Straßen sind so verstopft wie immer, er schlängelt sich durch, bringt Geschäftsleute zu ihren Terminen, einige der wenigen Touristen zum Flughafen. Der 23-Jährige arbeitet als Fahrer - wie sein Vater und sein Bruder. Es ist ein Job, den er eigentlich nie wollte. Er erzählt: "Ich habe Buchhaltung studiert, war einer der besten meines Jahrgangs. Eigentlich sollte ich eine Stelle an der Uni bekommen, aber dann wurde ein anderer genommen, dessen Vater Doktor ist und der bessere Kontakte hat. Jetzt schreibe ich Bewerbungen, suche jeden Tag nach einer Stelle. Aber ich finde einfach keine Arbeit."

Ein Mann verkauft am Straßenrand Zeitungen. | Bildquelle: AP
galerie

Alles ist besser als die Arbeitslosigkeit: Ein Mann verkauft am Straßenrand Zeitungen.

Ägypten steckt in einer massiven Wirtschaftskrise. Tausende junge Ägypter sind arbeitslos. Der Tourismus ist faktisch zusammengebrochen. Das Pfund wurde abgewertet, es gibt eine Inflation: Die Preise für einige Lebensmittel haben sich mehr als verdoppelt.

"Seit der Revolution hat sich alles verändert. Ein Kilogramm Fleisch hat mal 40 Pfund gekostet, jetzt sind es 140 Pfund. Tomaten, Reis, Benzin, alles ist teuer. Das Leben ist sehr schwierig", klagt Ahmed. "Ich würde gerne heiraten, aber ich kann das Brautgeld nicht bezahlen. Ich verdiene nur 1000 Pfund im Monat. Ich müsste 30 Jahre lang sparen, dann könnte ich vielleicht heiraten." 1000 Pfund sind derzeit umgerechnet etwa 50 Euro.

Furcht vor einem Aufstand

Wirtschaftlich macht Ägypten gerade schwere Zeiten durch, erklärt Hassan Nafaa, Politikwissenschaftler an der Kairo Universität. Und das könnte schlimme Folgen haben: "Ich befürchte, dass es neue Unruhen geben wird. Aber diesmal wird es keine politische Revolution mit einem klaren Ziel, einem Ideal und Führungsfiguren geben, sondern einen anarchischen Aufstand des Hungers. Schon jetzt leben Millionen Ägypter unter der Armutsgrenze, selbst der einstige Mittelstand. Das ist sehr gefährlich. Die Ägypter sind ein geduldiges Volk, aber irgendwann ist eine Grenze erreicht."

Politische Achterbahnfahrt

Steht der nächste Aufstand in Ägypten bevor? Oder sind es die Ägypter leid, auf die Straße zu gehen? Politisch hat das Land in den vergangenen sechs Jahren eine Achterbahnfahrt hinter sich: Die massiven Demonstrationen seit dem 25. Januar 2011 führten zum Rücktritt des langjährigen Diktators Hosni Mubarak.

Der inhaftierte Ex-Präsident Mohammed Mursi grüßt während seines Prozesses Anhänger im Gerichtssaal (Archivbild). | Bildquelle: REUTERS
galerie

Der Muslimbruder Mursi wurde erst gewählt und dann gestürzt. (Archiv)

Ein Jahr später kam es zu den ersten freien Wahlen des Landes. Diese gewann Mohamed Mursi, ein Muslimbruder, dessen islamistische Politik zu neuen Protesten führte. Den Sommer 2013 bezeichnen viele Ägypter als "zweite Revolution", andere als Putsch: Nach erneuten Massendemonstrationen stürzte die Armee Präsident Mursi und ging in den folgenden Monaten massiv gegen demonstrierende Muslimbrüder vor. Bei der gewaltsamen Auflösung von islamistischen Protestlagern wurden Hunderte Demonstranten getötet.

Oberbefehlshaber war damals General Abdel Fattah al-Sisi, der sich 2014 zum Präsidentschaftskandidaten erklärte und mit großer Mehrheit gewählt wurde. Seitdem regiert Sisi das Land mit großer Härte gegen politische Kritiker und Islamisten - er selbst spricht von einem "Kampf gegen Terroristen". Kritiker sagen, Sisi führe Ägypten zurück zu einer Diktatur wie unter Mubarak oder sprechen von einer Militärdiktatur.

Die Gefängnisse sind überfüllt

"Die Revolution im Januar 2011 wurde von den Muslimbrüdern gestohlen, die Juni-Revolution 2013 von Interessengruppen, die Mubarak nahestehen", sagt Politikwissenschaftler Nafaa. "Ich spreche von missbrauchten Revolutionen. Heute haben wir weniger Meinungsfreiheit als unter Mubarak. Menschenrechte werden verletzt, es gibt Folter, Menschen verschwinden, es ist schlimmer als damals. Ich bin überzeugt, dass wir uns auf ein totalitäres Regime zubewegen."

Die Gefängnisse sind überfüllt mit Regimekritikern - gemäßigte und islamistische. Viele Menschen haben Angst, offen über Politik zu sprechen. Auch dieser Anhänger der islamistischen Muslimbruderschaft redet nur noch hinter verschlossenen Türen und anonymisiert:

"Sechs Jahre nach der Revolution hat sich alles verändert. Mursi hätte weiter regieren müssen. Ein Jahr war zu kurz, man hätte ihm Zeit lassen müssen. Aber ich habe noch Hoffnung auf Veränderung. Ich weiß nicht, wie lange es noch dauert, aber es wird wieder ein Aufstand kommen, weil die Menschen die Unterdrückung nicht mehr ertragen können. Wir wollen ein Leben in Würde."

"Mubarak war ein guter Präsident"

Veränderung? Viele Anhänger der gemäßigten Opposition sind da nicht mehr so optimistisch. Und Ahmed, der Fahrer, der eigentlich Buchhalter sein möchte? Er setzt nicht mehr auf Revolution für Demokratie und Menschenrechte. Obwohl er eigentlich der Generation angehört, die den Wandel in Ägypten herbeigesehnten. Er wünscht sich stattdessen den alten Diktator zurück: "Mubarak war ein guter Präsident. Wenn wir Sisi und Mubarak vergleichen, war Mubarak viel besser. Alle, die Mubarak loswerden wollten, sagen jetzt: Komm wieder Mubarak, es tut uns leid."

Ägypten in der Krise - Sechs Jahre nach Beginn des Aufstands
A. Osius, ARD Kairo
24.01.2017 23:28 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. Januar 2017 um 05:24 Uhr

Darstellung: