Eine Frau lässt sich bei einer Impfaktion gegen Covid-19 impfen.
faktenfinder

Corona-Impfschäden Desinformation statt seriösem Hilfsangebot

Stand: 12.07.2023 16:42 Uhr

Eine Website verspricht ärztliche Hilfe bei möglichen Impfschäden und operiert dabei mit irreführenden Aussagen und einem undurchsichtigen Geschäftsmodell. Der Macher dahinter fiel schon mehrfach mit fragwürdigen Corona-Geschäften auf.

"Beschwerden nach einer Covid-19 Impfung? Wir finden einen kompetenten Behandler für Sie!" Das Angebot der "Corona Impfschaden Hilfe" klingt für Betroffene des Post-Vac-Syndroms erst einmal vielversprechend. Auch die Aufmachung der Webseite wirkt wie ein medizinisch seriöses Hilfsangebot. Der Betreiber der Seite: ein "Medizinischer Behandlungsverbund" (MBV). Laut Website ist der MBV "Vermittler zu einem Netzwerk von Ärzten und kompetenten Behandlern, die auf die Therapie von Impf- und Covid-Folgen spezialisiert sind".

Es ist ein Angebot, das vermeintlich eine Versorgungslücke schließen möchte, denn tatsächlich berichten Betroffene vom Post-Vac-Syndrom, dass es ihnen häufig schwer gemacht werde, ärztliche Hilfe zu erhalten. "Hunderttausende Geschädigte" würden ihrem Schicksal überlassen werden, schreibt der Betreiber der Seite, Markus Bönig, auf Anfrage des ARD-faktenfinders. Seine Seite gleiche das "staatliche Versagen in der Versorgung von Impfgeschädigten" aus, denn er wisse, "wie gefährlich das weltweit größte, gentechnische Experiment wirklich ist."

Paul-Ehrlich-Institut: 1452 gemeldete "Post-Vac-Syndrom"-Verdachtsfälle

Um die Sicherheit von Impfungen zu überwachen, sammelt in Deutschland das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) Verdachtsmeldungen zu Impfnebenwirkungen und -komplikationen. Im Falle der durch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) zugelassenen Covid-19-Impfstoffe erfolgt die Erfassung und Bewertung dieser nicht nur durch das PEI, sondern auch durch alle Arzneimittelbehörden der Mitgliedstaaten des Europäischen Wirtschaftsraumes (EWR). Verdachtsfälle von Nebenwirkungen sind nicht identisch mit Nebenwirkungen, wie sie in den Produktinformationen aufgeführt werden.

Bis zum 31.03.2023 hat das PEI insgesamt 340.282 Meldungen zu Verdachtsfällen nach Covid-19-Impfstoffen erhalten. In 56.432 Fällen wurde der Verdacht einer schwerwiegenden Impfnebenwirkung gemeldet, 3315 Mal ein tödlicher Verlauf angegeben. Das PEI weist daraufhin, dass Verdachtsmeldungen ein wichtiges Instrument seien, um zeitnah neue Risikosignale erkennen zu können, jedoch nicht geeignet seien, die Kausalität der berichteten unerwünschten Reaktion mit der Impfung oder ihre Häufigkeit festzustellen. Laut "Zeit Online" haben 8886 Menschen einen Antrag auf Anerkennung eines Corona-Impfschadens gestellt. Die Anerkennungsquote liege bei elf Prozent.

Schaut man sich die Zahlen der Verdachtsfälle genauer an, sind nur 1452 Verdachtsfallmeldungen eingegangen, welche als "Gesundheitsstörungen in unterschiedlichem Abstand nach Covid-19-Impfung als Long-Covid-ähnlich, chronisches Erschöpfungssyndrom, posturales Tachykardiesyndrom oder 'Post-Vac' bezeichnet wurden".

Das Post-Vac-Syndrom ist demnach sehr selten: Setzt man diese Zahlen ins Verhältnis zu der vom Robert Koch-Institut verzeichneten Gesamtzahl aller verabreichter Impfdosen bis Ende März von 192.208.062, ergibt das eine Quote von 0,0007 Prozent. Deshalb gebe es laut PEI "weder in Deutschland noch auf Ebene der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWR) oder international ein Risikosignal für ein chronisches Ermüdungssyndrom oder andere als 'Post-Vac-Syndrom' zusammengefasste Beschwerden nach einer Impfung mit den zugelassenen Covid-19-Impfstoffprodukten".

Irreführende Aussage zur Melderate

Bönigs Ansicht nach würden die zuständigen staatlichen Stellen die Daten jedoch nicht in Gänze erfassen. Er schreibt auf ARD-faktenfinder-Anfrage: "Ärzte melden beobachtete Nebenwirkungen nur sehr schleppend und in Ausnahmefällen. Selbst das RKI und das PEI gehen davon aus, dass nur ca. fünf Prozent aller Nebenwirkungen überhaupt bei ihnen gemeldet wurden."

Diese Aussage sei nicht korrekt, teilt das PEI dem ARD-faktenfinder mit. Diese sei auf einen Artikel einer Fachzeitschrift aus dem Jahr 2002 zurückzuführen, in dem es tatsächlich heißt, dass Schätzungen einer Publikation von 1988 zufolge "maximal fünf Prozent der schwerwiegenden Nebenwirkungen im Rahmen von Spontanerfassungssystemen gemeldet werden". Die Melderate von fünf Prozent war demnach eine Schätzung, die lange vor Inkrafttreten des Infektionsschutzgesetzes 2001 getätigt wurde, welches eine gesetzliche Meldeverpflichtung überhaupt erst eingeführt hat, um unter anderem Impfkomplikationen sichtbarer zu machen.

Seit 2012 besteht zusätzlich auch für Betroffene und deren Angehörige die Möglichkeit, den Verdacht einer Impfnebenwirkung zu melden. "Diese Meldungen werden genauso aufgenommen, registriert und bewertet wie Meldungen durch die medizinischen Fachkreise und die pharmazeutischen Unternehmen, die Zulassungsinhaber sind", schreibt das PEI.

Insbesondere das derzeit viel diskutierte "Post-Vac-Syndrom" zeige, dass die Meldefreudigkeit in Deutschland sehr hoch sei. "Denn bei einem Vergleich von Meldungen für Long-Covid-ähnliche Symptome nach Impfung in Deutschland mit internationalen Meldungen fällt auf, dass aus Deutschland allein mehr als 50 Prozent dieser Meldungen stammen", so das PEI.

"Aussage entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage"

Schaut man sich die Inhalte der Seite genauer an, wird klar, dass mit irreführenden oder falschen Behauptungen agiert wird. In einer Liste der "wichtigsten Informationen" zu Impfschäden, heißt es zum Beispiel: "Die für die Corona-Impfung verwendeten Transportkugeln wurden noch nie unter der Haut bei Menschen getestet. Derartige Transportkugeln sind bisher in Kosmetika und Sonnenschutzprodukten nur auf der Haut angewendet worden."

Tatsächlich werden solche Liposome seit Jahrzehnten in der Medizin eingesetzt - auch im Körperinneren, zum Beispiel in Impfstoffen gegen Hepatitis A oder Influenza. Eine mögliche Giftigkeit wurde vor der Zulassung in präklinischen Tests geprüft.

Des weiteren wird an zahlreichen Stellen der "Corona Impfschaden Hilfe" suggeriert, dass jede Neuerkrankung im Zusammenhang mit der Impfung stehen könnte. So heißt es: "Alle neu auftretenden Symptome - auch Monate nach der Impfung - oder sich deutlich verschlechternde Symptome können auf einen Impfschaden hindeuten."

"Diese Aussage entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage", schreibt das PEI. Nebenwirkungen treten laut Robert Koch-Institut in der Regel innerhalb weniger Tage bis Wochen nach der Impfung auf. Anders als bei direkten Impfreaktionen kommen die Symptome bei Post-Vac meist erst zwei bis drei Wochen nach der Impfung zum Vorschein, erklärt Bernhard Schieffer, Leiter der Post-Vac Ambulanz am Uniklinikum Marburg, im Gespräch mit dem SWR.

Unterschied zwischen spät eintretenden und Langzeitfolgen

Spätschäden im Sinne von Nebenwirkungen, die erst nach langer Zeit, also nach Monaten oder Jahren auftreten, seien bei den Covid-19-Impfstoffen nicht beobachtet worden und auch nicht zu erwarten, sagt Gesundheitswissenschaftler Joseph Kuhn dem ARD-faktenfinder. Die "Corona Impfschaden Hilfe" vermische zwei völlig unterschiedliche Dinge, erklärt er. Spät einsetzende Nebenwirkungen seien nicht gleichzusetzen mit Langzeitfolgen, die es wie bei allen Impfungen auch bei Covid-19-Impfstoffen gebe. Das sind "Impfschäden, für die auch Anspruch auf Entschädigung besteht".

Ein Impfschaden ist eine behördlich anerkannte anhaltende Gesundheitsstörung als Folge einer bleibenden Impfkomplikation, die wiederum über die normale Impfreaktion hinausgeht. "Betroffene Personen können Reaktionen, die beispielsweise zu einer (auch längeren) Arbeitsunfähigkeit führen, als 'schwere Folge' der Impfung empfinden", teilt das PEI mit. Das sei jedoch nicht gleichbedeutend mit einer schwerwiegenden Nebenwirkung oder einer "Nebenwirkung von besonderem Interesse".

Zentrales Narrativ in verschwörungsideologischen Milieus

Durch Angebote wie die "Corona Impfschaden Hilfe" könne betroffene Personen eingeredet weden, dass ihre Symptome, egal welcher Art, auf eine Impfung zurückzuführen seien, sagt Josef Holnburger, Politikwissenschaftler und Geschäftsführer des Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS). "Das verstärkt bei den Personen zum einen das Gefühl, dass die Impfung problematisch gewesen wäre. Und zum anderen hilft es in der Behandlung ihrer eigentlichen zugrunde liegenden Krankheit nicht."

Ein zentrales Narrativ in verschwörungsideologischen Milieus sei, dass es eine Vertuschung der eigentlichen Krankheiten oder Todeszahlen gäbe. "Im Endeffekt versucht man die Impfungen so gut es geht zu verteufeln und gleichzeitig zu suggerieren, es würde von den Medien vertuscht, wie gefährlich diese Impfung wäre."

In solchen Milieus komme es vor, dass gezielt nach Todesmeldungen gesucht werde, in denen stehe, dass eine Person plötzlich und unerwartet verstorben wäre - eine Formulierung, die in verschwörungsideologischen Kreisen genutzt wird, um zu suggerieren, dass dieser Tod in Verbindung mit der Corona-Impfung stehe. "Selbst Autounfälle werden auf vermeintliche Spätfolgen der Corona-Impfung zurückgeführt, da sie angeblich kurzzeitige Bewusstlosigkeit auslösen könnte", sagt der Politikwissenschaftler.

Umstrittene Interpretation von KBV-Daten

Auch auf einem Flyer des "Medizinischen Behandlungsverbundes" steht: "Tausende, völlig gesunde Menschen, sind seit Beginn der Impfungen plötzlich verstorben", die Zahl der Krebserkrankungen sei "förmlich explodiert". Gestützt werden sollen diese Aussagen mit einer umstrittenen Interpretation eines Datensatzes der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), die von der AfD-Bundestagsfraktion präsentiert wurde, um einen Anstieg von Todesfällen durch die Corona-Impfung zu belegen.

Die KBV sowie weitere Faktenchecks stellten klar, dass die Abrechnungsdaten der Krankenkassen keine Schlüsse über die Entwicklung von Todesursachen oder dem Auftreten von Nebenwirkungen zulassen. Auch internationale Studien sehen keinen Hinweis auf Übersterblichkeit in Verbindung mit der Corona-Impfung.

Ungeachtet dessen heißt es auf der Seite der "Corona-Impfschaden-Hilfe" weiterhin: "Sie können sofort sehen, ob es bei Ihrer Diagnose, die Ihr Arzt Ihnen genannt hat, zu einem starken Anstieg von 2020 im Vergleich zu den Folgejahren gekommen ist. Das ist dann ein sehr starkes Indiz dafür, dass diese neu aufgetretene Erkrankung auf die Corona-Impfung zurückzuführen sein könnte."

Bönig schreibt auf Anfrage, man könne anhand der Krankenkassendaten "eindeutig erkennen, dass es seit Beginn der Corona-Impfkampagnen einen starken Anstieg an schweren Krankheiten gibt, für die es keine andere, plausible Erklärung gibt, als eben die Impfungen."

Eine Aussage, die bei der KBV auf Unverständnis trifft. "Die gesamten Interpretationen auf dieser Website können wir nicht nachvollziehen", heißt es auf Anfrage. Auch Gesundheitswissenschaftler Kuhn, der sich in mehreren Blog-Einträgen mit der Thematik detailliert auseinander gesetzt hat, betont, die selektierten KBV-Daten würden die Behauptungen nicht einmal ansatzweise belegen. "Es gibt auch keinerlei biologische Plausibilität dafür, dass Impfungen z.B. Osteoporose stark ansteigen lassen könnten."

Das PEI geht sogar davon aus, "dass die in dem Flyer aufgezählten schweren Erkrankungen mit hoher Wahrscheinlichkeit durch eine COVID-19-Erkrankung verursacht oder getriggert wurden. Denn im Jahr 2021 nahmen erstmals auch die Zahlen an COVID-19-Erkrankungen stark zu."

Undurchsichtiges Geschäftsmodell

Hinter der "Corona Impfschaden Hilfe" steckt eine GmbH, die schon eine ganze Reihe von Namen hatte. Ursprünglich von einem professionelle Anbieter von Firmenmänteln gegründet, wurde sie im März 2022 von Markus Bönig übernommen und in "Nachweis-Express GmbH" umbenannt, um damit höchst umstrittene Impfunverträglichkeitsbescheinigungen zu vertreiben. Mehrere seiner Kunden haben aufgrund der Nutzung dieser Papiere ihre Arbeitsstelle verloren, zurzeit laufen in dieser Angelegenheit noch einige Prozesse.

Im November 2022 erfolgte die Umbenennung von "Nachweis-Express GmbH" zu "Helden-Transfer GmbH" - nunmehr mit den Geschäftsmodell, ungeimpften Kräften im Gesundheitswesen gegen eine von den Arbeitgebern kassierte Provision Arbeitsplätze zu vermitteln. Zudem verkaufte er von Fachverbänden massiv kritisierte "Schwerhörigen-Ausweise" mit denen man die Maskenpflicht hätte umgehen können.

Bönig gibt an, die Gesellschaft betreibe die Plattform pro bono und habe keine Gewinnerzielungsabsicht damit. Er tue dies "aus Nächstenliebe".

Vermeintliches Hilfsangebot verunsichert Menschen in Not

Gesundheitswissenschaftler Kuhn hält das für fragwürdig. "Wenn man sich vor Augen hält, wer hinter dem 'Angebot' steht und wie es beworben wird, sollte klar sein, dass das kein hilfreiches Angebot ist, sondern Menschen in Not verunsichert werden und Empfehlungen für mutmaßlich ungeeignete Therapien erhalten."

Auch Holnburger ist der Ansicht, dass die Seite hilfesuchende Personen täusche. "Die verschwörungsideologische Szene biegt sich Sachen zurecht, um sagen zu können: 'Wir hatten Recht, die Impfung schadet, Corona ist eine Plandemie', also eine geplante Pandemie." Dies gehe so weit, dass durch das Säen von Zweifeln, die generellen Impfquoten zurückgehen und deswegen Krankheiten, wie Masern, die fast ausgerottet waren, möglicherweise wieder zurückkommen könnten.

"Impfungen gegen Masern sind Errungenschaften, die lange aufgebaut wurden und jetzt wieder bedroht werden", sagt Holnburger. Diese Szene säe Zweifel, wo es wissenschaftlich keine Zweifel an der Wirksamkeit gebe. "Das halte ich gerade für die Zukunft einer Gesellschaft für sehr problematisch."