Trump vor seinem Wahlkampfslogan "Make America great again" | Bildquelle: dpa

US-Historiker Snyder zu US-Politik Wann waren die USA "great"?

Stand: 14.02.2017 11:56 Uhr

Timothy Snyder lehrt Geschichte an der US-Elite-Uni Yale. Das, was derzeit in den USA passiert, bereitet ihm Sorgen. Es drohe eine Politik, die Geschichte zum "Märchenspiel" mache. Ein Beispiel: Trumps Parole "Make America great again". Wann war "great" eigentlich?

Von Andreas Horchler, ARD-Studio Washington

Geschichtsprofessor Timothy Snyder von der Eliteuniversität Yale schlägt bei seinen Studenten Alarm. Junge Amerikaner könnten von der faschistischen Vergangenheit Europas lernen. Eine Überzeugung, mit der die jungen Menschen aufgewachsen seien, spreche allerdings dagegen, so Snyder - und zwar die "Annahme einer Politik des Unausweichlichen".

"Alternativlosigkeit" als Synonym für Langeweile

Diese Annahme gehe davon aus, alles werde sich von selbst regeln. Am Ende bleibe eine liberale Demokratie übrig. Andere Ideen gebe es nicht. "Das ist ein völliger Trugschluss", so Snyder. "Es klingt lächerlich, wenn ich das so ausdrücke, aber das war ihr ganzes Leben so - bis jetzt."

Die Effekte haben es nach Auffassung Snyders in sich. Nach seinem Befund macht sich anhand der Ideenlosigkeit Paranoia breit: Politische Ränder mit teils exotischen Ideen formierten sich. Und es entstehe politische Langeweile. In der deutschen Sprache gebe es dafür ein gutes Wort: Alternativlosigkeit. "Das ist ein Ausdruck der Politik des Unausweichlichen, für das Syndrom der Langeweile."

"Das ausschlaggebende Gefühl ist Nostalgie"

Timothy Snyder | Bildquelle: picture alliance / Ulrich Baumga
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US-Historiker Snyder befürchtet eine "Politik der Ewigkeit".

Die Langeweile werde zum Nährboden für extreme Positionen, Konspirationstheorien, Vorstellungen von Systemwechsel und Abschaffung geltender politischer Bedingungen. Die "Politik des Unausweichlichen" könnte laut Snyder im Angesicht von Wahlausgängen in einigen europäischen Staaten, in Russland und in den Vereinigten Staaten von einer anderen Politik abgelöst werden, die historisches Denken, die Verknüpfung der Vergangenheit mit der Gegenwart und der Vorstellung einer Zukunft ebenfalls links liegen lässt: einer "Politik der Ewigkeit".

Diese Politik mache die Geschichte zum Märchenspiel, indem sie sich auf die Vergangenheit beziehe, ohne aber irgendetwas zu erklären, so der Historiker Snyder. "Die Konzepte sind Erinnerung und Gedenken. Das ausschlaggebende Gefühl ist Nostalgie. Eine Nostalgie, die sich auf Dinge bezieht, die nie Geschehen sind. Dort werden sie wieder und wieder hineingezogen - bis in den Abgrund."

Erinnerung an Deutschland 1933

Donald Trumps Wahlslogan lautete: "Make America great again!" Wann das Land einmal groß war, blieb stets undeutlich. Der Weg zurück zu dieser vermeintlich alten Größe, den der US-Präsident vorschlägt, erschreckt Historiker Snyder: Das Muster von Isolation, Protektionismus, Ausgrenzung von Menschen aus bestimmten Ländern, das Schüren von Angst und Hass, die Vorstellung, das bestehende politische System zu zerstören - das erinnert den Experten für europäische Geschichte durchaus an Deutschland 1933.

In der sogenannten Politik der Ewigkeit werde der Ausnahmezustand zum Dauerzustand. Ein Geschehen wie der Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 gab den Nationalsozialisten die Argumente dafür, die Demokratie zu zerstören - Stück für Stück. Ein Terroranschlag in Nordamerika könnte eine Einschränkung der Demokratie in den USA zur Folge haben.

Eine Plakat mit der Aufschrift "Are we great yet?" bei einem Anti-Trump-Demo in New York | Bildquelle: REUTERS
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Die Frage nach dem "great" stellen sich auch viele Menschen, die gegen Trump demonstrieren.

Die Geschichte könnte sich wiederholen

Junge Amerikaner, aufgewachsen mit der Überzeugung von einer Demokratie, die sich mangels Alternative immer wieder durchsetzen wird, haben jetzt Angst vor Trump. Oder sie kommen zu dem Schluss, das Leben sei einfach mies.

Die Geschichte könne sich wiederholen, sie müsse es aber nicht - davon ist Snyder überzeugt. Insbesondere der historischen Umwälzungen in Europa Ende der 1980er-Jahre bieten aus seiner Sicht einen Werkzeugkasten für den Widerstand: Lesen statt Fernsehen oder sozialen Medien folgen. Individuelle Geschichten retten, innerhalb einer Gruppe Vertrauen finden. Selbstzensur, vorauseilenden Gehorsam und Konformismus vermeiden. Patriotisch sein - also im US-Sinne demokratisch.

Erinnerung an "historische Generation" - oder gar nicht

Seinen Studenten sagt der Geschichtswissenschaftler voraus, man werde sich an sie entweder "als eine historische Generation erinnern" - oder aber gar nicht. Letzteres werde der Fall sein, falls die USA in die oben erwähnte "politische Ewigkeit" schlittern sollten.

Geschichtsvergessen? Yale-Historiker Timothy Snyder und Geschichte
A. Horchler, ARD Washington
14.02.2017 09:52 Uhr

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