Demonstranten vor der türkischen Botschaft in Moskau | Bildquelle: dpa

Situation der Türken in Russland Ständige Angst vor Ausweisung

Stand: 22.12.2015 10:48 Uhr

Offiziell hat Russland nur die Zusammenarbeit mit der türkischen Regierung eingestellt - das türkische Volk bleibt laut Präsident Putin ein Partner. Doch in der Praxis leben Türken in Moskau nun mit der ständigen Sorge, das Land verlassen zu müssen.

Von Bernd Großheim, ARD-Studio Moskau

Moskau am 25. November, einen Tag nach dem Abschuss eines russischen Bombers durch die türkische Luftwaffe. Eine Menschenmenge versammelt sich vor der türkischen Botschaft, wirft mit Eiern, Farbbeuteln und Steinen. Scheiben gehen zu Bruch.

Zerborstene Scheiben in der türkischen Botschaft in Moskau | Bildquelle: AP
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Die türkische Botschaft in Moskau: Zerborstene Fensterscheiben zeugen von den Protesten nach dem Abschuss eines russischen Bombers durch die Türkei.

Seit diesem Gewaltausbruch haben Türken in Russland Angst, vor allem Angst vor Ausweisung. "Ich fühle mich sehr schlecht", erzählt beispielsweise der Ingenieur Mehmet. Er könne nicht gut schlafen, habe ein schlechtes Gefühl. "Ich bin unruhig. Egal wann und wohin ich fahre, habe ich Angst, dass mich die Verkehrspolizei anhält. Es ist egal, ob du eine Aufenthaltsgenehmigung hast oder nicht, es ist egal, ob du ein Kind hier hast oder nicht."

Die offizielle Linie hat Russlands Präsident Putin in seiner Jahrespressekonferenz noch einmal abgesteckt. Eine Zusammenarbeit mit der jetzigen türkischen Regierung wird es nicht geben, aber natürlich müsse man die Kontakte "mit den uns ethnisch nahestehenden Völkern pflegen". So seien turksprachige Völker ein Teil Russlands. "Sowohl das türkische Volk als auch andere Völker bleiben unsere Partner."

Türkische Studenten zurückgeschickt

Und doch sieht die russische Realität derzeit anders aus: Die türkischen Studenten eines Moskauer Instituts für Nuklearphysik wurden nach Hause in die Türkei geschickt. Zur Begründung hieß es, sie hätten sich in sozialen Netzwerken positiv zum Terrorismus geäußert, außerdem ihre Studiengebühren nicht gezahlt. Ähnliches passierte an der Universität Woronesch.

Vor zwei Wochen wurde das Russisch-Türkische Kulturzentrum in Moskau geschlossen - mit der Begründung, es gebe Rückstand bei den Mietzahlungen, außerdem zu wenig Besucher. Zahlreiche russische Universitäten haben ihre Kontakte zu türkischen Instituten gekappt.

Arbeit für Türken schwierig

Probleme haben inzwischen auch türkische Unternehmer, insbesondere wenn sie - wie Mehmet - in der russischen Baubranche tätig sind: "Sehr viele staatliche Behörden versuchen, auch nur die kleinsten Regelverletzungen ausfindig zu machen", beklagt er. "Der Migrationsdienst und die Steuerbehörde ziehen die Schrauben an." Ständig gebe es Überprüfungen der Bauobjekte. "Die Unternehmer haben deswegen schon einen großen Teil der türkischen Arbeiter nach Hause geschickt."

Einige Türken, selbst solche mit Familie in Russland, seien auch von den russischen Behörden nicht wieder ins Land gelassen worden, erzählt Mehmet. Für den zweifachen Vater, der seit 20 Jahren in Russland lebt und mit einer Russin verheiratet ist, wäre das eine Horrorvorstellung, zumal er in Moskau eine Eigentumswohnung hat. "Ich habe auch in dieses Land investiert", sagt er. Viele Türken glaubten, dass sich das russisch-türkische Verhältnis schon irgendwann verbessern werde. Mehmets Hoffnungen aber sind gering.

Dieser Beitrag lief am 22. Dezember 2015 um 12:20 Uhr auf NDR Info.

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