Zaman | Bildquelle: AFP

Türkei und die Medien Kritische Zeitung unter staatlicher Kontrolle

Stand: 04.03.2016 16:19 Uhr

Ein Istanbuler Gericht hat die türkische Regierung zum Treuhänder für die regierungskritische Zeitung "Zaman" ernannt. Das Blatt steht der Gülen-Bewegung nah, inzwischen Erzfeind von Staatspräsident Erdogan. Redakteure befürchten nun eine Stürmung des Verlagsgebäudes durch die Polizei.

Die türkische Regierung will die Kontrolle über die größte regierungskritische Zeitung des Landes übernehmen. Nach Angaben der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu hatte ein Istanbuler Gericht entschieden, den Staat zum Treuhänder für die Zeitung "Zaman" zu ernennen.

Das Blatt steht der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen nahe. Der war einst Verbündeter des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, ist aber inzwischen in Ungnade gefallen und lebt im Exil in den USA. Gülens Hizmet-Bewegung wird in der Türkei als Terrororganisation eingestuft.

Die Redakteure der Zeitung "Zaman" stellen sich auf das Schlimmste ein. Sie fürchten, die Polizei werde das Verlagshaus stürmen und alle kritischen Journalisten vor die Tür setzen oder gar ins Gefängnis sperren. Vor dem Verlagsgebäude versammelten sich am Nachmittag einige Redakteure, um gegen die drohende Regierungskontrolle der Zeitung zu protestieren. "Wir gehen durch die dunkelste Zeit für die Pressefreiheit in der Türkei", hieß es in einer Erklärung.

Sterben unabhängige Medien?

Die Deutsche Presse-Agentur sprach mit dem leitenden Redakteur von "Zamans" englischsprachigem Schwesterblatt "Today's Zaman". Der sagte: "Es sieht so aus, als würden die unabhängigen Medien sterben." Mit Blick auf die anderen landesweiten kritischen Zeitungen fügte er hinzu: "Wenn es uns nicht mehr gibt, bleiben nur noch 'Cumhuriyet' und 'Sözcu' übrig, aber niemand weiß, wie lange."

"Zaman" war 2015 nach eigenen Angaben mit einer Auflage von 850.000 Exemplaren auflagenstärkste Zeitung der Türkei.

Auch "Cumhuriyet" stand zuletzt im Fokus von Erdogan. Er wirft dem Chefredakteur dieser Zeitung, Can Dündar, und den Chef des "Cumhuriyet"-Büros in Ankara, Erdem Gül, den Verrat von Staatsgeheimnissen vor. Beide waren in Untersuchungshaft. Das Verfassungsgericht hatte die Freilassung der beiden Journalisten angeordnet. Erdogan will sie nun erneut hinter Gitter bringen.

Mit Informationen von Thomas Bormann, ARD-Studio Istanbul

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 05. März 2016 um 09:00 Uhr.

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