Gottesdienst in Mardin

Aramäische Christen in der Türkei "Knechte Gottes" in Gefahr

Stand: 29.03.2017 16:21 Uhr

Aramäische Christen sind in der Türkei eine kleine Minderheit. Unter der Regierung Erdogans scheinen sie verstärkt Repressionen ausgesetzt zu sein. Das zu äußern, traut sich aber - wohl aus Angst - niemand.

Von Marko Rösseler, WDR

Es schneit heftig an diesem Sonntag im Tur Abdin. In 1000 Metern Höhe an einem Hang des mächtigen Kalkstein-Gebirges liegt Mardin. Unser türkischer Kameramann macht sich Sorgen: Ob am Abend die Straße noch befahrbar sein wird? Wir sind hier, um eine der ältesten christlichen Gemeinden der Welt zu besuchen.

"Tur Abdin" bedeutet "Berg der Knechte". Gemeint sind die "Knechte Gottes", die hier über viele Jahrhunderte lebten: aramäische Christen. Die Wurzeln ihrer Sprache reichen zurück bis in biblische Zeiten - Jesus selbst soll Aramäisch gesprochen haben. In der Türkei war die Sprache lange verboten. Heute gilt Aramäisch als vom Aussterben bedroht. Schlimmer noch: Das Christentum selbst droht im Tur Abdin einzugehen. Kritiker sagen, daran trage die Regierung Erdogan eine Mitschuld.

"Hier in Mardin leben noch etwa 100 christliche Familien", erklärt eine ältere Dame aus der Gemeinde. "80 Familien direkt aus Mardin und 20, die aus Syrien stammen." Die syrische Grenze liegt nur wenige Kilometer entfernt. Vor Jahren sollen in diesem Gebiet noch Tausende Aramäer-Familien gelebt haben.

"Wir beschäftigen uns nur mit geistlichen Themen"

Geblieben sind vor allem die Alten. Die Kirchenglocke läutet, durch den Schnee quälen sie sich über die rutschigen Steinstufen den Berg hinauf. Die Luft in der kleinen, alten Kirche ist von Weihrauch erfüllt. Im rechten Kirchenschiff beten die Männer, links die Frauen. Getrennt nach Geschlechtern ist auch das Teetrinken nach dem Gottesdienst.

Frage in die Männer-Runde: "Hat sich ihr Leben unter der Regierung Erdogan verändert?" Erst Schweigen, dann antwortet Gabriyel Akyüz, der Pfarrer der Gemeinde: "Das ist ein politisches Thema. Wir beschäftigen uns nicht mit politischen Themen, sondern mit geistlichen. Diese Welt ist vergänglich. Auch ein Sultanat geht vorüber." Jeder weitere Versuch ist zwecklos. Deutlicher über Politik will sich niemand äußern - nicht hinter vorgehaltener Hand und erst recht nicht vor einer Kamera.

Bewohner der türkischen Stadt Mardin: Die Jungen gehen, die Alten bleiben
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Bewohner der türkischen Stadt Mardin: Die Jungen gehen, die Alten bleiben

An der Kirche steht ein türkischer Polizist. Er mustert uns kritisch. Kurze Zeit später kommen mehrere Herren in Zivil, die sich ebenfalls als Polizisten ausweisen. Was wir hier machen? Wir erklären, dass wir einen Film über die verschiedenen Kulturen hier im Südosten der Türkei drehen, das ist zumindest nicht gelogen. Der türkische Kameramann zeigt seine "allgemeine Dreherlaubnis", wir unsere übrigen Papiere.

Die Polizisten schütteln die Köpfe: Drehverbot ab jetzt in ganz Mardin und Umgebung.

Verschwunden, nicht mehr erreichbar

Bis vor Kurzem gab es in Mardin noch eine christliche Co-Bürgermeisterin - die einzige in der Türkei. Sie wurde nach dem gescheiterten Militärputsch von der Regierung Erdogan abgesetzt. Die offizielle Begründung: Sie stehe unter dem Verdacht, eine Terror-Organisation unterstützt zu haben. Gemeint sein kann damit nur die kurdische Untergrundorganisation PKK oder eine ihrer Splittergruppen. Die Co-Bürgermeisterin war Mitglied in der pro-kurdischen, aber nicht linken HDP. Jetzt ist sie verschwunden, nicht mehr erreichbar - offiziell auch nicht für ihre Parteifreunde. Mit einem von ihnen sind wir trotz Drehverbot verabredet. Ali Aslan begreift sehr schnell am Telefon. Er nennt einen Treffpunkt, alles Weitere dort. Er erzählt, dass sein Telefon abgehört werde. Ein relativ sicherer Ort für ein kurzes Interview sei aber die HDP-Parteizentrale.

Ali Aslan, Vize-Vorsitzender der HDP in Mardin
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Ali Aslan, Vize-Vorsitzender der HDP in Mardin

"Wir sind erst vor Kurzem in diese Räume gezogen", erklärt der zweite Vorsitzende der HDP Mardin sein kahles Büro. "Es sieht zwar noch ungemütlich aus, hat aber den Vorteil, dass wir wahrscheinlich jetzt nicht abgehört werden. Zum Verwanzen hatten sie noch keine Zeit." Aslan glaubt zu wissen, dass sich die ehemalige Co-Bürgermeisterin zur Zeit in Istanbul befinde und krank sei. Verhaftet worden sei sie nie, nur abgesetzt. Ganz im Gegensatz zu ihrem Amtskollegen in der Doppelspitze des Bürgermeisteramts, auch ein Parteifreund. Er kam ins Gefängnis mit derselben Begründung wie die Christin: "Unterstützung einer Terror-Organisation".

"An den Vorwürfen ist gar nichts dran", beteuert Aslan. "Sie wurden beide ihrer Ämter enthoben, weil sie in der Opposition sind, das ist alles." Über die Christen und ihre Verschwiegenheit in Sachen Politik wundert sich Aslan nicht: "Sie trauen sich nicht, das ist doch klar. Seit dem Putsch steht jeder, der Kritik äußert, mit einem Bein im Gefängnis."

Über dieses Thema berichtete das WDR Fernsehen am 29. März 2017 um 22:10 Uhr.

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