Atomkraftwerk Tihange | Bildquelle: dpa

Umstrittenes Atomkraftwerk in Belgien Reaktor in Tihange wieder am Netz

Stand: 26.12.2015 19:21 Uhr

Im umstrittenen belgischen Atomkraftwerk Tihange ist ein Teil des Atomreaktors wieder am Netz - trotz deutscher Proteste. Aachen liegt nur 70 Kilometer entfernt. Im Reaktorblock 1 hatte es vor gut einer Woche einen Brand im nicht nuklearen Teil gegeben.

Von Karin Bensch, ARD-Studio Brüssel

Reaktor 1 des belgischen Atomkraftwerks Tihange bei Lüttich ist wieder am Netz, teilte eine Sprecherin der Betreiberfirma Electrabel mit. Am späten Nachmittag war zunächst ein Teil in Betrieb genommen worden. Am Abend dann ein weiterer Bereich.

Rolf-Dieter Krause @rdk_bxl
#Tihange Trotz deutscher Proteste: Erste Produktionsgruppe von KKW Tihange 1 ist wieder in Betrieb, zweite wird für 18u erwartet.

Vor einer Woche hatte sich der Reaktor automatisch abgeschaltet, nachdem es einen Brand in einer elektrischen Schalttafel gegeben hatte. "Wir haben ein defektes Bauteil in der Schalttafel entdeckt", sagte die Unternehmenssprecherin Anne Sophie Hugé.

Diese Schalttafel befindet sich nicht im Reaktorbereich, sondern im nicht-nuklearen Teil der Anlage. Das Atomkraftwerk Tihange sei sicher, meinte die Unternehmenssprecherin. Das hätten verschiedene belgische Behörden bestätigt. Darüber hinaus habe sich die belgische Atomaufsichtsbehörde damit einverstanden erklärt, dass die Laufzeit von Tihange 1 um zehn Jahre verlängert wird - bis 2025.

Reaktor 1 im umstrittenen AKW Tihange ist wieder am Netz
K. Bensch, ARD Brüssel
26.12.2015 19:07 Uhr

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"Pannenserie erschreckend"

In Deutschland sehen das viele ganz anders - vor allem Menschen, die in der Grenzregion leben. Sie trauen Tihange 1 nicht, denn er ist mit vierzig Jahren der älteste der drei Reaktoren des Atomkraftwerks. Die Pannenserie des Kernkraftwerks sei erschreckend, sagt Jörg Schellenberg vom Aachener Anti-Atom-Bündnis. "Ein mit Rissen durchsetzter Reaktor-Druckbehälter. Personal, was nicht richtig geschult ist. Ständig muss der Reaktor heruntergefahren werden, weil es irgendwo wieder Brände gibt. Es ist einfach Ausdruck von einem mangelnden Sicherheitsverständnis."

AKW Thiange wird wieder hochgefahren
tagesschau 20:00 Uhr, 26.12.2015, Rolf-Dieter Krause, ARD Brüssel

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Gestern hatte es ein in einem anderen belgischen Atomkraftwerk - in Doel bei Antwerpen - einen Zwischenfall gegeben. Im Reaktorblock 3 trat aus einem Leck in einer Leitung eine geringe Menge heißes Wasser aus. Um den Schaden zu reparieren, musste die Anlage in der Nacht zum ersten Weihnachtstag vom Netz genommen werden. Das Leck trat im nicht-nuklearen Teil der Anlage auf, sagt die Betreiberfirma Electrabel. Dort wird mit dem heißen Dampf, der im Reaktor erzeugt wird, eine Turbine angetrieben, die wiederum den Generator antreibt, der die Bewegungsenergie in Strom umwandelt. Der vom Leck betroffene Wasserkreislauf enthält nach Angaben von Electrabel keine radioaktiven Stoffe.

Deutsche Regierung plant Gespräche mit belgischer Atomaufsicht

Auch die Bundesregierung ist skeptisch, ob die belgischen Atomkraftwerke Tihange bei Lüttich und Doel bei Antwerpen den Sicherheitsbestimmungen entsprechen. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks von der SPD kündigte an, es solle Anfang Januar ein Gespräch mit der belgischen Atomaufsicht geben. Umweltschützer Jörg Schellenberg geht noch einen Schritt weiter: "Hier müsste auf EU-Ebene eine Entscheidung her, dass ein solches Atomkraftwerk nicht mehr weiterbetrieben werden darf."

Immerhin, so Schellenberg, würden Millionen Menschen in der Grenzregion Belgien, Deutschland und Niederlande dadurch gefährdet. Doch die Energieversorgung in der EU ist klar geregelt: Jedes Land entscheidet selbst darüber. Danach wäre also die belgische Regierung am Zug.

Karte der Kernkraftwerke Doel und Tihange in belgien
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Belgien hat sieben Atomreaktoren an zwei Standorten: In Doel gibt es vier Druckwasserreaktoren, in Tihange drei. Tihange liegt rund 70 Kilometer entfernt von Aachen.

Dieser Beitrag lief am 26. Dezember 2015 um 18:36 Uhr auf NDR Info.

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