Das Leitwerk einer PanAm Boeing 747 inmitten eines Trümmerfelds auf dem Flughafen von Teneriffa (Archivbild) | Bildquelle: dpa

Flugzeugtragödie vor 40 Jahren Im Nebel von Teneriffa

Stand: 27.03.2017 04:04 Uhr

Es war menschliches Versagen mit unvorstellbaren Konsequenzen: Am 27. März 1977 krachen auf der Insel Teneriffa zwei Passagiermaschinen ineinander. Fast 600 Menschen kommen in der Folge ums Leben.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Wer mit dem Flugzeug den Airport Teneriffa Nord ansteuert, hört nicht selten diese Durchsage: "Wir landen bei schlechten Sichtverhältnissen. Bitte legen Sie Ihre Sicherheitsgurte an und klappen Sie Ihre Tische zurück."

Der Flughafen liegt auf einer Hochebene. Innerhalb von Minuten kann sich das Wetter schlagartig verändern. Die Sonne verschwindet, Nebel zieht auf und hüllt die Landebahn ein. So war es auch am 27. März 1977.

"Wie wir auf den Kanaren sagen: 'Man hat nicht einmal drei Leute auf einem Esel sitzend gesehen'. Alles war vernebelt", erinnert sich Francisco Gonzales. 1977 arbeitet er auf dem Flughafen Teneriffa Nord, fährt das sogenannte "Follow Me"-Auto, das gelandete Maschinen zu ihren Parkpositionen lotst. An jenem Sonntag sind das einige: Der Flughafen der Nachbarinsel Gran Canaria ist wegen einer Bombendrohung geschlossen; etliche Maschinen werden nach Teneriffa umgeleitet.

Dichter Nebel behindert die Sicht

Auch zwei Jumbo-Jets: einer der niederländischen Gesellschaft KLM, einer der US-Linie PanAm. Sie müssen stundenlang in Teneriffa Nord warten, bis der Flughafen Gran Canaria wieder geöffnet wird. Als das schließlich geschieht, soll es schnell gehen. Der KLM-Jumbo rollt als erster über die Startbahn, dreht am Ende und wartet auf die Erlaubnis, in die entgegengesetzte Richtung abzuheben.

Francisco Gonzales, 73, Augenzeuge des Unglücks:
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Gonzales war zum Unglückszeitpunkt Augenzeuge.

Gonzales verfolgt in seinem Auto die Funksprüche: "Wir hörten, wie der Tower dem PanAm-Piloten sagte: 'Auch sie haben die Freigabe, zur Startposition zu rollen.'" Der PanAm-Jumbo bewegt sich also auf die KLM-Maschine zu. Aber die Piloten sehen nichts voneinander - wegen des dichten Nebels.

Es kommt zu einem folgenschweren Missverständnis: Der KLM-Pilot interpretiert einen Funkspruch des Towers über die Route nach dem Abflug falsch - nämlich als Genehmigung für den Start. Der Pilot gibt vollen Schub. Kurz darauf erkennt die PanAm-Besatzung Scheinwerfer im Nebel. "Da ist er. Er kommt auf uns zu. Weg hier!"

"Alles raus hier, schnell!"

Der PanAm-Jumbo versucht noch, von der Piste abzubiegen – doch es ist zu spät. Die KLM-Maschine kracht in das US-Flugzeug. Beide Jumbos fangen sofort Feuer. "Die Menschen sprangen aus den brennenden Flugzeugen. Ich erinnere mich an eine Frau, wie sie am Arm genommen und weggezerrt wurde. Eine Stewardess rief: ‚Alle raus hier, schnell!' Ein Teil eines Triebwerks flog durch Luft, und es erschlug eine Frau." Auch 40 Jahre nach dem Unglück kommen Francisco die Tränen, wenn er davon erzählt.

Die Tagesschau berichtet an diesem Tag: "Guten Abend, meine Damen und Herren. Die Flugzeugkatastrophe von Teneriffa hat mindestens 563 Tote gefordert. Etwa 80 Personen wurden verletzt." Die Zahl der Todesopfer steigt in den folgenden Tagen auf 583 an. Für alle Fachleute ist klar: Eine Verkettung unglücklicher Umstände führte zu diesem dramatischen Unfall.

Sicherheitsstandards wurden erhöht

Flughafen Teneriffa Nord
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Der Flughafen heute: Die Sicherheitsstandards wurden erhöht.

Die Flugzeugkatastrophe von Teneriffa hatte Konsequenzen für die gesamte Luftfahrtbranche zur Folge, erklärt Luftfahrt-Journalist José Ramón Valero: "Alle internationalen Flughäfen bekamen Bordenradare, die Funksprache wurde verbessert und vereinheitlicht. Es wurde viel getan, um die Sicherheitsstandards zu erhöhen. Aber man weiß nie, was alles passieren kann. Heutzutage stellt der Terrorismus eine große Bedrohung dar – man kann ihn nur schwer kontrollieren."

Aus technischer Sicht kann ein Flugzeugunglück wie das von Teneriffa heute kaum mehr passieren. Statistisch gesehen ist Wahrscheinlichkeit eines tödlichen Unfalls beim Fahrradfahren in Europa mittlerweile deutlich höher als beim Fliegen. Doch wo Menschen arbeiten, so sagt Experte Valero, können Fehler nie hundertprozentig ausgeschlossen werden.

Albtraum im Paradies: 40 Jahre Flugzeugkatastrophe von Teneriffa
Oliver Neuroth, ARD Madrid
27.03.2017 09:07 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. März 2017 um 05:45 Uhr

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