Offiziersanwärter der SDF-Streitkräfte in Syrien (Foto: Daniel Hechler)

Kämpfer im Norden Syriens Karge Kost und Kampfeswille

Stand: 19.02.2018 05:26 Uhr

2012 vertrieben sie Assads Truppen aus dem Norden des Landes, 2016 den IS: Die Kämpfer der Demokratischen Kräfte Syriens warnen nun die Türkei vor einer Eskalation. Eine Reportage über angehende SDF-Offiziere.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo, zzt. in Syrien

Sie balancieren im strömenden Regen über rutschige Rohre, hangeln sich in voller Montur an Gerüsten entlang, rennen im Kreis. Offiziersanwärter der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) trainieren für ihren Einsatz an der Front. 200 Wehrpflichtige zwischen 18 und 40 werden an der Kaderschmiede im Norden Syriens zu Führungskräften ausgebildet.

Einige wirken kindlich, andere haben graue Schläfen. Die Kurden dominieren, aber auch Araber, Christen, Jesiden gehören zu den SDF-Streitkräften. Eines eint sie: der Stolz auf die militärischen Erfolge der Vergangenheit und der Wille, ihre Heimat, ihre Unabhängigkeit zu verteidigen. "Wir haben den moralischen Anspruch, das Recht, hier zu sein", meint Mohammed Khadur al-Ali. "Es ist unser Land, es sind unsere Dörfer, unsere Städte. Wir sind bereit zu kämpfen - gegen jede Armee, die kommt."

2012 haben sie Assads Truppen aus dem Norden des Landes vertrieben, 2016 die Terrormiliz IS. Keine andere Gruppierung in Syrien stellte sich den IS-Milizen so erfolgreich entgegen. Die Verluste allerdings waren hoch. Nun wollen sie ihre Unabhängigkeit, Freiheit, Demokratie nach Jahren der Unterdrückung und Rechtlosigkeit mit Entschlossenheit verteidigen.

"Große Gebiete befreit"

"SDF-Einheiten haben große Gebiete von der Terrororganisationen IS und der Al-Nusra-Front befreit", sagt Kommendeur Safgan Kobani. "Wir haben die Region stabilisiert, sind sehr gut vorbereitet, um jeden Feind zurückzuschlagen." Das geht an die Adresse der Türkei. Mit seiner "Operation Olivenzweig" will Präsident Recep Tayyip Erdogan die kurdischen Milizen aus der Grenzregion vertreiben, am liebsten von der westlichen Enklave Afrin bis 100 Kilometer weiter östlich in Manbidsch.

Offiziersanwärter der SDF-Streitkräfte in Syrien (Foto: Daniel Hechler)
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Ausbildung im Schnelldurchlauf - Offiziersanwärter der SDF-Streitkräfte in Syrien

Er hält die kurdischen Kämpfer für Terroristen, Verbündete der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. "Wie kann man ein Land von seinen eigenen Leuten befreien?", fragt Hadsch Mohammed über diese Pläne entrüstet. "Er will sie von den Leuten befreien, die es von ISIS befreit haben. Tausende Kämpfer verloren ihr Leben, um dieses Land zu verteidigen? Das Wenigste, was wir tun können, ist es, das Blut unserer Märtyrer zu verteidigen."

Jeden Morgen um fünf beginnt ihr Tag mit einem Appell auf dem Kasernenhof in eben diesem Tenor: "Wir sind mit unseren Märtyrern, ihrem Blut, ihrem Geist" rufen sie im Gedenken an alle Gefallenen. Nach dem Frühsport und Frühstück steht Theorie auf dem Programm. Der Kommandeur erklärt, wie Minen entdeckt und entschärft werden können. In Rakka haben sie zahllose Menschenleben gekostet. Erst wenn auch der letzte Sprengkörper entschärft ist, kehrt Leben in die einstige IS-Hochburg zurück, ist das Kapitel der Terrormiliz dort endgültig geschlossen.

Drei Monate bis zum Befehlshaber

Es ist eine Ausbildung im Schnelldurchlauf. Drei Monate müssen reichen, um als Befehlshaber an die Front zu gehen. Die Zeit drängt. In Afrin wird jeder Kämpfer gebraucht. Was aber können die Milizen einer hochgerüsteten Armee entgegenstellen? Ausgerechnet die USA, NATO-Partner der Türkei, rüstet die Kurdenmilizen mit modernen Waffen aus, trainiert sie, hilft beim Aufbau einer schlagkräftigen Truppe. Dafür sind hier viele dankbar.

"Die internationale Koalition unter Führung der USA hilft allen Menschen, die unter Angriffen von Terroristen oder radikalen Gruppierungen leiden, lange Zeit unterdrückt wurden", sagt Nabil Feisal Murad. "Sie helfen beim Training, beraten uns, liefern Waffen." Die US-Truppen zu drehen, ist verboten. Sie haben kein Interesse an einer weiteren Eskalation mit dem NATO-Partner Türkei.

Ausgerechnet in Manbidsch aber könnte es zu einer Konfrontation der beiden Großmächte kommen. Dort sind Spezialkräfte der USA stationiert und lassen derzeit nicht erkennen, vor Erdogans Truppen weichen zu wollen. Es fehlt nicht viel und die Situation im Norden Syriens gerät außer Kontrolle. Karge Kost am Abend. Wässrige Suppe und Brot um 18 Uhr nach einem anstrengenden Tag. Die Soldaten schlingen das Essen hastig herunter. Es ist eine bunte Truppe unterschiedlichen Alters, Religionszugehörigkeit und Herkunft. Die Entschlossenheit, ihr Land nicht kampflos aufzugeben, schweißt sie aber zusammen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 18. Februar 2018 um 22:45 Uhr.

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