Syrische Flüchtlinge im Libanon | Bildquelle: dpa

Nach mehr als vier Jahren Krieg in Syrien Die gestohlene Kindheit

Stand: 26.12.2015 06:40 Uhr

Mehr als eine Million syrische Flüchtlinge haben im Nachbarland Libanon Zuflucht gesucht, so wie Bilal und seine Familie. Bilal ist 13. Zur Schule kann er nicht, er muss arbeiten, um die Familie zu unterstützen.

Von Volker Schwenck, ARD-Studio Kairo

Es ist Bilals letzter Arbeitstag. Aber wirklich zerknirscht scheint er nicht. Bilal lächelt viel, die großen Augen strahlen, er hat runde Pausbacken und unser libanesischer Producer zwickt ihn dauernd zärtlich da hinein. Bilal ist 13 und ein syrischer Flüchtlingsjunge.

Syrien: Bilal / Schwenck
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Volker Schwenck hat den Flüchtlingsjungen Bilal in Beirut getroffen.

Er würde gerne zur Schule gehen hier im libanesischen Beirut. Später mal wolle er Doktor werden oder Beamter oder irgendwie so etwas, sagt Bilal. Aber er geht nicht zur Schule, keines der Kinder in seiner Familie. Die zehnjährige Schwester kann deshalb noch immer nicht schreiben. Die beiden 15-jährigen Brüder arbeiten schon seit Jahren. Also keine Schule für Bilal. Er lächelt und schaut ein bisschen verträumt.

Backen, um die Familie zu ernähren

Vier Monate lang ging Bilal jeden Morgen um halb sieben zum Arbeiten in einen Imbiss in einem der christlichen Viertel Beiruts. Er ist Sunnit, Moslem, aber das spielt keine Rolle hier. Im Verkaufsraum steht ein mit Gas beheizter Backofen, da werden dünne Hefeteigfladen hineingeschoben, mal Käse drauf, mal eine Kräutermischung: Manouche Jibne (mit Käse) oder Zaatar (mit Kräutern und Sesam) heißen sie auf Arabisch.

Der syrische Junge Bilal bei seiner Arbeit als Bäcker in Beirut
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Bilal ist 13 - und hat als Bäcker gearbeitet, um Geld für die Familie zu verdienen.

Bilal ist gerade so groß, dass er in den Ofen hineingucken kann, wenn er einen der Fladen auf einem langen Brett hineinschiebt. Dann schaut er immer wieder prüfend, ob der Brotteig schon durch ist, aber nicht zu trocken. Auch Kaffee gibt es in dem Laden, auch den im arabischen Raum leider unausweichlichen löslichen Kaffee und Kaltgetränke. Bilal kassiert, knetet Teig, bestreicht die Fladen, liefert Bestellungen aus. Dafür bekommt er umgerechnet 30 Euro pro Woche, wenn es gut läuft, nochmal so viel an Trinkgeld.

Schulbildung ist zu teuer

Bis jetzt eben. Denn Richie wird Bilal nicht weiter beschäftigen. Der Junge war unzuverlässig in der letzten Zeit, mal kam er, mal kam er nicht. Disziplin muss er schon lernen, meint Richie. Er habe Bilal gesagt, er solle besser in die Schule gehen und nicht arbeiten. Aber Bilals Familie könne sich die Schule nicht leisten, arbeiten müsse er also sowieso, da könne er auch gleich etwas Praktisches lernen, mit dem er später etwas anfangen könne, meint Richie.

Kinderarbeit ist schlecht. Weil Kinder lernen sollen, für später, für ihre Zukunft. Nur hat Bilal keine Zukunft, zumindest derzeit nicht. Seit vier Jahren lebt er mit seinen Eltern und den vier Geschwistern im Libanon. Syrische Flüchtlinge dürfen offiziell nicht arbeiten im Libanon. Also verdingt sich der Vater als Tagelöhner in Autowerkstätten der Gegend.

Die Brüder des syrischen Flüchtlingsjungen Bilal bei der Arbeit in einer Autowerkstatt in Beirut
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Auch Bilals 15-jährige Brüder arbeiten bereits seit Jahren.

Konkurrenz um Hungerlöhne

Manchmal ist Kinderarbeit notwendig, weil die Kinder mit dazu beitragen, dass Essen auf den Tisch kommt. Darum passt auch Richie nicht in das Klischee des Ausbeuters, der Kinder billig für sich arbeiten lässt. Er mag den Jungen, ist nett zu ihm und unterstützt auf seine Art die Familie - natürlich hat er auch einen Nutzen dabei. Deshalb versteht er nicht, dass Bilal sich nicht um den Job bemühen will. Aber der Junge ist 13 - manchmal merkt man eben doch, dass man es mit einem Kind zu tun hat.

Kinderarbeit ist ein weit verbreitetes Phänomen unter syrischen Flüchtlingsfamilien im Libanon, in Jordanien, in der Türkei. Abgesehen von den Reichen, leben Syrer im Exil überall unter schwierigen Bedingungen. Es ist außerordentlich schwer, eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. So konkurrieren Syrer um Hungerlöhne auf einem grauen Arbeitsmarkt, auf dem es keine Regeln, aber ein riesiges Angebot an Arbeitskräften gibt. Die Kinder kommen noch dazu. Sie verkaufen Süßigkeiten auf der Straße, arbeiten auf dem Feld, putzen Schuhe oder betteln. Und ihre Zahl nimmt zu.

Keine Hoffnung auf baldige Rückkehr in die Heimat

Im Libanon müssen 70 Prozent der Flüchtlinge mit weniger als 3,50 Euro pro Tag auskommen - das ist die nationale Armutsgrenze. Weil Ersparnisse aufgebraucht und Wertgegenstände in der Regel längst versilbert sind, geht es für viele Familien immer tiefer in die Armut. So leben sie zwar in Sicherheit, aber ohne Hoffnung, dass sich ihr Leben im Exil irgendwie zum Positiven verändert.

In Syrien selbst sieht es nicht so aus, als würde in absehbarer Zeit eine Rückkehr für die mehr als vier Millionen Flüchtlinge möglich, die ihre Heimat seit Ausbruch des Bürgerkrieges verlassen haben. Der Kriegseintritt Russlands an der Seite Assads hat neue Flüchtlingsströme ausgelöst. Die Menschen fliehen vor der Terrormiliz IS, vor allem aber vor den Kämpfen zwischen dem Regime und der bewaffneten Opposition.

Mit 22 Menschen in einer Wohnung

Es ist bedrückend, wenn man Bilals Familie in Beirut besucht. Sie wohnen mit zwei anderen Familien, insgesamt 22 Menschen, in einer Wohnung, die nur das Allernötigste bietet: ein Dach über dem Kopf, fließend Wasser, Strom und Fenster mit Scheiben. 900 Dollar Miete. Die Not der Syrer beschert manchen Libanesen gute Einnahmen. Selbst die elenden Hütten, aus alten Werbeplakaten und Holzresten zusammengezimmert, in denen die Flüchtlinge in der Bekaa-Ebene auf  festgestampftem Ackerboden schlafen, sind nicht umsonst. 100 Dollar Pacht für den Boden müssen die Flüchtlinge in der Regel zahlen -plus Strom, Wasser, Essen.

Syrien: Bilal und Familie
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Bilal lebt mit seiner und einer weiteren Familie in einer einfachen Wohnung: ein Dach über dem Kopf für 22 Menschen.

Wer will es den Menschen verdenken, dass sie sich auf den Weg machen nach Europa, einfach irgendwo hin, wo es vielleicht besser ist. Viele Syrer sind schon in Deutschland angekommen und erzählen Wunderbares: Eine Wohnung bekomme man, Geld für Essen, irgendwann eine Arbeit. Alles sei so sauber. Von den Schwierigkeiten wird selten berichtet - man will den Zurückgebliebenen nicht die Hoffnung nehmen.

Eine junge Frau mit von der Arbeit harten Händen, die wir in einem der vielen wilden Camps im Bekaa-Tal treffen, hat von ihrem Mann gehört, dass er sie bald nachholen werde. Doch schon zwei Monate ist sie mit den sechs Kindern allein. Es sei manchmal schon schwer, sagt sie, sie müsse den Kindern Mutter und Vater sein. Aber irgendwann werde es wohl besser, hoffentlich.

Kinderlachen, das berührt

Am späten Nachmittag wird es im Camp plötzlich laut: Die Kinder kommen von der Arbeit auf den Feldern zurück. Manche haben Plastiksäcke mit Kartoffeln auf dem Rücken. Sie lachen, springen fröhlich zwischen den Hütten herum. Sie sind vielleicht zwölf, dreizehn Jahre alt. Kinder können in den schwierigsten Situationen immer noch lachen und spielen. Das gehört zu den bewegendsten Erfahrungen, wenn man viel in Krisenregionen unterwegs ist.

Eine Frau erzählt von ihrem neunjährigen Sohn, der  mit den beiden Schwestern, zwölf und 14, mit aufs Feld geht. Er wolle auch Geld verdienen. Schnell hören Kinder manchmal auf, Kinder zu sein. Sie sind dann junge traurige Erwachsene - wie Imad. Der 14-Jährige ist Bilals Cousin und arbeitet schon seit vier Jahren, derzeit in einer Autowerkstatt. "Was soll ich machen", fragt er. "Jeden Morgen stehe ich auf, gehe zur Arbeit, abends waschen, essen, schlafen, das war es. In Syrien hatte ich Freunde, hier habe ich die Arbeit und meine Familie." Er lächelt traurig und schaut kurz auf seine schwarzen Hände. Nein, glücklich sei er nicht. Es schmerzt zu sehen, wie diesen Kindern die Zukunft gestohlen wird.

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