Zerstörte Häuser in Rakka | Bildquelle: AFP

Syrien Kein Frieden - auch ohne IS

Stand: 23.10.2017 16:56 Uhr

In Syrien steht der IS vor dem Ende, das Land aber längst nicht vor der Befriedung. Die Regional- und Weltmächte kämpfen um die Vorherrschaft ebenso Rebellen und Dschihadisten. Verbliebene IS-Kämpfer könnten weiter Terror verbreiten.

Von Volker Schwenck, ARD-Studio Kairo

Russland vergleicht die Angriffe der US-geführten Anti-IS-Koalition auf das syrische Rakka mit den alliierten Bombenangriffen auf Dresden während des Zweiten Weltkriegs. Rakka sei von der Koalition "dem Erdboden gleichgemacht" worden, so das russische Verteidigungsministerium. Es seien "Tausende friedliche Zivilisten in den Ruinen Rakkas begraben."

Dresden war 1945 eine Trümmerwüste. Rakka 2017 ist es auch. Aber da enden die Gemeinsamkeiten. Von einem Flächenbombardement der US-Koalition wie bei den alliierten Angriffen auf Dresden im Februar 1945 kann in Rakka auch beim schlechtesten Willen keine Rede sein.

In Dresden kamen wahrscheinlich mehr als siebzehn Mal so viele Zivilisten ums Leben wie in der einstigen syrischen IS-Hochburg. Und auch das stimmt nur, wenn man die durchaus umstrittenen Opferzahlen von mindestens 1300 getöteten Zivilisten akzeptiert, die von der Organisation "Airwars" veröffentlicht wurden. 80 Prozent Rakkas seien heute unbewohnbar, so die Vereinten Nationen. In der Vergangenheit - wie etwa in Kobane - erwiesen sich solche anfängliche Schätzungen später oft als deutlich zu hoch.

Eine Frau schaut aus einem Auto auf die Trümmer in Rakka | Bildquelle: AFP
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Russland wirft den USA vor, an den schweren Zerstörungen in Rakka schuld zu sein.

Russland sucht moralischen Sieg

Es geht nicht darum, die Folgen des unbarmherzigen Kampfes gegen die Verbrecher vom IS kleinzureden. Aber der russische Vergleich hinkt ganz gewaltig. Er ist zugleich eine Vorahnung dessen, was der Region bevorsteht, wenn der "Islamische Staat" (IS) demnächst wirklich am Boden liegt. Es dürfte kaum ruhiger dort werden, wahrscheinlich auch nicht wesentlich sicherer.

Russland hat die USA - und mit ihnen den ganzen Westen - in Syrien in eine verzweifelte Lage manövriert. Dem robusten russischen Eingreifen steht eine plan- und ideenlose, und fast ausschließlich militärisch diktierte US-Politik gegenüber.

Jetzt strebt Russland nach einem moralischen Sieg über die US-Koalition. Dabei wurde Russland selbst etwa von den "Ärzten ohne Grenzen" wiederholt wegen Bombenangriffen auf Krankenhäuser in Rebellengebieten gescholten.

IS-Terroristen töteten vor Vertreibung zahlreiche Zivilisten

Nach der Rückeroberung der syrischen Stadt Al-Karjatain von der Terrormiliz "Islamischer Staat" sind dort nach Angaben von Beobachtern Leichen von mindestens 67 Zivilisten gefunden worden. Viele seien vom IS getötet worden, sagten Aktivisten. Die Zahl der Getöteten in Al-Karjatain in der Provinz Homs werde wahrscheinlich noch steigen.

Das von Aktivisten betriebene Palmyra Koordinierungskomitee veröffentlichte die Namen von 67 getöteten Zivilisten und erklärte, mindestens 35 der Opfer seien erschossen und in einen Schacht geworfen worden. Es seien auf den Straßen der Stadt auch Überreste von anderen Menschen gefunden worden, die offenbar verdächtigt worden seien, mit dem IS zusammenzuarbeiten und von regierungsnahen Kräften erschossen worden seien.

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in London teilte mit, sie habe die Tötungen von mindestens 128 Menschen in Al-Karjatain während der letzten Tage der IS-Besetzung der Stadt dokumentiert. Was dort passiert sei, komme einem Massaker gleich, sagte der Chef der Beobachtungsstelle, Rami Abdurrahman.

Konkurrenz um politische Vormacht in Nahost

Es ist ein schlechter Moment aus westlicher Sicht, denn die USA drohen gerade ihren besten syrischen Verbündeten, die Kurden und deren "Syrian Democratic Forces" (SDF), zu verlieren.

Russland, der Iran und Assad sollen bereits mit den syrischen Kurden über die Zukunft der selbstverwalteten Kurdengebiete von Rojava verhandeln. Russland und den USA geht es um die politische Vormacht im Nahen Osten.

Kurdische Kämpfer fahren mit einem Auto durch Rakka | Bildquelle: AFP
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Kurdische Kämpfer in Rakka. Die USA könnten die Kurden als Verbündete verlieren.

Längst überlagern innere und äußere Konflikte den gemeinsamen Kampf gegen den IS: Russland gegen die USA und die westliche Koalition, Saudi-Arabien gegen den Erzrivalen Iran, die Türkei gegen die Kurden, Israel gegen die Hisbollah und den Iran, die nach mehr Autonomie strebenden Kurden gegen die jeweiligen Zentralregierungen.

Regionale Konflikte flammen wieder auf

Dann gibt es noch Al Kaida, radikale Dschihadisten und die Reste der halbwegs gemäßigten Opposition. Ist der Kampf gegen den IS vorüber und der gemeinsam Feind verschwunden, werden die Konflikte dieser so sehr verschiedenen Kräfte wieder vermehrt zum Tragen kommen.

Die Spannungen zwischen den irakischen Kurden und der Zentralregierung in Bagdad sind ein Vorgeschmack. In Syrien ist eine Aussöhnung zwischen Assad und den Kurden beileibe nicht garantiert: Jahrzehntelang unterdrückte und benachteiligte die Assad-Familie die Kurden. Jetzt sollen sie plötzlich einer autonomen Kurdenregion in einem zu schaffenden föderalen Syrien zustimmen?

Die Türkei droht ohnehin schon lange, sie werden keinen wie auch immer gearteten Kurdenstaat südlich ihrer Grenzen akzeptieren. In der Provinz Idlib bringt sich türkisches Militär für den künftigen Kampf mit den syrischen Kurden in Stellung - und lässt seine Armeefahrzeuge von Al-Kaida nahe stehenden Gruppen eskortieren.

Ein Mann zündet eine Flagge des IS an | Bildquelle: AP
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Die verbliebenen IS-Kämpfer ziehen sich in das Grenzgebiet zum Irak zurück.

Die Terrorgefahr bleibt

Aber noch ist ja der IS nicht vollständig zerschlagen. Sicher, sein sogenanntes Kalifat liegt in Scherben. Das Vorzeigeprojekt der Dschihadisten, der eigene "Islamische Staat" ist Geschichte. Nach dem Fall von Rakka wird der IS demnächst Deir Ezzor verlieren, dann bleibt IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi und seinen Helfern nur noch das Abtauchen in der kaum besiedelten Gegend im syrisch-irakischen Grenzgebiet.

Dort können sie jahrelang ausharren und auf für sie bessere Zeiten hoffen. So lange der Nahe und Mittlere Osten nicht zur Ruhe kommt, so lange die Region von inneren Konflikten zerrissen wird und Regional- und Weltmächte dort vor allem ihre eigenen Interessen im Auge haben, wird die Terrorgefahr weiter bestehen, für die Menschen in Syrien und im Irak, in Europa und anderswo.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. Oktober 2017 um 15:00 Uhr. Am 23. Oktober 2017 berichtete Deutschlandfunk um 13:00 und 14:00 Uhr in den Nachrichten.

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