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Unsichtbarer Feind - Erreger aus Pharmafabriken

Ausgerechnet die Pharmaindustrie trägt offenbar dazu bei, dass sich gefährliche Erreger global ausbreiten. Weil viele Antibiotika gegen sie nicht wirken, sterben Menschen an Krankheiten, die längst als besiegt galten. Das decken NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" auf.

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Unsichtbare Bedrohung

Gefährlicher Keim

Ein Keim, eine Blutvergiftung und kein Antibiotikum hilft. Seit zwei Monaten liegt Davut Aslanoglu in der Berliner Charité. Bei dem 56-Jährigen wurden extrem resistente Bakterien gefunden. Nach der Blutvergiftung haben die Erreger auch noch eine Lungenentzündung ausgelöst. Keines der gängigen Antibiotika wirkt. Seine Familie bangt um ihn. Eine Hoffnung gibt es noch: Ein neues Medikament, frisch auf dem Markt, könnte helfen. Könnte.

Diese Art von Bakterien, die Aslanoglus Erkrankung ausgelöst haben, gab es vor zehn Jahren in Deutschland kaum. Mittlerweile sind es Tausende Fälle.

Unsichtbare Bedrohung

Antibiotika versagen

Denn die multiresistenten Keime bedrohen die moderne Medizin und ihre Patienten. Immer häufiger versagen Antibiotika. Krankheiten, die dank ihrer Hilfe lange als besiegt galten, auch einfache Entzündungen oder kleine Wunden, können durch die neuartigen Erreger lebensgefährlich werden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt: Antibiotika-Resistenzen sind eine der größten globalen Gesundheitsgefahren. Weltweit sterben bereits Hunderttausende.

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Unsichtbare Bedrohung

"Das ist eine Bedrohung für uns"

Maria Deja, Ärztin an der Berliner Charité, beobachtet eine Zunahme der multiresistenten Erreger und damit auch der Infektionen.

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Der Verdacht

Auf der Spur des Supererregers

Woher kommen diese hochgefährlichen Keime? Bislang galten der falsche Einsatz von Antibiotika und Überkonsum als alleinige Ursache für die Entstehung von multiresistenten Keimen. Doch es gibt wohl einen weiteren Grund. Recherchen von NDR, WDR und "SZ" zeigen: Die Medikamentenhersteller tragen offenbar dazu bei, dass ihre eigenen Mittel immer häufiger versagen. Und zwar dort, wo die Pharmaindustrie einen Großteil der Medikamente herstellen lässt: in Indien.

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Der Verdacht

Billige Entsorgung

Der Verdacht: Die Fabriken kippen Abwässer und Reste ihrer Antibiotika-Produktion einfach in die Umwelt. Sie wollen womöglich das Geld für die teure Entsorgung sparen. Eine gefährliche Kettenreaktion beginnt.

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Der Verdacht

Bakterien wappnen sich

Denn landen Antibiotika in Gewässern, treffen sie auf Bakterien. Die Kleinstlebewesen sind überall und ausgesprochen anpassungsfähig. Sobald sie mit Antibiotika in Kontakt kommen, entwickeln manche von ihnen Abwehrmechanismen. Diese Resistenz-Eigenschaften können sie dann auch an andere Bakterien weitergeben. Die Erreger teilen und vermehren sich ständig. Aus einem können innerhalb eines halben Tages mehr als eine Milliarde werden. Über die Umwelt, das Wasser oder die Nahrung übertragen sich die Bakterien auf Menschen und Tiere.

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In der "Gesundheits-Hauptstadt"

Reise in die Pharmametropole

Reporter des NDR reisten an den Ursprungsort vieler Antibiotika: nach Hyderabad in Indien. An den Ort, der auch Indiens "Health-Capital" genannt wird, Indiens "Gesundheits-Hauptstadt". Hier produzieren Hunderte Firmen Medikamente für die ganze Welt. Der Standort wirbt in einem großspurigen Video für sich mit dem Slogan: "Minimale Kontrolle - Maximale Förderung".

Werbevideo: Hyderabad Pharma City

In der "Gesundheits-Hauptstadt"

Proben sollen Klarheit bringen

Gemeinsam mit dem Infektionsmediziner Christoph Lübbert nahmen die Journalisten Gewässerproben, um sie auf Antibiotika sowie multiresistente Keime prüfen zu lassen. Der Arzt von der Uniklinik Leipzig unterstützte die Recherchen wissenschaftlich.

Hier wurden die Proben genommen:

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In der "Gesundheits-Hauptstadt"

Was steckt im Wasser?

Das Team musste nicht lange nach verdächtigen Gewässern suchen. Offenbar gelangen in Hyderabad große Mengen an Chemikalien in die Umwelt. Schaum wabert auf dem zentralen Fluss Musi, es stinkt nach Fäulnis, Kot und Chemie.

In der "Gesundheits-Hauptstadt"

Die Frage ist: Sind in diesem Wasser auch Antibiotika zu finden sowie die Bakterien, die gegen die Mittel resistent sind? Falls ja, wäre es eine Katastrophe. Denn über den Fluss verbreiten sie sich weiter und können Millionen Menschen infizieren.

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In der "Gesundheits-Hauptstadt"

"Einfach in den See gekippt"

Infektionsmediziner Lübbert ist geschockt über das Ausmaß der Verschmutzung. Es scheint, als ob tatsächlich Abwässer aus der Medikamentenproduktion in der Umwelt entsorgt werden.

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Die Verantwortung der Pharma-Firmen

Hyderabad versorgt auch Deutschland

Nach den Recherchen von NDR, WDR und "SZ" beziehen fast alle großen Pharmahersteller Wirkstoffe aus Fabriken in Hyderabad - darunter auch Ratiopharm, Hexal und STADA. Damit stammen auch viele Medikamente, die in deutschen Apotheken verkauft werden, aus indischen Fabriken. Es weiß nur niemand.

Die Verantwortung der Pharma-Firmen

Problem: Intransparenz

Denn die Lieferketten sind für Ärzte, Apotheker und Patienten vollkommen intransparent. In der Packungsbeilage wird als Hersteller oft nur die Firma angegeben, wo das fertige Medikament am Schluss kontrolliert wird. "Made in Germany" heißt es dann, obwohl die Pillen beispielsweise in Hyderabad gefertigt wurden.

Die Untersuchungsergebnisse

Verseuchte Lebensader

Einige Wochen nach der Probenentnahme liegen die Ergebnisse vor. Sie erhärten den Verdacht: In sämtlichen Wasserproben aus dem Stadtgebiet von Hyderabad sind resistente Bakterien zu finden.

Die Analyse in Zahlen:

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Die Untersuchungsergebnisse

Belastet mit Medikamenten

Auch Antibiotika-Reste sind im Wasser. Die Wissenschaftler können neun Mittel nachweisen - teilweise in extrem hoher Konzentration. Beim Antibiotikum Moxifloxacin übersteigt ein Messwert 5.500 Mal die Grenze, ab der sich Resistenzen entwickeln. Knapp 700 Mikrogramm pro Liter wurden gefunden. Das Umweltbundesamt spricht bereits bei Konzentrationen von 0,1 bis 1 Mikrogramm pro Liter von einer deutlichen Verschmutzung. Die Probe wurde aus einem Kanal vor einer Moxifloxacin-Fabrik genommen.

Die Analyse in Zahlen:

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Die Untersuchungsergebnisse

"Die Zeitbombe tickt"

Der renommierte Arzneimittelexperte Fritz Sörgel (IBMP) hat die Auswertungen geleitet und fordert Maßnahmen.

Die Untersuchungsergebnisse

Pharma-Abwasser in der Umwelt

Damit zeigen die Ergebnisse der Untersuchungen: Viele Gewässer in Hyderabad sind verseucht mit Antibiotika und multiresistenten Keimen. Bei den hohen Mengen deutet alles darauf hin, dass die Pharmafabriken vor Ort verantwortlich sind. Sie leiten offenbar Abwasser in die Umwelt - möglicherweise, um die hohen Kosten für die aufwändige Aufbereitung zu sparen.

Globale Katastrophe

Mangelhafte Kontrollen

Viele der Firmen in Hyderabad exportieren auch in die EU. Deshalb kommen regelmäßig Kontrolleure von deutschen Gesundheitsbehörden in die Werke, etwa aus Hamburg, Darmstadt oder Bayreuth. Aber sie kontrollieren nur, was innerhalb des Fabrikgeländes passiert - ob die Mittel ordentlich hergestellt werden. Was außerhalb passiert, spielt dabei keine Rolle. Die EU-Kontrolleure dürfen Umwelt- und Abwasserfragen gar nicht überprüfen. Es gebe dafür keine Rechtsgrundlage, erklärt die Hamburger Gesundheitsbehörde.

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Globale Katastrophe

Lappalien heilen nicht

Die Auswirkungen zeigen sich direkt vor Ort: In der indischen Metropole leiden viele Menschen an Infektionen, die durch multiresistente Erreger ausgelöst wurden. In den Krankenhäusern liegen Patienten, bei denen selbst einfache Wunden, Verletzungen oder Operationen das Leben gefährden, weil Entzündungen nicht mehr mit Antibiotika behandelt werden können. Klinikärzte vermuten einen Zusammenhang mit der Industrie.                              

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Globale Katastrophe

Von Indien in die Welt

Doch diese gefährlichen Erreger sind nicht nur ein lokales sondern ein globales Problem. Die Resistenzen werden weitergetragen, zum Beispiel über Waren, Flugvögel, Lebensmittel oder Touristen. Aktuelle Studien zeigen: Bis zu 90 Prozent aller Indien-Reisenden kehren mit multi-resistenten Keimen zurück, die sie vorher nicht hatten. Gesunde Menschen merken davon meist nichts. Aber sie können auch auf andere übertragen werden. Und wenn sie auf Kranke treffen oder etwa bei einer Operation in eine Wunde gelangen, wird es gefährlich.

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Die Reaktionen

 Wer trägt die Verantwortung?

Die indischen Hersteller zweifeln die Untersuchungsergebnisse an und bestreiten eine Verantwortung. Die Firmen in Hyderabad legten viel Wert auf Umweltschutz bei ihrer Produktion, erklärt der Verbandschef der exportierenden Pharmaunternehmen Madan Mohan Reddy.

Nach dem Besuch des Rechercheteams in Hyderabad hat ein indischer Pharma-Verband offenbar reagiert und bei einem Wissenschaftler der Uni Hyderabad eine Studie in Auftrag gegeben. Demnach gibt es einige Kilometer vom Industriegebiet entfernt genauso viele resistente Bakterien wie direkt an den Pharma-Fabriken. Das berichten indische Medien. Allerdings hat der Forscher offenbar nicht nach Antibiotika in der Umwelt gesucht. Die endgültigen Ergebnisse sollen erst in ein bis zwei Jahren veröffentlicht werden.

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Die Reaktionen

Ausweichende Antworten

Die deutschen Pharma-Firmen stimmen alle zu: Multi-resistente Keime seien ein ernstes Problem. Aber bei Fragen nach der Verantwortung weichen sie aus. STADA, Ratiopharm und andere bestätigten, Antibiotika aus Hyderbad zu beziehen. Die Zulieferer hätten sich aber strenge Standards und Kontrollen auferlegt, beteuern die deutschen Firmen.

Hexal teilt mit, sie seien die einzigen, die einen Großteil ihrer Antibiotika noch in Europa produzierten. Für alle Mittel würden die gleichen Standards gelten, egal wo sie hergestellt werden.

Der Verband Pro Generika vertritt fast alle großen Antibiotika-Hersteller in Deutschland. Er schreibt, die Generika-Unternehmen hätten eine Richtlinie zur abwasserfreien Produktion umgesetzt, um sicherzustellen, dass in der Region Hyderabad keine Flüssigabfälle das Gelände verlassen. Die Einhaltung werde durch lokale Behörden überwacht. Wann und wie die Fabriken genau kontrolliert werden, ist jedoch unklar. Die indische Behörde antwortete auf entsprechende Fragen nicht.

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Die Reaktionen

Gespräche statt Gesetze

Die Bundesregierung hat die Gefahr durch multiresistene Erreger durchaus erkannt. Gesundheitsminister Hermann Gröhe warnt im ARD-Interview vor einer "schleichenden Katastrophe" für die globale Gesundheit. Deshalb habe die Bundesregierung auch darauf gedrängt, das Thema zu einem Schwerpunkt des G20-Gipfels im Juli in Hamburg zu machen. Bei der Abwasserfrage sieht er die Hauptverantwortung jedoch in den jeweiligen Ländern wie Indien oder China. Sie müssten für "klare Industrie- und Umweltvorschriften" sorgen.

Die Reaktionen

Die Gefahr bleibt

Während Gesundheitsminister Gröhe auf freiwillige Einsicht hofft, lassen die Pharmahersteller weiter billig in Indien produzieren und tragen so offenbar dazu bei, dass Supererreger entstehen.

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Die Reaktionen

Auf dem Weg der Besserung?

Davut Aslanoglu in der Berliner Charité geht es zwei Wochen nach dem ersten Besuch etwas besser. Das neue Antibiotikum wirkt. Er ist zwar wach und kann ein wenig sprechen, aber noch immer ist er auf eine Lungenmaschine angewiesen. Und die Ärzte warnen: Über den Berg ist er nicht, jeder neue Infekt kann extrem gefährlich werden.

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Die Beteiligten und weitere Infos

Impressum

Autoren: Christian Baars, Judith Pape

Redaktion: Britta von der Heide

Kamera: Tilo Gummel, Eike Nerling

Grafik: Fritz Gnad und Johannes Guerreiro

Weitere Infos:

English Version

Artikel in "The Journal Infection"

Stellungnahmen der Pharma-Unternehmen

FAQ: Was sind multi-resistente Erreger?

Antibiotika-Resistenzen - Die Globale Gefahr

Die komplette Dokumentation "Der unsichtbare Feind - Tödliche Supererreger aus Pharmafabriken" sehen Sie hier.

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