Ein Verkehrspolizist trägt eine Atemschutzmaske. | Bildquelle: dpa

Smoghauptstadt Neu-Delhi Die wohl schlechteste Luft der Welt

Stand: 01.01.2016 15:06 Uhr

In Neu-Delhi herrscht Smog. Die indische Hauptstadt ist Spitzenreiter, übertrifft oft sogar Chinas Metropole Peking. Um die Luft zu verbessern, hat die Regierung in Neu Delhi nun Fahrverbote verhängt.

Von Jürgen Webermann, ARD-Studio Neu-Delhi

Anand Vihar heißt eigentlich frei übersetzt Glücksort. Aber der Stadtteil am äußersten Osten von Neu-Delhi hat mit Glück nur noch wenig zu tun. Zwischen einer sechsspurigen Straße, einem Slum und einem Industriegebiet liegen die Station der Vorortzüge und ein riesiger Busbahnhof. Die Zufahrt zum Vorplatz ist nicht geteert und staubig. Am Rand des Platzes, etwas abseits gelegen, gibt es eine Luftmess-Station. Der Feinstaubwert beträgt an diesem Nachmittag 642, Kategorie: "gefährlich".

Farooq Khan, Tee-Händler in Neu-Delhi. | Bildquelle: Jürgen Webermann, Neu-Delhi
galerie

Farooq Khan verkauft Tee an der Bahn-Station. Er klagt über Husten. Einen besseren Ort zum Verkaufen hat er aber nicht gefunden, weil viele Menschen von und nach Anand Vihar pendeln.

Farooq Khan nippt an seinem Tee, als er zur Anzeigetafel schaut: "Sie sollten die Tafel wirklich am Eingang des Bahnhofs platzieren. So vergessen die Leute doch gleich wieder, wie schlecht die Luft ist." Farooq Khan hat einen kleinen Teestand vor dem Bahnhof. Woanders hat er in der Gegend keinen lukrativen Platz ergattern können. Seine Familie wohnt sieben Kilometer entfernt, dort ist die Luft etwas besser: "Aber Anand Vihar ist echt eine Gefahrenzone. Staub, Verkehr, die ganzen Fabriken, auf beiden Seiten. Das macht mich fertig. Ständig huste ich."

Weltweit schlechteste Feinstaub-Werte

Neu-Delhi gilt als die am schlimmsten verschmutzte Stadt weltweit, zumindest unter den 1600 Städten, in denen der Smog gemessen wird. Aber der Stadtteil Anand Vihar ist selbst für Delhis Verhältnisse extrem betroffen. Die Grenzwerte der Weltgesundheitsorganisation wurden hier im Dezember mehrfach um das 30-fache überschritten. Ein Alarmsystem wie in Peking gibt es aber nicht.

Obwohl die Smogwerte in Neu-Delhi derzeit jeden Tag die Kategorie "gefährlich" erreichen, musste noch kein Industriegebiet in Anand Vihar die Arbeit einstellen. Nur wenige Kilometer entfernt thront ein riesiger Müllberg neben den Häusern. Dort brennt regelmäßig Plastik in rauen Mengen. Zahlreiche Lkw und Überlandbusse verstopfen täglich die Straßen.

Jooy Barbu und weitere Bewohnerinnen eines Mittelstands-Stadtteils von Neu-Delhi | Bildquelle: Jürgen Webermann, Neu-Delhi
galerie

Jolly Barbu (re.) diskutiert mit Nachbarinnen über den Smog und die geplanten Fahrverbote der Regierung. Sie glaubt nicht, dass diese Verbote durchsetzbar sind.

Einen Kilometer vom S-Bahnhof entfernt ragen grauen Wohnblöcke heraus. Hier wohnt Indiens Mittelklasse. Jolly Barbu ist 48 Jahre alt und Mediendesignerin. Sie sitzt in der trüben Sonne und diskutiert mit Nachbarinnen über die schlechte Luft: "Wir reden über die Pläne der Regierung, die Fahrverbote je nach geraden oder ungeraden Nummern auf den Autokennzeichen einführen will. Ich finde das nicht so praktisch."

Freiwilliges Fahrverbot

Mit dem Jahreswechsel wurden die Fahrverbote eingeführt. Die Regierung von Neu-Delhi setzt auf Freiwilligkeit. Die Polizei hat bereits erklärt, sie könne in den Stoßzeiten den Verkehr kaum überwachen. Aber Autofahrer wie Jolly wollen auf den eigenen Wagen nicht verzichten: "Der öffentliche Nahverkehr ist richtig schlecht hier. Total unzuverlässig. Und überhaupt: Die Mittelklasse ist nicht für den Smog verantwortlich, sondern die Industrie."

Dabei sagt auch Jolly, dass sie seit Monaten hustet, und kein Medikament bisher geholfen habe. Für ihren Widerstand gegen die Fahrverbote erntet sie Zustimmung von den Nachbarinnen. 15 Tage lang will die Regierung die Maßnahmen testen und dann neu entscheiden. Dazu gibt es höhere Gebühren für Lkw, die nachts in die Stadt fahren, und Atem-Masken für die Verkehrspolizei.

Birendra Gupta (re.) fährt Fahrrad-Rikscha in Neu-Delhi | Bildquelle: Jürgen Webermann, Neu-Delhi
galerie

Birendra Gupta (re.) fährt Fahrrad-Rikscha. Dass eine Atemmaske helfen könnte, war ihm bisher nicht bekannt. Das Bewusstsein für die Gefahren des Smogs entwickelt sich in Neu-Delhi nur sehr langsam.

Fahrradrikscha-Fahrer im Feinstaub-Nebel

Birendra Gupta könnte auch eine Maske gebrauchen. Er fährt Fahrrad-Rikscha in Anand Vihar und wartet vor der S-Bahn-Station auf Kunden."Ja, der Job ist hart. Gerade jetzt mit dem ganzen Staub. Aber eine Maske? Was soll das sein? Hab‘ ich hier nie gesehen. Trägt hier auch keiner."

Gupta fragt in die Runde, seine umstehenden Kollegen zucken unwissend mit den Schultern. Neu-Delhi steht, was den Kampf gegen den Smog und das Bewusstsein für die Gefahren angeht, noch ganz am Anfang.

Fahrverbote in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi wegen Smogalarm
J. Webermann, ARD Neu-Delhi
01.01.2016 15:17 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Dieser Beitrag lief am 31. Dezember 2015 um 11:49 Uhr im Deutschlandfunk.

Darstellung: