Ein finnischer Schüler schreibt etwas an die Tafel. | Bildquelle: picture-alliance / Lehtikuva

Schulreform in Finnland Wenn Lernen zum Phänomen wird

Stand: 20.11.2016 09:47 Uhr

"Finnland schafft die Unterrichtsfächer ab" - lautete eine Schlagzeile. Ganz so sei es nicht, betont die Regierung. Doch sie hat eine ambitionierte Schulreform gestartet - den "Phänomen-Unterricht".

Von Carsten Schmiester, ARD-Studio Stockholm

Sie sitzen im Kreis, die Köpfe über Tageszeitungen zusammengesteckt, und diskutieren die Flüchtlingsproblematik. Sind wir überfordert oder "schaffen wir das"? Wie können wir sie integrieren, wo sollen wir sie unterbringen? Sprachunterricht in einer finnischen 7. Klasse. Aber eben nicht nur, es geht auch um eine der drängendsten sozialen Fragen dieser Zeit und um Medien und deren kritische Nutzung.

PBL ist das Zauberwort, "Phenomenon-Based Learning", in Finnland seit Beginn des Schuljahres 2016/17 Pflicht für alle Schüler im Alter zwischen sieben und 16 Jahren. Der "Phänomen-Unterricht" ist eine Ergänzung des bisherigen Lehrplans, darauf hat das Bildungsministerium in einer Pressemitteilung erneut hingewiesen. Die Schlagzeile "Finnland schafft Unterrichtsfächer ab" sei so einfach falsch.

Welches Wissen wird für die Zukunft benötigt?

Aber der fächerübergreifende Unterricht wird deutlich erweitert und mehr auf eine projektorientierte Basis gestellt. Eija Kauppinen von der nationalen Schulentwicklungsbehörde sagt, warum: "Die Welt um uns verändert sich und ich denke, dass diese Veränderungen auch das Leben und das Lernumfeld der Schüler betreffen. Wir müssen also darüber nachdenken, welches Wissen und welche Fähigkeiten sie in Zukunft benötigen."

Phänomene, nicht nur Einzelaspekte

Da zeichnet sich ein Grundkonsens in Finnland ab: Auch wenn niemand über die völlige Abschaffung traditioneller Fächer redet, in einer zunehmend komplexen Welt geht es mehr und mehr darum, Zusammenhänge zu erkennen, Phänomene eben, und nicht nur deren isolierte Einzelaspekte. Beispiele? Themen wie "Europäische Union", "Klimawandel" oder auch - ganz aktuell - "100 Jahre finnische Unabhängigkeit“ werden nach dem "PBL"-Modell künftig interdisziplinär unterrichtet - also in Projekten, die Fächer wie Geschichte, Kunst, Mathematik, Chemie, Physik oder auch Wirtschaft zusammenführen.

Lena Krokfors ist Professorin für Lehrerausbildung. "Natürlich kümmern wir uns weiter um Grundlagenwissen wie in Mathematik", erklärt sie. "Aber wir suchen nach neuen Anwendungen, so dass wir dieses Wissen in ein gutes Gleichgewicht mit dem Wissen aus anderen Bereichen bringen."

Wie wird das benotet?

Klingt kompliziert, sagt im Grunde aber nur, dass man versucht, nötige Kenntnisse aus den einzelnen Fächern auch weiterhin zu vermitteln, dazu aber verstärkt deren Zusammenhänge und Wechselwirkungen. Der "Phänomen-Unterricht" soll nach dem Willen der Planer spätestens in vier Jahren an allen finnischen Schulen angeboten werden. Diese Schulen haben aber große Freiheit in der Gestaltung ihrer Lehrpläne und entscheiden selbst, in welchem Umfang sie künftig auf PBL setzen.

Weltweit wird das Experiment von Bildungsfachleuten aufmerksam beobachtet. Es sei aber nicht so ganz einfach auf andere Schulsysteme übertragbar, sagt Petteri Elo, Experte für Schulreformen. Eine der Kernfragen ist etwa, wie wird dieses neue "weichere", weil komplexere Wissen abgefragt und benotet? "In Ländern mit sehr faktenorientierten Standardtests wird der Phänomen-Unterricht wohl eher nicht funktionieren", glaubt Elo.

Stellt Finnland mit dem "Phänomen-Unterricht" Schule auf den Kopf?
C. Schmiester, ARD Stockholm
20.11.2016 01:27 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. November 2016 um 14:42 Uhr

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