Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un beobachtet den Start einer Rakete | Bildquelle: REUTERS

Nordkoreas Atompolitik Kims Kalkül

Stand: 06.04.2017 02:16 Uhr

Unberechenbar, größenwahnsinnig: Es gibt viele Beschreibungen für Nordkoreas Atompolitik. Doch für Machthaber Kim ist die Atombombe vor allem eine Trumpfkarte, mit der er kühl kalkuliert zockt.

Von Jürgen Hanefeld, ARD-Studio Tokio

Mit Pathos in der Stimme verkündete die bekannte Ansagerin im nordkoreanischen Staatsfernsehen am neunten September des vergangenen Jahres: "Die Wissenschaftler und Techniker unseres Atomwaffeninstituts haben auf dem nördlichen Testgelände eine Atomexplosion ausgelöst, um die Sprengkraft eines nuklearen Gefechtskopfs zu testen, der kürzlich entwickelt und hergestellt wurde."

Dies war der dritte Atomversuch in der gut fünfjährigen Amtszeit des Jungdiktators Kim Jong Un. Dazu kommen etliche Raketentests, Versuche mit neuen Antrieben und Treibstoffen. Dass nicht alles klappt und manche Rakete am Boden detoniert, ist kein Grund zur Häme. Wie der vormalige Außenminister der USA, John Kerry, sagte, ist auch jeder Fehlschlag ein weiterer Schritt nach vorne.

Atommacht - längst kein Wunschdenken mehr

Nordkorea bezeichnet sich seit einer Verfassungsänderung im Jahr 2012 als Atommacht. Inzwischen dürfte dieses Postulat mehr als eine kühne Behauptung sein: Nordkorea ist eine Atommacht - unabhängig von der Frage, wie weit die Bemühungen gediehen sind, nukleare Sprengköpfe treffgenau ins Ziel zu steuern. Aber bei dem derzeitigen Entwicklungstempo, so schätzen Experten, kann es nicht länger als zwei Jahre dauern, bis eine Bombe einsatzbereit ist.

Doch zu welchem Zweck? Einige westliche Politiker und Medien zeichnen Kim Jong Un als durchgeknallten Wüterich, der sich und sein Volk mutwillig aufs Spiel setzt. Doch wer ihm zuhört, gewinnt ein anderes Bild. Auf dem Parteitag im vergangenen Jahr erklärte der 33-jährige Machthaber, er werde die Atomwaffe nur einsetzen, wenn sein Land angegriffen würde. Er sei bereit, mit anderen Atommächten über nukleare Abrüstung zu verhandeln, um eine atomwaffenfreie Welt zu schaffen. 

Das heißt: Kim ist nicht verrückt genug, die USA auslöschen zu wollen. Aber er will auf Augenhöhe verhandeln.

Die Bombe als "Überlebensversicherung"

Amerika verlangt dagegen, Nordkorea müsse als erster der beiden Staaten seine Atompläne aufgeben. Das kann für Kim aber - wenn überhaupt - nur das Ziel von Verhandlungen sein, nicht eine Bedingung. Aus seiner Sicht wäre es töricht, seine Überlebensversicherung zu opfern.

Mit Blick auf das Schicksal der ehemaligen Staatsspitzen des Iraks und Libyens, Saddam Hussein und Muammar al-Gaddafi, weiß Kim: Nur mit Atomwaffen wird er ernst genommen. Nur mit der glaubhaften Drohung, US-Basen in Japan zerstören zu können, hat es für ihn Sinn, Gespräche zu beginnen. Diese Position ist nicht die eines Wahnsinnigen, sondern die eines Realisten.

Das gilt auch für sein Angebot, das Raketenprogramm zu unterbrechen, wenn Südkorea auf die alljährlichen Militärmanöver mit den USA verzichtet. China hat in diesen Tagen denselben Vorschlag ins Spiel gebracht: Um die Lage zu entschärfen, erklärte Außenminister Wang Yi, müssten beide Seiten "auf die Bremse treten und sich an einen Tisch setzen".

Peking hat allergrößtes Interesse daran, einen neuen Korea-Krieg zu vermeiden. Doch US-Präsident Donald Trump scheint zu keinem Kompromiss bereit. Er hat bereits erklärt, notfalls alleine gegen Nordkorea vorzugehen.                                            

Hintergrund: Nordkorea will unbesiegbar sein
J. Hanefeld, ARD Tokio
05.04.2017 14:52 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. April 2017 um 23:34 Uhr

Darstellung: