Das Leben Homosexueller in Mexiko Himmel und Hölle

Stand: 05.03.2016 14:03 Uhr

Widersprüchliches Mexiko: Einerseits dürfen schwule und lesbische Paare heiraten und Kinder adoptieren. Auf der anderen Seite bieten evangelikale Einrichtungen "Therapien" gegen Homosexualität an. Gewalt gegen Homosexuelle ist an der Tagesordnung.

Von Anne-Katrin Mellmann, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Zwei Männer und zwei Mädchen spazieren durch einen gepflegten Park in einer wohlhabenden Gegend von Mexiko-Stadt. Diese sonntägliche Idylle gehört zu den ersten Traditionen der kleinen Familie des Kinderarztes Salvador und des Verwaltungsangestellten Allán, denn erst vor drei Monaten hat das Ehepaar die Zwillinge Isabella und Victoria adoptiert. Die Zweijährigen weichen ihren Papas nicht von der Seite.

Familie von Salvador und Allán
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Die Väter Allán und Salvador mit ihren Töchtern

"Hier in Mexiko-Stadt haben wir noch nie Ablehnung erlebt - im Gegenteil. Die Leute interessieren sich weniger für die Tatsache, dass unsere Töchter zwei Väter haben, als vielmehr dafür, dass sie Zwillinge sind", sagt Salvador. Der 34-Jährige wollte immer Kinder, dachte in jungen Jahren aber, wegen seiner Homosexualität könne daraus nichts werden. Seit 2009 gibt es in drei der 31 Bundesstaaten aber die Homo-Ehe. Mit allen Rechten, die dazu gehören - auch Adoption.

Mexikos konservative Gesellschaft öffnet sich. Gleichzeitig duldet sie jedoch Diskriminierung. "Entschieden sündenfrei - eine intime Beziehung zu Gott ist die Grundlage für die Wiederherstellung von Menschen, die mit einer kaputten Sexualität zu kämpfen haben. Wer überzeugt ist vom Sieg, kann es schaffen. Entschieden sündenfrei!" So wirbt Exodus Latinoamerica, eine der evangelikalen Organisationen, die angebliche Therapien gegen Homosexualität anbieten.

Umpolungsversuche können Depression auslösen

In den USA musste Exodus sein Büro schließen. In Mexiko treiben die selbsternannten Therapeuten weiter ihr Unwesen, versprechen Eltern, ihre homosexuellen Kinder zu "heilen", als handele es sich um psychische Störungen.

Die transsexuelle Aktivistin Vicky
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Die transsexuelle Aktivistin Vicky fordert, "Therapien" gegen Homosexualität zu verbieten.

Welchen Schaden Umpolungsversuche anrichten können, das hat Vicky, 38, am eigenen Leibe erfahren. Die transsexuelle Aktivistin arbeitet für die Organisation Colectivo Sol, die sich für die Rechte von Homosexuellen einsetzt. "Als Kind musste ich mit einem Widerspruch fertig werden: Meine Mutter verlangte, dass ich mich wie ein Junge benahm, ließ mich zu Hause aber mit Puppen spielen. Mein Vater und meine Brüder schickten mich zur Therapie und zu möglichst männlichen Sportarten wie Fußball oder Taekwondo." Schon als sie fünf war, hätten ihre Brüder sie geschlagen, "wenn ich nicht jungenhaft genug auftrat". Sie hätten sie erst in Ruhe gelassen, als sie eine für Mexiko überdurchschnittliche Körpergröße hatte, sagt Vicky.

Die hatte Vicky schon mit 11 erreicht. Sie ist überzeugt, die Familie habe ihr heimlich Hormone verabreicht. Sie lacht zwar oft, wenn sie darüber spricht. Sie ist aber seit Jahren in Behandlung wegen schwerer Depressionen, die durch Ablehnung und Umpolungsversuche entstanden sind. Vicky findet, Therapien gegen Homosexualität sollten gesetzlich verboten werden.

Gewalt gegen Homosexuelle ist an der Tagesordnung

Eine Ansicht, die die beiden Väter Allán und Salvador teilen. Beide hatten eine glückliche Kindheit und Jugend. Dasselbe wollen sie für ihre Töchter. "Schon vor der Adoption hatten wir Angst vor Mobbing. Wie werden sich unsere Töchter in einer homophoben Gesellschaft verteidigen, wenn man sie beschimpft, zwei Väter und keine Mutter zu haben. Zuerst haben wir gedacht, wir wandern aus, in ein weniger konservatives Land. Aber dann fanden wir, dass sich die Dinge hier sehr schnell zum positiven verändern. Unseren Kindern bringen wir bei, wie sie sich verteidigen können", sagt Salvador.

Auch wenn in Mexiko bereits einige sehr fortschrittliche Gesetze in Kraft sind, zum Beispiel die zu Homoehe und Adoption - die Gesellschaft hinkt hinterher. Homophobie und Diskriminierung sind weit verbreitet, Gewalt ist an der Tagesordnung. Zwischen 1995 und 2014 wurden mehr als 1200 Homosexuelle ermordet. In diesem Monat kommt ein Film in die Kinos, der ganz offen schwulenfeindliche Ideen verbreitet: Schwule Paare nähmen Drogen und könnten keine Kinder erziehen, unter anderem weil die dann auch homosexuell würden. Der Macher des Films: ein Evangelikaler.

Mexiko - Therapien gegen Homosexualität?
A.-K. Mellmann, ARD Mexiko City
05.03.2016 14:08 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 04. März 2016 um 05:23 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

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