Loondoner Finanzdistrikt

Banken und der Brexit Aus Notfallplänen werden Umzugspläne

Stand: 19.01.2017 15:31 Uhr

Erste Banken reagieren auf die Ankündigung eines harten Brexit - und planen nun konkreter, Personal aus London abzuziehen. Das machten einige Top-Banker am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos deutlich.

Von Stephanie Pieper, ARD-Studio London

Für Unternehmen, die Umzüge zwischen Insel und Kontinent abwickeln, könnte sich der Brexit noch als gutes Geschäft erweisen: In den Londoner Zentralen der britischen Großbanken Barclays, HSBC und Lloyds, bei der US-Investmentbank Goldman Sachs und beim Schweizer Geldhaus UBS könnten in absehbarer Zeit die Möbelpacker anrücken.

Betroffen sei vor allem jenes Handelsgeschäft, das bisher durch die EU-Gesetzgebung geregelt ist, sagt HSBC-Chef Stuart Gulliver im TV-Sender Bloomberg. Bei HSBC mache das etwa ein Fünftel des Umsatzes aus. Gulliver bereitet sich darauf vor, 1000 Jobs wegen des Brexit von London nach Paris umzusiedeln. Diese Zahl hatte HSBC bereits kurz nach dem Volksentscheid im vergangenen Sommer genannt.

Details der Umzugspläne abhängig vom Brexit-Deal

Bei mehreren Banken wird aus dem Notfallplan langsam ein Umzugsplan. Auch bei der UBS könnten rund 1000 Mitarbeiter und damit jeder fünfte an der Themse betroffen sein, so der Verwaltungsratsvorsitzende Axel Weber in der BBC. Wer, wann, wohin: Das ist nach den Worten Webers abhängig vom Brexit-Deal.

Vom "Passporting", einer Art Reisepass für die Finanzbranche, profitieren bislang alle Banken mit einem Sitz in London: Sie können damit überall in der EU ihre Dienste anbieten. Verlässt Großbritannien den Binnenmarkt, fällt mittelbar auch dieser Vorteil weg. Welche Spielregeln ein neues Freihandelsabkommen für die Finanzindustrie festlegen würde, ist offen.

Auch die britische Großbank Barclays denkt deshalb über Teil-Verlagerungen nach, sagt ihr Chef Jes Staley der BBC: Barclays prüfe gerade die Option, bestimmte Operationen nach Irland oder auch nach Deutschland zu verlagern. Er beziffert aber noch nicht, wie viele Stellen es treffen könnte.

Bleibt London Europas Finanzzentrum?

Großbritannien werde jedoch auch nach dem Brexit die - so wörtlich - "finanzielle Lunge" für Europa bleiben, ist Staley überzeugt. Der britische Finanzminister sieht das ähnlich: Nicht allein der Finanzplatz London sei auf Europa angewiesen, meint Philip Hammond, sondern umgekehrt auch die Banken und Unternehmen auf dem Kontinent auf die Expertise und Services der City. HSBC-Chef Gulliver prophezeit ebenfalls, London werde globales Finanzzentrum bleiben.

Die US-Investmentbank Goldman Sachs allerdings plant dem "Handelsblatt" zufolge, die Zahl der Mitarbeiter in London zu halbieren, von jetzt 3000 auf dann 1500. Demnach ist eine Verlagerung nach Polen, Frankreich oder Spanien sowie ins Mutterhaus in New York avisiert. Einige Bankerumzüge könnten nach dem offiziellen Brexit-Antrag zügig über die Bühne gehen. Dieser soll bis Ende März in Brüssel eingegangen sein. Andere Geldhäuser werden abwarten, bis sich der Nebel über dem Ärmelkanal lichtet - und der neue Beziehungsstatus klar wird.

Brexit: Banken wollen Personal aus London abziehen
Stephanie Pieper, ARD London
19.01.2017 17:48 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 19. Januar 2017 um 14:41 Uhr

Darstellung: