Macron | Bildquelle: REUTERS

Macrons "En Marche" Marschieren - aber wohin?

Stand: 18.11.2017 11:30 Uhr

Macrons Bewegung "En marche" ist in Frankreich ein wahrer Durchmarsch durch die Institutionen gelungen. Nun zeigt sie erste Symptome der Etablierung - mit den entsprechenden unerwünschten Nebenwirkungen. Für manche Anhänger beginnt der Mythos Macron zu bröckeln.

Von Marcel Wagner, ARD-Studio Paris

Es ist gerade einmal eineinhalb Jahre her, da gründete ein gewisser Emmanuel Macron in Frankreich eine politische Bewegung, die er "En marche!" - "Auf dem Weg" nannte. Was da kaum jemand geglaubt hätte: An der Spitze dieser rasant wachsenden Bewegung wurde Macron zuerst quasi aus dem Nichts heraus Präsident. Dann gewann "En marche!" auch die Parlamentswahlen haushoch und nannte sich von da an selbstbewusst "La République en marche" - "Die Republik auf dem Weg".

Heute nun trifft sich die Bewegung in Lyon zu einer Art großem Gründungsparteitag. Denn sie braucht alles Mögliche: Regeln, eine Richtung und einen neuen Chef. Und an der Basis beginnt es zu knirschen.

Cristophe Castaner ist so etwas wie die Allzweckwaffe Macrons: Bereits im Präsidentschaftswahlkampf diente er ihm als Pressesprecher, seit dem Wahlsieg kümmert er sich als Minister um die Beziehungen der Regierung zum Parlament und ist gleichzeitig auch noch offizieller Regierungssprecher.

Ein etablierter Politiker als Anführer

Cristophe Castaner | Bildquelle: REUTERS
galerie

Macrons Weggefährte Cristophe Castaner soll die Bewegung anführen.

Beim ersten großen Parteitag heute, soll er nun auch noch die Führung der von Macron gegründeten Bewegung übernehmen. An Selbstbewusstsein mangelt es dem 51-Jährigen dementsprechend nicht: "Meine Kandidatur finde ich nur folgerichtig. Wir brauchen für die Bewegung 'La République en marche' eine starke Stimme, die trägt. Es gibt einige, die gedacht haben, dass ich diese Stimme habe. Andere haben außerdem gedacht, dass ich die DNA der Bewegung verkörpere."

Tatsächlich ist Castaner ein "Marcheur" der ersten Stunde. Obwohl seinerzeit Abgeordneter der Sozialisten, stellte er sich früh hinter Macron, als der überlegte, mit seiner neu gegründeten Bewegung ins Rennen um die Präsidentschaft einzusteigen. Zum Dank unterstützte Macron dafür seinen treuen Helfer, als es jetzt um die Nachfolge an der Spitze seiner Bewegung ging. Keiner wagte es daraufhin mehr, sich Castaner entgegen zu stellen. Er trat als einziger Kandidat an - und wurde inzwischen gewählt.

Basis sieht Nominierung kritisch

Doch gerade das könnte seine Arbeit an der Spitze sogar erschweren, denn an der Basis rumorte es zuletzt gewaltig: "Schon als im Mai und Juni die Kandidaten für die Parlamentswahl nominiert wurden, wurden wir Anhänger daran gar nicht erst beteiligt. Das sind Praktiken, die ganz der alten Politik ähneln, der Politik, wie sie früher war. So verkörpern wir nicht mehr die Erneuerung der Politik", beklagt sich etwa Emmanuel Drouin.

Gemeinsam mit rund Hundert Anhängern aus der Basis der Bewegung erklärte er kurz vor dem Parteitag medienwirksam seinen Austritt. Öffentlich prangern sie an, dass die durch und durch basisdemokratisch gestartete Bewegung nur noch zu einem stimmenlosen Werkzeug des Präsidenten und der Regierung verkommen sei. Alles eben, nur nicht mehr demokratisch.

Proteste gegen "En Marche" in Rennes | Bildquelle: AFP
galerie

In Frankreich gibt es vermehrt Proteste gegen die Politik von "En Marche".

Von der Bewegung zur Partei?

Und der Marsch durch die Institutionen stellt "En marche" noch vor andere Herausforderungen: Die Bewegung wählt in Lyon eine Art Präsidium und gibt sich ausführliche Regeln, die durchaus als Parteistatut gelten können.

Doch als echte Partei wollen sich die meisten der Zehntausenden Anhänger, deren Zahl nicht einmal klar ist, auf keinen Fall verstehen: "Eine Partei, das ist sehr institutionell, ohne Verbindung zum Alltag der Menschen. Es ist eine Maschine. Wir dagegen wollen eine Bewegung bleiben. Denn die Gründung von 'En marche' war ein Erfolg, weil damit Menschen angesprochen wurden, die nie zuvor in einer Partei waren", erhofft sich Céline Calvez, die tatsächlich als Politikneuling zu der Bewegung kam und nun als Abgeordnete im Parlament sitzt.

Wenig Zeit für viele Fragen

Aber bleibt man eine Bewegung, indem man sich einfach weigert, sich Partei zu nennen? Und wieviel Aufbruch steckt wirklich noch in "La République en marche"? Die sechseinhalb Stunden, die der Parteitag dauern soll, werden kaum ausreichen, all das zu diskutieren. Die Kritiker dürften sich in der Annahme bestätigt sehen, dass manche an der Spitze das auch besser so finden.

"En marche!" - aber wohin eigentlich?
Marcel Wagner, ARD Paris
17.11.2017 21:35 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete am 18. November 2017 NDR Info in den Nachrichten um 05:00 Uhr und Deutschlandfunk um 08:00 Uhr.

Darstellung: