Kazuo Ishiguro | Bildquelle: REUTERS

Nobelpreis für Autor Ishiguro Ein Erforscher des Verdrängten

Stand: 05.10.2017 15:24 Uhr

Welche Rolle spielt die Vergangenheit - die eigene und die einer Nation? Was geschieht, wenn diese Vergangenheit vergessen, das Erinnern aufgegeben wird? Das sind einige der Fragen, die den neuen Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro antreiben.

Von Jan Ehlert, NDR

Ist es besser, sich zu erinnern, oder lebt man glücklicher, wenn man die Vergangenheit vergisst? Schon als Kind war Kazuo Ishiguro mit dieser Frage konfrontiert. Die ersten fünf Jahre seines Lebens verbrachte er, 1954 geboren, in der japanischen Stadt Nagasaki - eine glückliche, sorgenfreie Kindheit, wie er sagt. Doch gleichzeitig sei da auch immer dieses andere Bild der Stadt gewesen, das seine Kindheit überschattete: Die Zerstörung durch den Abwurf der Atombombe im Jahr 1945.

Nichtwissen oder Nichtwissenwollen?  

Die Schatten der Vergangenheit holen auch seine Protagonisten immer wieder ein. In "Der Maler der fließenden Welt" sieht sich der Ich-Erzähler, der gealterte Künstler Masuji Ono, nach dem Zweiten Weltkrieg damit konfrontiert, dass er mit den Faschisten kollaborierte - mit dem Krieg ist auch seine künstlerische Karriere zu Ende. In seinem mehr als 730 Seiten starken Buch "Die Ungetrösteten" ist es der Pianist Ryder, der nur vage ahnt, dass er all die Menschen um sich herum aus einer früheren Zeit kennt, das aber lieber verdrängen möchte. Und in Ishiguros wohl bekanntestem Roman, "Was vom Tage übrig blieb", ist es der Butler, Stevens, der nur langsam begreift - oder begreifen will - dass sein Arbeitgeber mit den Nationalsozialisten zusammen arbeitete. Zwei jüdische Dienstmädchen, die zwischenzeitlich Beschäftigung im Haus finden, werden weggeschickt - vermutlich in den Tod. Wie viel davon hätte Stevens wissen können? Wo ist die Grenze zwischen Nichtwissen und Nichtwissenwollen? Für "Was vom Tage übrigblieb" wurde er 1989 mit dem Booker-Prize ausgezeichnet.

Kazuo Ishiguro | Bildquelle: AFP
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Der Literaturnobelpreisträger 2017: Kazuo Ishiguro.

Gespür für aktuelle Themen  

Dass Ishiguro, der mit fünf Jahren nach England kam, Bücher schreibt, ist einem Scheitern zu verdanken. Eigentlich wollte er Rockstar werden. Doch mit seiner Musik konnte er nicht überzeugen. Umso mehr mit seinen Romanen. Sie spielen in England oder Japan - dennoch bleiben sie auffallend ortlos. Denn seine Themen sind von internationaler Relevanz, mit einem guten Gespür für aktuelle Fragen. In dem erschütternden Roman "Alles, was wir geben mussten" schildert er das Schicksal von drei Freunden, die in einem Internat darauf warten, als Organspender anderen, reicheren Menschen das Leben zu retten.

Christine Gerberding, Kulturredaktion NDR, mit Informationen zu Kazuo Ishiguro
tagesschau24 15:00 Uhr, 05.10.2017

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Der Riese schläft nur

Und auch die Frage des Vergessens ist nach wie vor aktuell. In Interviews betont Ishiguro immer wieder, dass jedes Land seine dunklen Kapitel hat, die es verdrängen möchte. Und auch jeder einzelne von uns: "Jeder von uns ist ein Butler", brachte er es auf einer Amerikareise auf den Punkt. Oder: Jedes Land hat seinen begrabenen Riesen. Eine nicht aufgearbeitete Zeit, bei der unklar ist, was passiert, wenn man sich wirklich daran macht, sie auszugraben.

Das demonstriert er auch in seinem aktuellen Buch, das diesen Titel trägt: "Der begrabene Riese". Darin hat sich ein dichter Nebel über das Land gelegt, der alle Erinnerungen auslöscht. Früher hat man sich bekämpft und umgebracht, heute weiß man nicht mehr so genau, wieso eigentlich. Und genau darin liegt die Gefahr. Das Buch spielt im England des frühen Mittelalters - es könnte aber auch in der Jetztzeit spielen. Überall dort, wo die grausamen Taten der Vergangenheit in Vergessenheit zu geraten drohen. Denn der begrabene Riese in Ishiguros Roman ist längst nicht besiegt. Er schläft nur - und wartet darauf, dass jemand unvorsichtig genug ist, ihn wieder aufzuwecken.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 05. Oktober 2017 um 14:00 Uhr.

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