Labour-Politiker Corbyn und Smith bei einer gemeinsamen Diskussionsrunde

Urwahl des Parteichefs Wer führt Labour - und wohin?

Stand: 24.09.2016 01:32 Uhr

Nach dem überraschenden Brexit-Votum ist die Labour Party zerstrittener als je zuvor. Heute nun gibt die größte britische Oppositionspartei bekannt, ob Corbyn Parteichef bleibt oder ob sein Herausforderer Smith in der Urwahl das Rennen gemacht hat.

Von Stephanie Pieper, ARD-Studio London

Labour-Chef Jeremy Corbyn
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Labour-Chef Jeremy Corbyn hat das Vertrauen der Fraktion verloren, weiß aber viele Mitglieder an der Basis weiter hinter sich.

Die Labour-Basis bejubelt Jeremy Corbyn, vor allem junge Leute sind in Scharen in die Partei eingetreten, weil sie den 67-Jährigen für die Zukunft halten. Die Mitglieder katapultierten ihn, den Außenseiter, vor einem Jahr überraschend an die Parteispitze.

Und es sieht alles danach aus, dass Corbyn auch heute in Liverpool wieder der Sieger sein wird: "Wir werden zusammenkommen, um gegen die Tories und all das, was sie anrichten, zu kämpfen - und für eine gerechtere Gesellschaft." Corbyn vertritt radikal linke Positionen: gegen die NATO, gegen die atomare Bewaffnung Großbritanniens, für die Verstaatlichung der Eisenbahn, für einen starken Sozialstaat.

Kaum Chancen für moderaten Kandidaten

Labour-Politiker Owen Smith
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Herausforderer Owen Smith hat nur geringe Chancen auf den Vorsitz.

Der nicht ganz so linke Owen Smith will die Partei wieder Richtung Mitte rücken, doch der Abgeordnete musste seine Niederlage bei der Urwahl schon so gut wie eingestehen. Er wolle künftig als Hinterbänkler dabei helfen, so der Herausforderer, Labour wieder an die Macht zu führen.

Selbst seine vielen prominenten Unterstützer wie Londons Bürgermeister Sadiq Khan und Ex-Parteichef Ed Miliband konnten Smith offenbar nicht zum Sieg zu verhelfen. In seiner Kampagne für den Parteivorsitz hatte der 46-Jährige unter anderem ein zweites EU-Referendum versprochen, sobald der neue Deal zwischen London und Brüssel feststeht - um den Brexit noch zu verhindern. Den euroskeptischen Corbyn dagegen bezeichnen manche als heimlichen Brexit-Fan, auch wenn Labour offiziell für den EU-Verbleib gekämpft hatte.

Fraktion auf Konfrontationskurs zu Corbyn

Drei Viertel der Fraktion steht nicht mehr hinter ihrem Vorsitzenden. Auch die aus Bayern stammende Abgeordnete Gisela Stuart gehörte zu jenen 172 Labour-Parlamentariern, die ihrem Parteichef bereits Ende Juni das Misstrauen ausgesprochen hatten.

Gisela Stuart
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Die Abgeordnete Gisela Stuart hält Cobyn nicht für den Parteivorsitz geeignet.

Labour stecke damit, sagt die Brexit-Befürworterin Stuart, in dem Dilemma: "Dass ein Großteil der Abgeordneten der Meinung sind, dass die Parteiführung von Jeremy Corbyn nicht kompetent genug ist, dass wir die nächste Regierung bilden können. Aber unsere Parteimitglieder, die lieben Jeremy Corbyn!"

Tories profitieren vom Labour-Streit

Die regierenden Konservativen können sich derweil am Drama bei Labour ergötzen: In den Meinungsumfragen liegt Premierministerin Theresa May meilenweit vor Corbyn. Das lässt den früheren Labour-Chef Neil Kinnock, inzwischen 74 Jahre alt, verzweifeln: "Dies ist die größte Krise der Labour Party in ihrer Geschichte. Wenn sich die Dinge nicht radikal und schnell ändern, dann werde ich zu meinen Lebzeiten keine weitere Labour-Regierung erleben."

Angst vor Spaltung der Partei

Nicht wenige befürchten, die Partei könnte sich spalten - in einen Corbyn- und einen moderaten Flügel. Tony Travers, Politik-Professor an der London School of Economics, hält eine Spaltung für unwahrscheinlich - aber einen Labour-Wahlsieg 2020 auch: "Die Konservativen sind bekannt für ihre pragmatischen Charakter: Sie passen sich an, um wählbar zu bleiben. Labour dagegen verändert sich gerade so, dass sie nicht wählbar werden - und das ist ihr Problem."

Der Richtungsstreit bei Labour dürfte - nach der voraussichtlichen Wiederwahl von Jeremy Corbyn - die Debatten auf dem Parteitag bestimmen.

Corbyn vs. Smith: Wer wird (neuer) Labour-Chef?
S. Pieper, ARD London
23.09.2016 23:17 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. September 2016 um 06:27 Uhr

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