Vaccarecia, ein Dorf in dem die Deutschen ein Massaker anrichteteten. | Bildquelle: picture-alliance/ dpa

Wehrmachtsverbrechen in Italien "Die Schweine ließen sie leben"

Stand: 09.11.2015 16:59 Uhr

Am Ende des Zweiten Weltkriegs wüteten Soldaten der Wehrmacht in Italien, auf ihrem Rückzug ermordeten sie auch viele Zivilisten. In der Toskana erinnert künftig ein Dokumentationszentrum an die Verbrechen. Außenminister Steinmeier kam zur Eröffnung.

Von Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom

Das großflächige Sumpfgebiet liegt mitten in der Toskana, auf halber Strecke zwischen Pisa und Florenz. Heute ist der "Padule di Fucecchio" mit seinen Gräben und Kanälen ein einsamer, idyllischer Ort. Vor 70 Jahren, am Ende des Zweiten Weltkriegs, kamen die Städter hierher aus Angst vor den Bombardements der Alliierten. Sie trafen auf eine deutsche Armee, die auf dem Rückzug war. Auf Wehrmachtssoldaten, die einheimische Partisanen bekämpften und auch vor grausamsten Vergeltungsmaßnahmen an der Zivilbevölkerung nicht zurückschreckten.

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Am 23. August 1944 fielen die  Deutschen in die Sümpfe von Fucecchio ein. Und Lidia Malucchi verlor an diesem Tag ihren Vater: "Ich war sieben Jahre alt und erinnere mich noch an viele Dinge. Wir haben meinen Vater nicht mehr gefunden. Und mein Bruder war sich sicher, dass er bei unseren Schweinen Unterschlupf gesucht hatte, und als dann meine große Schwester nachsah, fand sie ihn tot. Die Soldaten hatten den Vater erschossen und die Schweine am Leben gelassen."

Kinder und Greise erschossen

Beim Prozess gegen die drei letzten noch lebenden Angehörigen der Kompanie trat Lidia Malucchi als Nebenklägerin auf. Die Wehrmachtssoldaten wurden vor vier Jahren in Abwesenheit zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt, Lidia Malucchi bekam eine Entschädigung von 350.000 Euro zugesprochen. Denn mit Krieg und Kampf hatte das, was die Wehrmacht am 23. August 1944 anrichtete, nichts zu tun. Sie traf auf keinen einzigen Partisanen, auf keinen einzigen Menschen, der mit Waffen Widerstand leistete. Die Opfer seien ausnahmslos Zivilisten gewesen, betont Bürgermeister Pierluigi Galligani: "Es war kein Angriff auf Partisanen. Es wurden Kinder von vier Jahren getötet und über 90-Jährige. Frauen und Männer, die man in ihren Häusern antraf oder die morgens auf der Straße unterwegs waren."

174 Frauen und Männer starben an diesem Tag. Doch keiner der Täter musste ins Gefängnis, und Frau Malucchi hat bis heute keinen Euro gesehen. Die Bundesrepublik weigert sich, verurteilte Wehrmachtsangehörige auszuliefern und Entschädigungszahlungen zu leisten. Auch wenn heute historisch erwiesen ist, dass die deutsche Armee auf ihrem Rückzug in Italien besonders grausam vorgegangen ist. Filippo Focardi ist Historiker an der Universität Padua erklärt, es sei ein richtiger und sehr blutiger Krieg gegen die Zivilbevölkerung gewesen, "der vor allem in der Emilia Romagna und Toskana ganze Dörfer traf: Frauen, Kinder, Alte.  Das waren die schlimmsten Massaker in Westeuropa. Und dabei handelte  es sich gar nicht so sehr um Racheakte, da ging es ganz planmäßig um Landgewinn."

Ansprüche gegen Deutschland zurückgewiesen

Gruppe deutscher Soldaten in einer Verteidigungsstellung bei Cassino (1944) | Bildquelle: picture alliance / akg-images
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Gruppe deutscher Soldaten in einer Verteidigungsstellung bei Cassino im Jahr 1944

Juristisch ist der Fall geklärt. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag hat die Ansprüche gegen Deutschland zurückgewiesen: Kein Staat kann einen anderen in Haftung nehmen. Für die Opfer und ihre Angehörigen in Italien ist das unbefriedigend. Das weiß die Bundesregierung und unterstützt seit Jahren intensiv die Erinnerungsarbeit in Italien. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier weiht heute in den Sümpfen von Fucecchio ein Dokumentationszentrum ein, das mit deutschen Mitteln errichtet wurde.

Bürgermeister Galligani will hier dafür sorgen, dass der 23. August 1944 nie vergessen wird: "In diesem Zentrum werden historische Dokumente gezeigt, nicht, um die Schuldigen zu verfolgen, sondern um an die historischen Fakten zu erinnern. Als Mahnung, damit so etwas nie wieder passiert."

Von den Soldaten, die im August 1944 in Padule di Fucecchio dieses Massaker anrichteten, lebt nur noch einer. Und auch die Überlebenden sind über 70 Jahre alt. Dass Italien erst so spät mit der Aufarbeitung dieser Gräueltaten angefangen hat, gehört auch zu dieser Geschichte. Um eigene Kriegsverbrecher zu schonen, lagen die Akten zu Fucecchio und all den anderen Massakern über Jahrzehnte verschlossen in einem Stahlschrank in Rom.

Gedenkstätte für Wehrmachtsverbrechen in der Toskana
T. Kleinjung, ARD Rom
09.11.2015 13:19 Uhr

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